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Feuilleton

Die Waffen WIEDER

1945 1960 1980 2000 2020

Gewehrläufe vor Münster, Synagoge und am Bahnhof, Scharfschützen gehen auf dem Parlamentsdach in Stellung: Jahresrückblick aus Straßburg.

1945 1960 1980 2000 2020

Gewehrläufe vor Münster, Synagoge und am Bahnhof, Scharfschützen gehen auf dem Parlamentsdach in Stellung: Jahresrückblick aus Straßburg.

Der Platzregen ist bereits einige Zeit vorbei, die Straßen und Plätze trocknen schon wieder, aber am Dach des Straßburger Münsters rauscht das Wasser immer noch. Das Kathedralendach ist so ausladend, so verwinkelt, so verzweigt, dass der Regen sich erst seinen Weg an den Gaupen vorbei, die Ichsen entlang bis zu den mit Drachen-, Hunde-, Schweineköpfen drapierten Wasserspeiern suchen muss. Das dauert. Aber so wie der Niederschlag auf dem Domdach irgendwann in den Gully findet, so kommt auch jede Verwerfung auf diesem Kontinent, in dieser Europäischen Union in Straßburg an, im Europaparlament, im Europarat, im Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, bei der Europäischen Bürgerbeauftragten Auch das dauert, aber alles, was in Europa wirbelt, landet irgendwann in Straßburg, so wie der Regen vom Münsterdach.

Denkt ein Dom? Wundern sich Steine? Langweilen sich Fenster? Oder ist denen das Rundherum völlig egal? Dieses Jahr feierte die Stadt 1000 Jahre Grundsteinlegung ihrer Kathedrale. Der Neubau war notwendig geworden, nachdem um die erste Jahrtausendwende herum der Straßburger Bischof Wernher von Habsburg in den Streit um den Kaiserthron verwickelt wurde, dessen Konsequenz für Straßburg ein Zeitgenosse so kommentierte: "Das verwünschte Alemannenpack brach ohne Wissen des Herzogs in die der Heiligen Gottesmutter geweihte Hauptkirche ein und steckte das Gotteshaus in Brand."

Eine Lichtinstallation auf die Südfassade der Kathedrale projiziert, hat im Jubiläumsjahr diese tausendjährige Baustelle in wenigen Minuten nachgezeichnet und lässt sich in zwei Wörtern zusammenfassen: Aufbau und Zerstörung, immer wieder. Und mit jedem Wiederaufbau ist das Werk schöner, größer, höher geworden, bis es einmal sogar das höchste Gebäude der Welt war.

Baustelle Europa

Das ist das Straßburger Münster schon lange nicht mehr, aber das höchste Gebäude der Stadt ist es geblieben. Das Europaparlament, der zweite Straßburger Monumentalbau, bringt es mit 60 Metern Höhe nicht einmal auf die Hälfte der Domspitze. Im Unterschied zum Münster wirkt der Parlamentsbau aber auch noch nicht fertig. Im Gegenteil, die Architektur des Rundbaus mit seinen unterschiedlich hohen Stockwerken und ohne einen Dachdeckel erinnert vielmehr an Pieter Bruegels berühmtes Gemälde vom Turmbau zu Babel. Passt in der Form auch besser zur Baustelle Europa und der aktuell wieder einmal akuten EU-Sprachverwirrung; ein Knoten, den weder Übersetzerdienst noch Dolmetscherheere, sondern ausschließlich ein neuer europäischer Geist der Solidarität und des Mit-statt Gegeneinanders wird lösen können.

Gleich schauen aber die Plätze vor und rund um das Münster und vor und rund um das Parlament und den anderen öffentlichen Gebäuden der Stadt aus. Da sind seit dem Terroranschlag in Paris unzählige Gewehrläufe gewachsen, patrouillieren schwer bewaffnete Soldaten und Polizisten zwischen den Weihnachtsmarkt-Standeln und versuchen mit martialischem Äußeren ein Gefühl der Sicherheit zu verbreiten. Auch vor der Synagoge sind die Gewehre gewachsen, sicher fühlt man sich trotzdem nicht. Das zeigt die Aufregung, die der Koffer einer Touristin auslöst, den diese vor der Bäckerei neben der Synagoge abgestellt hat, um ohne Gepäck ins Geschäftslokal zu hüpfen. Sie hat ihren Einkaufswunsch noch nicht deponiert, fragt schon eine sich überschlagende Stimme, ob jemandem der Koffer vor der Auslage gehöre. Das Wort Bombe sagt keiner, aber explosive Stimmung liegt in der Luft. Dass die Synagoge, die Straße und die Bäckerei alle "de la Paix" im Namen führen, hat in diesen Tagen keine Bedeutung. Friede war einmal, jetzt gilt die Losung des Präsidenten: "Frankreich ist im Krieg."

Wieder im Krieg, denn das Jahr hat nach den Anschlägen auf die Redaktion der Karikaturenzeitschrift Charlie Hebdo im Jänner bereits mit einem Krieg gegen den Terror begonnen. Die Gewehre im Stadtbild sind aber so schnell wieder verschwunden, wie sie nach dem ersten Schock aufgetaucht sind. Wird es dieses Mal anders sein? Wird sich nach dieser Schockstarre noch einmal das Laissez faire durchsetzen können oder werden die Gewehre bleiben und bald so zur Stadt gehören wie das Münster?

Die Frage lässt sich auf die nahe Grenze ausweiten? Werden auch die dort seit kurzem wieder eingeführten Grenzkontrollen bleiben? Werden die Staus auf der Grenzbrücke über den Rhein wieder zur Gewohnheit werden? Im Oktober 1918 ist Carl Zuckmayer auf einem alten Klepper über diese Rheinbrücke nach Hause geritten. Gezeichnet von den "Im Westen nichts Neues"-Schlachten. Die Elsässer haben böse geschaut, schreibt er in seinen Lebenserinnerungen "Als wär's ein Stück von mir". Bald nach Zuckmayer wird am Rhein die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich wieder einmal hochgehen. Zwei Jahrzehnte später wird sie niedergerannt, um 1945 wieder errichtet zu werden. Im halben europäischen Jahrhundert seither ist es schließlich gelungen, diese Barrieren sowohl an den Rheinufern als auch in den Köpfen der Menschen abzubauen. Und jetzt sollen die Schlagbäume wieder zugehen? Am Rhein und anderswo in Europa die Zäune wieder hochgezogen werden?

"Zäune sind keine Lösung", hat die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel im Oktober im Europaparlament gesagt und: "Wir dürfen in der Flüchtlingskrise nicht der Versuchung erliegen, in nationalstaatliches Handeln zurückzufallen. Ganz im Gegenteil, gerade jetzt brauchen wir mehr Europa. Wir brauchen mehr denn je den Mut und den Zusammenhalt, den Europa immer gerade dann bewiesen hat, wenn es darauf ankam. Deutschland und Frankreich sind dazu bereit." Neben ihr ist der französische Präsident gestanden und hat genickt. Und "wir haben die Pflicht", hat Merkel gesagt, "Menschen, die aus Not zu uns kommen, mit Respekt zu begegnen, in ihnen Menschen zu sehen und nicht irgendeine anonyme Masse".

Babel-Turm an Notre-Dame

Merkel hat sehr ähnlich zu den Europaabgeordneten geredet wie im Vorjahr der Papst. Franziskus sagte: "Europa hat es dringend nötig, sein Gesicht wieder zu entdecken, um im Geist seiner Gründungsväter in Frieden und Eintracht zu wachsen." Er ermutigte dazu, den "Gedanken eines verängstigten und in sich verkrümmten Europas fallen zu lassen" und stattdessen "das Europa, das den Himmel betrachtet", zu suchen: "Ich appelliere an Sie, dass Europa seine gute Seele wieder entdeckt."

Damit die böse Seele nicht zuschlägt, wachsen, während der Papst und die Bundeskanzlerin im Parlament reden, die Gewehrläufe am Dach, beziehen Scharfschützen ihre Stellung und bewachen die Demokratie. Der Papstauftritt wurde auch live aus dem Parlament ins Münster übertragen. Babel-Turm an Notre Dame. Unter anderem die Vorgabe des Papstes für die Herausforderung dieses Jahres: "Wir können nicht hinnehmen, dass das Mittelmeer zu einem großen Friedhof wird. Die Männer und Frauen, die auf Schiffen nach Europa gelangten, brauchen Aufnahme und Hilfe."

Was ein Gebäude, wenn es nur lange genug steht, nicht alles zu hören bekommt! Nächstes Jahr ist es 870 Jahre her, dass der Hl. Bernhard von Clairvaux in der Straßburger Kathedrale gepredigt hat. Live-Schaltungen waren damals weder möglich noch nötig, der spätere Heilige war auch ohne technische Unterstützung außergewöhnlich erfolgreich, seinem Anliegen Gehör und vor allem Gefolgschaft zu verschaffen. Bernhard hat zum Zweiten Kreuzzug gegen die Ungläubigen aufgerufen. Was erneut zu den Fragen führt: Denkt ein Dom? Wundern sich Steine? Langweilen sich Fenster? Aber vielleicht lächeln sie auch nur milde, wohlwollend und alles Gute wünschend, wenn (für sie wieder einmal) eine Zeitenwende ansteht. Hoffentlich.

Der Platzregen ist bereits einige Zeit vorbei, die Straßen und Plätze trocknen schon wieder, aber am Dach des Straßburger Münsters rauscht das Wasser immer noch. Das Kathedralendach ist so ausladend, so verwinkelt, so verzweigt, dass der Regen sich erst seinen Weg an den Gaupen vorbei, die Ichsen entlang bis zu den mit Drachen-, Hunde-, Schweineköpfen drapierten Wasserspeiern suchen muss. Das dauert. Aber so wie der Niederschlag auf dem Domdach irgendwann in den Gully findet, so kommt auch jede Verwerfung auf diesem Kontinent, in dieser Europäischen Union in Straßburg an, im Europaparlament, im Europarat, im Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, bei der Europäischen Bürgerbeauftragten Auch das dauert, aber alles, was in Europa wirbelt, landet irgendwann in Straßburg, so wie der Regen vom Münsterdach.

Denkt ein Dom? Wundern sich Steine? Langweilen sich Fenster? Oder ist denen das Rundherum völlig egal? Dieses Jahr feierte die Stadt 1000 Jahre Grundsteinlegung ihrer Kathedrale. Der Neubau war notwendig geworden, nachdem um die erste Jahrtausendwende herum der Straßburger Bischof Wernher von Habsburg in den Streit um den Kaiserthron verwickelt wurde, dessen Konsequenz für Straßburg ein Zeitgenosse so kommentierte: "Das verwünschte Alemannenpack brach ohne Wissen des Herzogs in die der Heiligen Gottesmutter geweihte Hauptkirche ein und steckte das Gotteshaus in Brand."

Eine Lichtinstallation auf die Südfassade der Kathedrale projiziert, hat im Jubiläumsjahr diese tausendjährige Baustelle in wenigen Minuten nachgezeichnet und lässt sich in zwei Wörtern zusammenfassen: Aufbau und Zerstörung, immer wieder. Und mit jedem Wiederaufbau ist das Werk schöner, größer, höher geworden, bis es einmal sogar das höchste Gebäude der Welt war.

Baustelle Europa

Das ist das Straßburger Münster schon lange nicht mehr, aber das höchste Gebäude der Stadt ist es geblieben. Das Europaparlament, der zweite Straßburger Monumentalbau, bringt es mit 60 Metern Höhe nicht einmal auf die Hälfte der Domspitze. Im Unterschied zum Münster wirkt der Parlamentsbau aber auch noch nicht fertig. Im Gegenteil, die Architektur des Rundbaus mit seinen unterschiedlich hohen Stockwerken und ohne einen Dachdeckel erinnert vielmehr an Pieter Bruegels berühmtes Gemälde vom Turmbau zu Babel. Passt in der Form auch besser zur Baustelle Europa und der aktuell wieder einmal akuten EU-Sprachverwirrung; ein Knoten, den weder Übersetzerdienst noch Dolmetscherheere, sondern ausschließlich ein neuer europäischer Geist der Solidarität und des Mit-statt Gegeneinanders wird lösen können.

Gleich schauen aber die Plätze vor und rund um das Münster und vor und rund um das Parlament und den anderen öffentlichen Gebäuden der Stadt aus. Da sind seit dem Terroranschlag in Paris unzählige Gewehrläufe gewachsen, patrouillieren schwer bewaffnete Soldaten und Polizisten zwischen den Weihnachtsmarkt-Standeln und versuchen mit martialischem Äußeren ein Gefühl der Sicherheit zu verbreiten. Auch vor der Synagoge sind die Gewehre gewachsen, sicher fühlt man sich trotzdem nicht. Das zeigt die Aufregung, die der Koffer einer Touristin auslöst, den diese vor der Bäckerei neben der Synagoge abgestellt hat, um ohne Gepäck ins Geschäftslokal zu hüpfen. Sie hat ihren Einkaufswunsch noch nicht deponiert, fragt schon eine sich überschlagende Stimme, ob jemandem der Koffer vor der Auslage gehöre. Das Wort Bombe sagt keiner, aber explosive Stimmung liegt in der Luft. Dass die Synagoge, die Straße und die Bäckerei alle "de la Paix" im Namen führen, hat in diesen Tagen keine Bedeutung. Friede war einmal, jetzt gilt die Losung des Präsidenten: "Frankreich ist im Krieg."

Wieder im Krieg, denn das Jahr hat nach den Anschlägen auf die Redaktion der Karikaturenzeitschrift Charlie Hebdo im Jänner bereits mit einem Krieg gegen den Terror begonnen. Die Gewehre im Stadtbild sind aber so schnell wieder verschwunden, wie sie nach dem ersten Schock aufgetaucht sind. Wird es dieses Mal anders sein? Wird sich nach dieser Schockstarre noch einmal das Laissez faire durchsetzen können oder werden die Gewehre bleiben und bald so zur Stadt gehören wie das Münster?

Die Frage lässt sich auf die nahe Grenze ausweiten? Werden auch die dort seit kurzem wieder eingeführten Grenzkontrollen bleiben? Werden die Staus auf der Grenzbrücke über den Rhein wieder zur Gewohnheit werden? Im Oktober 1918 ist Carl Zuckmayer auf einem alten Klepper über diese Rheinbrücke nach Hause geritten. Gezeichnet von den "Im Westen nichts Neues"-Schlachten. Die Elsässer haben böse geschaut, schreibt er in seinen Lebenserinnerungen "Als wär's ein Stück von mir". Bald nach Zuckmayer wird am Rhein die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich wieder einmal hochgehen. Zwei Jahrzehnte später wird sie niedergerannt, um 1945 wieder errichtet zu werden. Im halben europäischen Jahrhundert seither ist es schließlich gelungen, diese Barrieren sowohl an den Rheinufern als auch in den Köpfen der Menschen abzubauen. Und jetzt sollen die Schlagbäume wieder zugehen? Am Rhein und anderswo in Europa die Zäune wieder hochgezogen werden?

"Zäune sind keine Lösung", hat die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel im Oktober im Europaparlament gesagt und: "Wir dürfen in der Flüchtlingskrise nicht der Versuchung erliegen, in nationalstaatliches Handeln zurückzufallen. Ganz im Gegenteil, gerade jetzt brauchen wir mehr Europa. Wir brauchen mehr denn je den Mut und den Zusammenhalt, den Europa immer gerade dann bewiesen hat, wenn es darauf ankam. Deutschland und Frankreich sind dazu bereit." Neben ihr ist der französische Präsident gestanden und hat genickt. Und "wir haben die Pflicht", hat Merkel gesagt, "Menschen, die aus Not zu uns kommen, mit Respekt zu begegnen, in ihnen Menschen zu sehen und nicht irgendeine anonyme Masse".

Babel-Turm an Notre-Dame

Merkel hat sehr ähnlich zu den Europaabgeordneten geredet wie im Vorjahr der Papst. Franziskus sagte: "Europa hat es dringend nötig, sein Gesicht wieder zu entdecken, um im Geist seiner Gründungsväter in Frieden und Eintracht zu wachsen." Er ermutigte dazu, den "Gedanken eines verängstigten und in sich verkrümmten Europas fallen zu lassen" und stattdessen "das Europa, das den Himmel betrachtet", zu suchen: "Ich appelliere an Sie, dass Europa seine gute Seele wieder entdeckt."

Damit die böse Seele nicht zuschlägt, wachsen, während der Papst und die Bundeskanzlerin im Parlament reden, die Gewehrläufe am Dach, beziehen Scharfschützen ihre Stellung und bewachen die Demokratie. Der Papstauftritt wurde auch live aus dem Parlament ins Münster übertragen. Babel-Turm an Notre Dame. Unter anderem die Vorgabe des Papstes für die Herausforderung dieses Jahres: "Wir können nicht hinnehmen, dass das Mittelmeer zu einem großen Friedhof wird. Die Männer und Frauen, die auf Schiffen nach Europa gelangten, brauchen Aufnahme und Hilfe."

Was ein Gebäude, wenn es nur lange genug steht, nicht alles zu hören bekommt! Nächstes Jahr ist es 870 Jahre her, dass der Hl. Bernhard von Clairvaux in der Straßburger Kathedrale gepredigt hat. Live-Schaltungen waren damals weder möglich noch nötig, der spätere Heilige war auch ohne technische Unterstützung außergewöhnlich erfolgreich, seinem Anliegen Gehör und vor allem Gefolgschaft zu verschaffen. Bernhard hat zum Zweiten Kreuzzug gegen die Ungläubigen aufgerufen. Was erneut zu den Fragen führt: Denkt ein Dom? Wundern sich Steine? Langweilen sich Fenster? Aber vielleicht lächeln sie auch nur milde, wohlwollend und alles Gute wünschend, wenn (für sie wieder einmal) eine Zeitenwende ansteht. Hoffentlich.