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Die wahnsinnig Normalen

Hat man als Psychiater tagsüber mit psychisch Kranken zu tun und sieht man dann abends die Nachrichten, dann denkt man: Nicht die Verrückten, sondern die Normalen sind unser Problem!

War Hitler verrückt? Gewiss, normal ist es nicht, einen Weltkrieg auszulösen und Völkermord zu betreiben. Doch ist das schon gleich krank? Keineswegs! Zweifellos war der Mann aus Braunau am Inn eine monströse Erscheinung, maßlos in seinem Hass, in seiner Aggression, in seinem Vernichtungswillen, aber krank war er eben nicht. Zu behaupten, Adolf Hitler sei krank gewesen, banalisiert das Entsetzliche der historischen Katastrophe, die mit diesem Namen verbunden ist. Man hätte dann Hitler ja nur anständig psychiatrisch behandeln müssen, und das ganze Problem hätte sich in Wohlgefallen aufgelöst. Doch das ist Unsinn. Hitler war normal, schrecklich normal.

Wer demgegenüber wirklich größenwahnsinnig ist, der stellt sich auf eine Kreuzung in Wien und behauptet, ganz sicher der Größte zu sein. Nach vergleichsweise kurzer Behandlung in der nächsten Psychiatrie ist dieses Problem bald gelöst und der Mann kann wieder seinem Job nachgehen. Wenn sich aber jemand, der Kim Il-sung hieß, auf den zentralen Platz der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang stellte und das Gleiche behauptete, allerdings umgeben von zahlreichen jubelnden Anhängern, dann konnte man dieses Problem nicht durch psychiatrische Behandlung lösen. Denn der Mann war normal, jedenfalls nicht krank.

Der normale Wahnsinn

Es gibt aber nicht nur diesen ganz normalen Wahnsinn einiger weniger, es gibt auch all die vielen wahnsinnig Normalen, Menschen, die, koste es, was es wolle, zu jeder Zeit im Trend liegen wollen, die überall mitlaufen und die immer ganz genau wissen, was man sagen muss und was man nicht sagen darf. Diese wahnsinnig Normalen klatschen gern Beifall, wenn sie in Masse auftreten. Dann jubeln sie auch Hitler zu, Stalin und Kim Il-sung. Und dann sind sie plötzlich nicht mehr grau, sondern braun oder rot oder sonstwie einfarbig. Dann stehen die wahnsinnig Normalen wie geklont in Reih und Glied zu Tausenden vor irgendeinem abscheulichen Repräsentanten des ganz normalen Wahnsinns und fühlen sich wohl. Denn dann können sie all diejenigen verachten, die sonst immer das Mittelmaß verachtet haben. Dann spüren sie, dass sie, die Mittelmäßigen, ganz viele sind, und dass sie Macht haben über all die abweichenden bunten Vögel. Und dann geht ein erleichtertes Raunen durch die Masse der wahnsinnig Normalen, dann wird ihre Normalität militant.

Die Psychoanalyse lehrt, dass Menschen schwer gestört sind, wenn sie Teile ihrer Lebensgeschichte oder ihrer eigenen vielgestaltigen psychischen Existenz von sich abspalten, als seien die ganz fremd und gehörten nicht zu ihnen. Genauso schlecht ist es um eine menschliche Gesellschaft bestellt, die das Verrückte in ihr bloß ausstößt, im besten Fall gegen Geld in eigenen abgeschlossenen Bereichen professionell versorgen lässt und sich selbst ein gräuliches, starres, intolerantes Selbstbild von Normalität zulegt, das doch bloß Fassade ist. Eine auf diese Weise selbstunsichere Gesellschaft wäre nicht souverän und gelassen, sondern bei jedem Kratzen an dieser Fassade bereits zutiefst beunruhigt, latent aggressiv. Sie wäre damit auf dem besten Weg zur Diktatur der Normalität, die die eigene Unsicherheit mit schlichten Parolen überspielt und alles Abweichende rücksichtslos bekämpft. Schon klagen Philosophen darüber, dass man inzwischen längst nicht mehr so frei reden kann wie noch vor fünfzig Jahren. Die Political Correctness ergreift alle Bereiche des Lebens, und die Öffentlichkeit fällt gnadenlos über Menschen her, die sagen, was man nicht sagen darf, und die nicht sagen, was man zu sagen hat.

Chaotisch-liebenswürdige Wirklichkeit

Gerade das aber tun Menschen mit psychischen Störungen. Sie lassen sich nicht uniformieren. Damit erweisen sie uns allen einen großen Dienst, denn sie halten die humane Temperatur einer Gesellschaft über dem Gefrierpunkt, indem sie ihr nicht nur ein menschliches Gesicht, sondern ganz viele unterschiedliche menschliche Gesichter geben. Wir haben heute die große Chance, endlich die unsichtbaren Schranken niederzulegen, die immer noch die Normalen von den anderen trennen. Dann wird der Blick frei auf diese liebenswürdige und bunte andere Welt, die chaotischer, aber auch fantasievoller, die erschütternder, aber auch existenzieller, leidvoller, weniger zynisch ist als die glatt lackierte allgemein herrschende Normalität.

Da sind die ehrgeizigen eitlen Erfolgsmenschen, die als Demente zum ersten Mal in ihrem erwachsenen Leben hilfsbedürftig, aber dadurch zugleich auch erstmals wirklich echt und anrührend wirken. Da sind die immer so korrekten und empfindsamen Süchtigen, die ihr Leben lang unermüdlich auf der Suche sind nach einem Menschen, der sie nicht mehr beschämt, verachtet, verletzt, und die sich im Rausch hinaussehnen aus einer ihrer Empfindsamkeit so rücksichtslos zusetzenden Welt. Da sind die weisen Schizophrenen, die nicht bloß in einer, sondern in ganz vielen fantastischen Welten leben, die sich jeder uniformierenden Zudringlichkeit ihrer Mitmenschen höflich verweigern und ihr Geheimnis niemandem aufdrängen. Die dünnhäutiger sind als andere, aber dadurch auch sensibler für manches, das uns nicht der Rede wert erscheint. Da sind die erschütternd Depressiven, die angstvoll ins existenzielle Nichts starren, die für eine Zeit ihres Lebens unfähig geworden sind, ihren Blick von den alles infrage stellenden Urerfahrungen des Menschen wegzuwenden, von auswegloser Schuld, von existenzieller Bedrohung, von hoffnungsloser Angst. Über sie hinweg tanzt eine Gesellschaft am Rande des Abgrunds, die blind ist für die wirklich wichtigen Fragen - und diese Blindheit komischerweise für normal hält.

Ewigkeit und Unwiederholbarkeit

Da sind die hinreißenden Maniker, die in ihrer prallen und unmittelbaren Vitalität mitten in eine in leblosen Riten erstarrte Normalgesellschaft hineinplatzen. Die trotz all ihres Größenwahns ganz hemmungslos die Wahrheit sagen, so wie Kinder es manchmal tun, und dadurch plötzlich all die Verlogenheiten der "Normalen" spektakulär entlarven. Da sind all die Menschen, die von Lebensereignissen aus der vorgezeichneten Bahn geworfen wurden und die nun angeschlagen und vom Leben gezeichnet ihren wirklichen Weg suchen, der oft durch Leidensphasen hindurch zu größerer Reife und tieferer Gelassenheit führt. Und da sind schließlich all diese schrillen Gestalten, die sich und andere immer wieder nachhaltig beunruhigen, die so gar nicht normal, aber auch nicht eigentlich krank sind. Sie bringen Farbe in ein dahinplätscherndes Leben, es sind die Aufreger, die Übertreiber, die allzu kantigen Gestalten, an denen man sich gelegentlich verletzen kann und an denen man zugleich kaum vorbeikommt.

Die Tyrannei der Normalität lebt von der großen Illusion der ewigen Weiterexistenz des Normalen und der Flüchtigkeit des Außergewöhnlichen. Dabei wird es wohl eher umgekehrt sein. Denn das Normale ereignet sich nicht, es ist nur der Hintergrund für das Eigentliche. Im Grunde existiert das Normale nicht, denn es hat keine Substanz. Die Frage nach der Ewigkeit stellt sich erst angesichts der Unwiederholbarkeit eines Menschen, und wer da genauer hinsieht, kann die Außergewöhnlichkeit eines jeden Menschen gewahren. Dann kommen in hellen Momenten sogar hinter dem Schleier der wohlanständigen Normalität all der Normopathen die längst vergessenen lebendigen Farben zum Vorschein, und an diese einmaligen Färbungen erinnert man sich, wenn man sich an Menschen erinnert.

* Der Autor ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Chefarzt des Alexianer-Krankenhauses in Köln und Autor mehrerer Bücher. Zuletzt erschien sein Bestseller: "Irre! Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen. Eine heitere Seelenkunde".

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