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Feuilleton

Die Vibration ? der Seele

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Zwischen 1910 und 1920 hatte die Bewegung des Expressionismus ihre Blütezeit. Das apokalyptische Grundgefühl dieses Jahrzehnts fasziniert auch heute noch.

"Täusche ich mich nicht, so ist es der Sinn des Expressionismus, dass die innere Bewegtheit des Künstlers sich ganz unmittelbar, so wie er sie erlebt, in das Werk oder noch genauer als das Werk fortsetzt." So beschreibt der Philosoph Georg Simmel die Bewegung des Expressionismus, die zwischen 1910 und 1920 ihre Blütezeit hatte. Diese künstlerische Strömung - eine Revolte gegen die verkrusteten Strukturen der Gesellschaft, an der zahlreiche Schriftsteller/innen und Maler/innen beteiligt waren - steht zurzeit im Zentrum zahlreicher Ausstellungen und Publikationen, die an das kulturrevolutionäre Potenzial des Expressionismus in Dichtung und Malerei erinnern.

Das Ziel der expressionistischen Künstler/innen bestand darin, die Seele zum Vibrieren zu bringen und die Lebensintensität zu steigern; "unmittelbar und unverfälscht" sollte ihr Schaffen sein, wie es im Programm der Künstlergruppe "Brücke" hieß, der unter anderen Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff angehörten. Der Hauptfeind war der Bourgeois, der Spießer; seine angepasste Lebensweise sollte demontiert werden; das Mittel dafür war eine Kunst, die all das ausdrückte, was die Künstler/innen existenziell bewegte: Sympathie mit den Außenseitern der Gesellschaft, mit den sozial Deklassierten, Prostituierten, Selbstmördern oder Verrückten, Widerstand gegen die Herrschaft des Kapitals, Angst vor dem Krieg, Depressionen oder die Evokation der Fantasiewelten, wie sie Haschisch, Opium oder Kokain vermitteln.

"Verfluchtes Geschlecht"

Das sogenannte "expressionistische Jahrzehnt" zeichnete sich durch ein apokalyptisches Grundgefühl aus. Künstler wie Georg Trakl hatten den Eindruck, einem "verfluchten Geschlecht" anzugehören. Wirtschaftliche Krisen, politische Wirren und die Massenverelendung breiter Bevölkerungsschichten ließen das Gefühl einer tiefgreifenden Ohnmacht aufkommen, die bald in Verzweiflung umschlug; so sprach etwa Gottfried Benn von einem "Chaos von Realitätszerfall und Werteverkehrung". Dazu kamen noch die dunklen Vorahnungen des Ersten Weltkriegs, die von Georg Trakl in dem Gedicht "Menschheit" visionär beschrieben wurden: "Menschheit vor Feuerschlünden aufgestellt/Ein Trommelwirbel, dunkler Krieger Stirnen/Schritte durch Blutnebel; schwarzes Eisen schellt/Verzweiflung, Nacht in traurigen Gehirnen."

Ein weiteres zentrales Motiv, das in den Gedichten und Bildern von expressionistischen Künstler/innen häufig auftaucht, ist die moderne Großstadt, die eine bis dahin nicht vorstellbare Fülle an verschiedenen Sinneseindrücken aufweist. "Welch ein Trommelfeuer von bisher ungeahnten Ungeheuerlichkeiten prasselt seit einem Jahrzehnt auf unsere Nerven nieder!", notierte der Schriftsteller Kurt Pinthus. Die Ursachen für dieses Trommelfeuer waren die "von Verkehrsmitteln wimmelnden Straßen", die Verbreitung neuer Kommunikationsmittel wie Radio, Schnellpresse, Telegraf oder Telefon und die Nutzung der Elektrizität für die Beleuchtung der Großstädte. Der Soziologe Georg Simmel berichtete "von schreienden Lichtreklamen, rasselnden Straßenbahnen, keuchenden Omnibussen und von einem wahnsinnigen Getöse einer tobenden Menschenmasse geprägt wurde".

Kennzeichen der Moderne waren Hektik und Nervosität. Von dieser Nervosität zeugen die Großstadtbilder des Malers Ernst Ludwig Kirchner, der 1908 nach Berlin kam. In der im Dumont Verlag publizierten Studie über Kirchner berichtet der Kunsthistoriker Lucius Grisebach, dass das Leben in Berlin eine große Herausforderung für den Künstler darstellte. Hier riss ihn das turbulente Leben auf den Straßen der Großstadt mit, und hier entstanden Bilder, in denen das ekstatische Vibrieren der Stadt nachvollziehbar wird, wie dies auch im Gedicht "Punkt" von Alfred Lichtenstein dargestellt wird: "Die wüsten Straßen fließen lichterloh/Durch den erloschenen Kopf. Und tun mir weh./Ich fühle deutlich, dass ich bald vergeh/Dornrosen meines Fleisches, stecht nicht so."

Das Erlebnis der Großstadt beeinflusste nicht nur den Wahrnehmungsapparat der Künstler/innen, sondern konfrontierte sie auch mit den Nachtseiten der menschlichen Existenz. Soziales Elend, Drogenabhängigkeit, Prostitution oder Kriminalität waren Begleiterscheinungen des Großstadtlebens, von denen eine große Faszination ausging.

Die dunklen Sphären des Lebens

So auch für den Maler Ernst Ludwig Kirchner und den Schriftsteller Georg Heym, der als 24-Jähriger einen frühen Tod durch Ertrinken fand. Ein exemplarisches Dokument dieser Faszination ist der Gedichtband "Umbra vitae", den Kirchner 1919 illustrierte. Wie bereits der Titel suggeriert, beziehen sich die Themen des Gedichtbandes auf die dunklen Sphären des Lebens; auf Angst, Depression, Isolation, Selbstmord und Wahnsinn: "Dann kriechen sie wie Mäuse eng zusammen/Und schlafen unter leisem Singen ein./Des fernen Abendrotes tote Flammen/Verglühen sanft auf ihrer Schläfen Pein." ("Die Irren") Es waren dies alles Phänomene, die Kirchner aus eigenem Erleben gut bekannt waren: "Mein Leben ist ein ewiges Warten und Trauern, es gibt keine ruhige Zeit mehr darin." Damit korrespondiert eine Passage aus Heyms Gedicht "Umbra vitae": "Schatten sind viele. Trübe und verborgen./Und Träume, die an stummen Türen schleifen/Und der erwacht, bedrückt vom Licht der Morgen/Muss schweren Schlaf von grauen Lidern streifen." Der Gedichtband "Umbra vitae" - eine Sammlung von Schreckensvisionen - gilt heute als eines der eindrucksvollsten Bücher des Expressionismus; er ist das Paradebeispiel für ein geglücktes Experiment, das eine Synthese von Bild und Kunst vornimmt.

Ebenfalls eine Synthese strebt die Ausstellung "Gesamtkunstwerk Expressionismus: Film, Literatur, Kunst, Theater, Tanz und Architektur 1905-1925" auf der Mathildenhöhe in Darmstadt an. Die Kuratoren Ralf Beil und Claudia Dillmann haben die Absicht, einen interdisziplinären Blick auf die gesamte künstlerische Produktion des Expressionismus zu werfen. Dabei stehen nicht so sehr die einzelnen Künstler/innen im Mittelpunkt, sondern vielmehr deren Bestreben, ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, in dem die Einheit von Leben und Kunst realisiert wird. In 28 Sälen werden Gemälde, Plakate, Skulpturen, Filmausschnitte, Musikstücke und Zeitdokumente von 1905 bis 1925 gezeigt, die die engen Verflechtungen in den Bereichen Malerei, Film, Literatur, Theater, Tanz und Architektur aufzeigen. Ein besonderes Anliegen besteht auch darin, die Doppel- und Mehrfachbegabungen expressionistischer Künstler wie Wassily Kandinsky, Oskar Kokoschka, Alfred Kubin, Ernst Barlach oder Arnold Schönberg zu präsentieren.

Ineinander von Kunst und Leben

Eine solche Doppelbegabung war auch Else Lasker-Schüler, die in originärer Weise Literatur und Malerei verband. Ihr Expressionismus bestand darin, ihre Gefühlswelt direkt in Werke umzusetzen. In dem 1914 entstandenen Geschichtenbuch "Der Prinz von Theben" schuf sich die sensible Künstlerin eine Identität als Prinz Jussuf von Theben, "aus der Nacht und der tiefsten Not geboren". Sie verwandelte sich darin in einen Prinzen, der nichts mehr von der Wirklichkeit und von kausalem Geschehen weiß. Der Androgyn Prinz Jussuf war für Lasker-Schüler nicht nur eine literarische Fiktion, sondern auch der Entwurf einer poetischen Lebensweise, in dem es ihr gelang - im Sinne des expressionistischen Gesamtkunstwerks - nicht nur die verschiedenen Künste zu verschmelzen, sondern auch Leben und Kunst so zu verbinden, dass beides ineinander fließt.

Gesamtkunstwerk Expressionismus

Unter diesem Titel zeigt eine Schau im Ausstellungsgebäude der Mathildenhöhe in Darmstadt "Kunst, Film, Literatur, Theater, Tanz und Architektur 1905-1925" (von dort stammen auch die Bilder auf dieser Seite). Veranschaulicht werden sollen "die vitalen Netzwerke ? und genuinen Wechselwirkungen der künstlerischen Gattungen des Expressionismus" (bis 13. Februar 2011).

www.mathildenhoehe.info