Die Welt in ihren Zeitbildern

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Das Salzburger Museum der Moderne Rupertinum zeigt 200 Beispiele aus der herausragenden Sammlung Fotografis der Bank Austria, die bis in die Frühzeit der Fotogeschichte zurückreicht.

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Das Salzburger Museum der Moderne Rupertinum zeigt 200 Beispiele aus der herausragenden Sammlung Fotografis der Bank Austria, die bis in die Frühzeit der Fotogeschichte zurückreicht.

Das Medium Fotografie war gerade ein paar Jahrzehnte alt, als Frank Meadow Sutcliffe in der britischen Grafschaft North Yorkshire bereits ein Fotostudio betrieb. Ein neuer Wirtschaftszweig war im Begriff sich in die Zukunft voranzuschieben, zumal Adel und Bürgertum es zum guten Ton gehörend empfanden, sich von einem Fotografen porträtieren zu lassen. So bewiesen sie auf der Höhe der Zeit zu stehen. Frank Meadow Sutcliffe machte das zu seinem Broterwerb, wenn es aber die Zeit zuließ, unternahm er es, auf eigene Faust draußen vor der Tür Aufnahmen von den einfachen Menschen zu machen. Damit sind ihm Ikonen der Fotogeschichte geglückt, die heute zu unserem festen Bildrepertoire gehören. Die Arbeit des Fotografierens war zu aufwendig, als dass er sich Motive spontan hätte auswählen können. Die Kinder, die über die Hafenmauer spähen, hatte er sorgsam arrangiert (1888/89). Dem Alltag hilft er kraft seiner Vorstellungskraft und seines ästhetischen Empfindens nach, bevor er zum Kunstwerk werden darf.

Lebenslust aus Kargheit

Dieser Klassiker der Fotografie ist im Salzburger Rupertinum zu sehen, wo gerade 200 Beispiele aus der Sammlung "Fotografis" der Bank Austria gezeigt werden. Von 1975 an wurden zehn Jahre lang herausragende Arbeiten bedeutender Fotografen zusammengetragen, um den künstlerischen Wert der so hochgradig technisierten Wirklichkeitsabbildung zu betonen. Es fällt tatsächlich schwer, Sutcliffes Momentaufnahme aus dem ganz gewöhnlichen Leben der Arbeiterkinder nicht als beachtliches Kunstwerk zu betrachten. Der Raum ist in der Mitte von den eng aneinander gedrängten Menschen gefüllt, darüber macht ein leerer, heller Himmel nahezu die Hälfte des Bildes aus, im Vordergrund rohe Steinplatten. Das ist ein Motiv der Lebenslust, die aus der Kargheit erwächst. So wertet der Künstler jene auf, die wenig haben und sich im Kollektiv gut aufgehoben fühlen. Gerade im Abstand von vielen Jahrzehnten erzählen solche Bilder mehr, als sie eigentlich vorhaben uns mitzuteilen. Der Blick der Burschen geht ins Offene, in die Weite einer durchaus verheißungsvollen Zukunft.

Dem Anspruch der frühen Fotografie entspricht es, wie ausgetüftelt die Szenerie auch immer wirken mag, als dokumentarische Bewahrungskunst gesehen zu werden. Exotische Länder rückten mit einem Mal bedenklich nahe an jeden, der es genau wissen wollte. Mit dem Pictorialismus änderte sich die Lage - er näherte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts der impressionistischen Malerei an. Keine scharfen Kontraste, milde Übergänge, weiches Licht, eine Welt in Harmonie und Schönheit taucht vor uns auf. Der Künstler greift ein, um der Natur eine Ästhetik abzuringen, die ihr eigentlich nicht gemäß ist. Er ist der große Harmonisierer, der Korrektor in einer Welt der Unvollkommenheit.

Nach dem Ersten Weltkrieg setzten die Fotokünstler die vorsätzliche Veränderung der vorgefundenen Wirklichkeit gründlich fort. Sie begannen zu experimentieren, verstanden sich als Teil einer Avantgarde, die sich eigenständig auf Bildfindung begab. Kein Abbild war das Ziel, vielmehr Umbiegung des Bekannten ins Verfremdete, Aufsuchen des Rätselhaften im Banalen. Vor dem Zweiten Weltkrieg war die Tschechoslowakei das Labor der ästhetischen Innovation.

Als ab den 1920er Jahren die Surrealisten die Wahrnehmung auf eine starke Probe stellten, indem sie das herrschende Bewusstsein kurzerhand in Frage stellten und eine Wirklichkeit hinter der sichtbaren und messbaren Wirklichkeit ausmachten, gingen gleichzeitig die Vertreter der Neuen Sachlichkeit ans Werk, unsere Gesellschaft ins Bild zu rücken. Sie machten ernst mit einer Sozialfotografie, aus der man die Verfassung der Welt herauslesen könne. Jedes Bild ein indirekter Hinweis auf die Politik, die soziale Lage, die Bruchstellen in einem Land.

Bedrohliche Harmlosigkeit

Und wo führt das alles hin? Mit einfachen Botschaften tut sich Verena von Gagern, Jahrgang 1946, schwer. Sie, die sich zwischenzeitlich immer wieder in Salzburg aufgehalten hat, stiftet mit einem Bildausschnitt Uneindeutigkeit. Was geht hier vor in diesem einen, fest gehaltenen Moment, was war vorher, was geschieht nachher? "Untersberg" heißt eine Aufnahme aus dem Jahr 1975, auf dem ein auf einen Torso reduzierter Mensch, umgeben von Raben, auf einer Terrasse steht. Womöglich ist alles ganz harmlos, dennoch geht eine Bedrohung von der Szene aus, weil sie nicht auf gängige Handlungsmuster zu reduzieren ist.

Fotografie im Fokus. Die Sammlung Fotografis Bank Austria Rupertinum Salzburg, bis 12. Jänner 2014, Di-So 10-18, Mi bis 20 Uhr

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