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Die Welt als Schlachthaus

Mit Heiner Goebbels großartigem "Eraritjaritjaka" sind die Wiener Festwochen 2006 zu Ende gegangen. Eine kritische Würdigung des Schauspielprogramms

Das Programmbuch der diesjährigen Festwochen wurde vom Konterfei der beiden Jubilare Mozart und Freud geziert. Ihr Augenrollen lässt sich wohl so deuten, dass ihnen das vom Staat verordnete Aufsehen nicht recht gewesen wäre. Tatsächlich, die Mozart-Freud-Klammer erwies sich bloß als gekonnter ironischer Werbegag. Obwohl drei Mozart-Opern auf dem Programm standen, war die Aufmerksamkeit den Jubilaren gegenüber wohltuend gering. Die Bedeutung Sigmund Freuds für die Kunst ist darüber hinaus längst bekannt - seine Erkenntnisse sind einerseits unentbehrliche Hilfsmittel der Selbsterkenntnis des modernen Individuums und andererseits gilt die Erzeugung von Fiktionen als ästhetischer Reflex emotionaler Befindlichkeiten, womit dem Kunstwerk ein unbewusster Sinn inhärent ist.

Theaterszene präsentiert ...

Zur Auswahl der 25 Sprechtheaterproduktionen in dem von Marie Zimmermann verantworteten Programm war der Schauspieldirektorin wenig Programmatisches zu entlocken. Dass die Auswahl keinem konzeptionellen Motto unterliegt, muss - aufs Erste betrachtet - nicht unbedingt ein Nachteil sein. Zimmermann argumentierte mager, dass die "internationale Szene präsentiert werden müsse", wäre oberstes Motto der Festwochen. Gerade deshalb sollte der Querschnitt der Produktionen objektiv nachvollziehbar sein. Was die "internationale Szene" ausmacht, das bestimmt sie als Schauspielchefin und lässt die Produktionen für sich sprechen, deren künstlerische Qualität unterschiedlicher nicht hätte sein können. Das verleiht dem renommierten Festival neben dem Nimbus des Exotischen und Einmaligen eine neue Komponente - jene der Beliebigkeit. Trotz guter Besucherzahlen haben die heurigen Festwochen den leisen Befürchtungen der letzten Jahre Sicherheit gegeben: Sie sind unberechenbar geworden. Das hat auch die vorletzte Premiere gezeigt. Nicola Hümpels szenische Meditation "Kain, Wenn & Aber" gibt sich avantgardistisch, kommt im Ergebnis aber über schauspielerische Selbsterfahrungsübungen nicht hinaus.

So gefährlich es sein mag, Theater für Welterklärung und Stiftung von Sinnangeboten in Dienst zu nehmen, hätte man sich angesichts der drängenden Fragen unserer Zeit ästhetische und programmatische Äußerungen doch durchaus vorstellen können. Möglicherweise wurde auch bewusst darauf verzichtet, vielleicht aus Angst, sich an Bedürfnisse anzupassen, die schon morgen keine mehr sind. Auf jeden Fall waren keine gröberen Linien einer thematischen Fokussierung auszumachen.

Unabhängig von allen kuratorischen Entscheidungen machten die Festwochenproduktionen selbst die Befindlichkeiten der Gegenwart sichtbar. Es scheint nämlich, als ob die globale Gewalt der Gegenwart, der Flächenbrand der Verrohung, geradezu nach ihrer Spiegelung auf der Bühne verlangen.

So stellt das gegenwärtige Theater die Welt als Schlachthaus dar, von Jürgen Goschs blutrünstiger "Macbeth"-Interpretation, Jossi Wielers stilisierter Umsetzung des Rachedramas "Yotsuya Kaidan", Mpumelelo Paul Grootbooms Ghettostudie "Relativity - Township Stories" über Luc Bondys Inszenierung von "Viol - Schändung", Lara Foot Newtons "Tshepang" bis hin zu Simon Stephens "Motortown".

... oder Themen erarbeitet?

Letztere Arbeit darf als Highlight der heurigen Festwochen gesehen werden, wagt sich doch Stephens mit der Thematisierung des Irakkrieges und seinen Konsequenzen für unsere westliche Welt als einziger in die unmittelbare Gegenwart. Der aus Basra nach London heimgekehrte Soldat Danny findet sich im liberalen, demoralisierten England nicht mehr zurecht. Stephens ist ein heutiger Woyzeck gelungen, in der Umsetzung des Royal Court Theatres wird die Verantwortung des Einzelnen und der Gesellschaft als Wechselspiel mit in die Darstellung hineingenommen und schafft damit - ganz ohne pädagogischen Impetus - eine seltene Übereinstimmung von Inhalt und Form.

Auch in Bondys gewalttätiger Inszenierung von Botho Strauß' Übermalung des "Titus Andronicus" ist die unterirdische Gewalt in den menschlichen Verhältnissen sichtbar. Es bestätigt den deprimierenden Befund, dass Freiheit und Aufklärung die Menschen nicht friedlicher gemacht, nicht humanisiert haben. Ganz im Gegenteil, es regiert im Weltbürgerkrieg, dem Krieg von jedem gegen jeden, das dunkle Wesen der Menschen, seine Triebnatur mit dem Hang zur rohen viehischen Gewalt, gegen die seine Vernunft und das aufgeklärte Sittengesetz machtlos erscheinen. Wie kaum ein anderes Stück zeigt es, wie menschliche Regungen blindwütiger Prinzipientreue, übermächtigen Denkmustern und Weltbildern geopfert werden. Es herrscht die Gewalt der Gleichgültigkeit, der sozialen Apathie sogar gegenüber den eigenen Kindern. Spannend war dabei auch zu beobachten, wie sich Gewalt der Darstellung auf der Bühne widersetzt, wenn sie nicht bloß (handwerklich gekonnte) Wiederholung des Schreckens sein will, bis hin zu ihrer ästhetischen Ausbeutung. Denn ihre Darstellung bedeutet nicht automatisch Kritik, noch werden damit ihre Ursachen reflektiert.

Auch in Goschs entschlackter "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?"-Inszenierung setzt sich der Kataster der modernen, beschädigten Seelen fort. Im Mikrokosmos der Familie findet der Kalte Krieg auf der Wohnzimmercouch statt. Doch bleibt es bei einem eitlen Fest für vier renommierte Schauspieler, das das Wissen um den rohen Kampf der Geschlechter als gegeben voraussetzt.

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