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Die Vermessung der Zukunft

Unsere Gegenwart wird entscheidend vom Wissen um die Zukunft bestimmt. Damit versorgen uns Seher, Propheten und Zukunftsforscher. Gedanken über Sinn und Unsinn von Prognosen.

Soviel ist gewiss: Die Zukunft ist ungewiss. Doch schon immer hat der Mensch versucht, die Ungewissheit der Zukunft in Gewissheit zu überführen oder sie wenigstens zu verringern. Schließlich lebt er nicht bloß im Heute und im Gestern, sondern auch im Morgen. Er hat nicht nur eine Zukunft, sondern er weiß um sie, und sein Leben wird entscheidend von seinem Wissen um die Zukunft bestimmt. Doch was sie bringen mag, bleibt ungewiss. Die Zukunft ist der Raum des Möglichen, das unsere Fantasie beflügeln oder Ängste in uns aufsteigen lassen kann. Sie ist das unbekannte Land unserer Wünsche, Sehnsüchte, Träume und Hoffnungen, aber auch unserer Albträume und Schreckensvisionen.

Um seine Zukunft ist der Mensch besorgt. Die Haltung der Sorge charakterisiert sein Leben insgesamt. Sich um sich selbst, um andere, um etwas zu sorgen, wird in der Vorsorge praktisch. Sich nicht sorgen zu müssen, ein sorgloses Leben zu führen und in den Tag hinein zu leben, ist zwar eine tiefe menschliche Sehnsucht, von der zum Beispiel die Glücksspielindustrie lebt. Aber im Alltag halten wir radikale Sorglosigkeit für verantwortungslos, wie die alte Fabel von der Grille und der Ameise zeigt. Als die Grille, die den ganzen Sommer unbekümmert gezirpt und das Leben genossen hat, bei Winteranbruch die Ameise um Unterstützung bittet, wird sie unwirsch abgewiesen und für ihre Kurzsichtigkeit getadelt. Verstörend wirkt bis heute die Aufforderung Jesu in der Bergpredigt, sich nicht zu sorgen, sondern ganz auf Gott zu vertrauen.

Wirklichkeits- und Möglichkeitssinn

Wie Robert Musil im "Mann ohne Eigenschaften“ geschrieben hat, gibt es nicht nur einen Wirklichkeitssinn, sondern auch einen Möglichkeitssinn. "Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muß geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müßte geschehn; und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, daß es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein.“

Möglichkeiten auszuloten, das Wahrscheinliche vom Unwahrscheinlichen zu trennen und die ungewisse Zukunft unter Kontrolle zu bringen, haben Menschen in vergangenen Zeiten durch religiöse und magische Praktiken versucht, die auch heute noch vorkommen. Ob die Sterne oder die Karten befragt werden, ob man an Hellseher glaubt oder sich aus der Hand lesen lässt, stets geht es darum, in die Zukunft zu schauen, um sich auf sie einstellen zu können. Berühmt ist das antike Orakel zu Delphi, dessen Weissagungen freilich zumeist eindeutig zweideutig waren. Die Mantik stützte sich neben der Astrologie auf die Beobachtung des Vogelflugs oder die Organbeschau von Opfertieren. Daneben aber gab es auch das Phänomen der Prophetie, das kennzeichnend für Offenbarungsreligionen ist. Man denke vor allem an die Propheten Israels in alttestamentlicher Zeit - und ihre Konflikte mit den Ratgebern der israelitischen Könige, die sich ebenfalls Propheten nannten.

Eine besondere Form der Zukunftsansage und Zukunftserforschung ist die Apokalyptik. Apokalypsis heißt auf Deutsch Enthüllung. Es geht um die Enthüllung der Zukunft und der Gegenwart aufgrund einer göttlichen Offenbarung. Zu den Eigentümlichkeiten apokalyptischer Schriften und Bewegungen - man denke in der Bibel an das Buch Daniel oder die Johannes-Apokalypse - gehört der Versuch, das Ende der Geschichte zu berechnen und auch die Abfolge der vorausgehenden Ereignisse in ein festes Ordnungsschema zu bringen. Durch Endzeitberechnungen wird der Möglichkeitssinn, von dem Robert Musil spricht, in vermeintlichen Wirklichkeitssinn überführt. Unter Berufung auf ein höheres Offenbarungswissen findet die Vermessung der Zukunft statt.

Der modernen, aufgeklärten Vernunft ist Offenbarungswissen verpönt. Aber auch sie setzt auf die Berechnung und Vermessung der Zukunft, gestützt auf Wissenschaft und mathematische Exaktheit. Die Rechenhaftigkeit und Mathematisierung zählt zu den Grundeigentümlichkeiten moderner Wissenschaft und Technik. Sie prägt nicht nur die modernen Naturwissenschaften und die Ökonomie, sondern auch die heutige Medizin, die Humanwissenschaften und die Methoden empirischer Sozialforschung. Die moderne Wissenschaft aus dem Geist der Mathematik setzt sich zum Ziel, das Unberechenbare berechenbar zu machen.

An die Stelle der Seher und Propheten sind in der modernen Gesellschaft die Zukunftsforscher getreten. Daneben wird das alte Metier der Zukunftserforschung in neuem Gewand betrieben: Ob in der Politikberatung, in der Wirtschaft, in der Bevölkerungsforschung oder in der Umwelt- und Klimaforschung - überall steht die Wissenschaft im Dienst der Zukunftsvorhersage. Ein Heer von Experten versorgt uns täglich mit Prognosen, von der Wettervorhersage über die Börsennachrichten und Wirtschaftsprognosen bis zum Polit-Barometer.

Wahrscheinlichkeit oder Gewissheit?

Wer auf die Eroberung und Kontrolle der Zukunft durch Mathematik und Wissenschaft setzt, sieht sich freilich häufig enttäuscht oder in tiefe Verwirrung gestürzt. Nicht selten prallen widersprüchliche Expertenansichten aufeinander. Auf welche soll man setzen, wenn es um weitreichende Entscheidungen geht, die über unsere eigene Lebenszeit hinaus Folgen haben? Während zum Beispiel der Mainstream der Klimaforscher mantraartig Politik und Öffentlichkeit darauf einschwört, eine Begrenzung der Erwärmung um maximal zwei Grad Celsius sei ein zwar ehrgeiziges, aber noch immer realistisches Ziel, halten dies andere Klimaforscher für Selbstbetrug und fordern uns dazu auf, uns auf eine Erwärmung um vier Grad einzustellen - mit allen verheerenden Konsequenzen, die weltweit zu erwarten sind.

Mathematische Modelle, Kurven und Statistiken drohen auch den Sinn für den Unterschied zwischen Möglichkeits- und Wirklichkeitssinn zu trüben. Wahrscheinlichkeiten werden gern mit Gewissheiten verwechselt. In Wahrheit ist der Zuverlässigkeitsgrad wissenschaftlich gestützter Prognosen höchst unterschiedlich. Dass Erdbebenforscher in Italien von einem Gericht für schuldig gesprochen worden sind, weil sie das Erdbeben in L’Aquila nicht vorhergesehen haben, hat die Fachwelt zu Recht empört. Anders steht es im Fall der Rating-Agentur Standard & Poor’s, die von einem australischen Gericht zu hohen Entschädigungszahlungen verurteilt worden ist, weil Anleger auf überbewertete hochriskante Investments gesetzt und mehr als neunzig Prozent ihrer Einlagen verloren haben.

Das Paradoxe an Prognosen ist vor allem, dass sie die Zukunft nicht bloß beschreiben oder imaginieren, sondern beeinflussen. Man denke nur an den Einfluss von Wahlprognosen auf das Wählerverhalten. Generell können Prognosen als Selffulfilling oder Selfdestroying Prophecy wirken oder als eine Form des Wishful Thinking. Subtil sagen sie nicht nur, was sein könnte, sondern auch, was vielleicht sein sollte.

Wissenschaftlich gestützte Prognostik und Prophetie bilden keinen strikten Gegensatz. Nicht zufällig werden beispielsweise Wirtschaftsexperten als Weise bezeichnet - ganz wie die Weisen aus dem Morgenland in der Geburtslegende Jesu. Alle Mathematik kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass vieles auf dem Gebiet der Prognostik nicht allein eine Sache der Psychologie, sondern eine Sache des Glaubens ist. Es fragt sich nur, worauf dieser Glaube sich stützt und welcher Glaube in Anbetracht der Ungewissheiten des Lebens und der Zukunft wirklich zu tragen vermag.

Der Autor ist Professor an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Uni Wien.

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