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Die Wiederkehr der SCHELME

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Es gibt wieder etwas zu lachen: In die deutschsprachige Literatur scheint der Humor zurückgekehrt zu sein. Nicht selten kommt er aus dem Osten.

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Es gibt wieder etwas zu lachen: In die deutschsprachige Literatur scheint der Humor zurückgekehrt zu sein. Nicht selten kommt er aus dem Osten.

Was waren das für Zeiten, als noch unbekümmert in Romanen gelacht werden konnte. In den 1990er-Jahren schickten Autoren ihre Figuren als erotomane Bettenverkäufer, abgehalfterte Stasitrottel oder melancholische Staatsclowns durch das wiedervereinigte Deutschland. Dann aber kam Nineeleven und das "Ende der Spaßgesellschaft". Relevanter Realismus war angesagt, die Kritik wurde ernst, Anflüge von Erzählerwitz galten als unterkomplex.

In diesem Jahr allerdings hatten gleich zwei Kandidaten auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2015 Anspruch auf Scherz, Satire und tiefere Bedeutung erhoben: Christiane Wunnickes buchstäblich verrückte Umschreibung einer rätselhaften asiatischen Fuchskrankheit und Frank Witzels Teenager-Roman mit dem barocken Titel "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" (Matthes &Seitz 2015), der dann auch mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. In seinen 98 Kapiteln voller barocker Fabulierlust und surrealer Erzählkraft wird von einer Kindheit im Schlagschatten des Terrorismus im Deutschland der späten 1960er-und 1970er-Jahre erzählt.

Witzel steckt seinen Erzähler wie einst Günter Grass seinen Oskar Matzerath in ein Sanatorium und macht ihn dadurch zu einem unzuverlässigen Zeugen der Zeit, die er reichlich mit den sozialen und symbolischen Insignien der wohlstandsgesättigten, von der RAF verunsicherten 'alten' Bundesrepublik ausschmückt, vom Nickipullover bis zu "Bonanza". Eine wichtige Rolle spielt neben der Musik der Beatles und der Stones auch das katholische Ambiente, in dem man noch Lügen zur Samstagsbeichte trägt und lateinische Messriten kennt. Witzels Schelm ist ein überzeichneter Generationstypus, der die Geschichte von unten betrachtet, anstatt an ihr zu leiden. Mag auch das hybride Format mit dem Dauerwechsel von Aphorismus, Tagebuch, Drama, Gedicht, Essay manchmal verwirren, so scheint dieser Schelmenroman doch ein Koloss, den man anstaunen und nicht richtig erfassen kann.

Der Humor scheint in die Literatur zurückgekehrt zu sein. Das verwundert in Deutschland, wo man sich, anders als in Österreich und auch in der Schweiz, bekanntlich immer etwas schwerer getan hat mit Komödiantischem. Die heiteren Helden, die da auf den europäischen Schaubühnen ins Stolpern kommen ohne hinzufallen, kommen merkwürdigerweise vorwiegend aus dem Osten. Es sind Betrüger, Schwindler, Hochstapler, manchmal Hasenfüße oder tragikomische Lebenskünstler, wie wir sie aus den Romanen Peter Esterházys, Milan Kunderas oder Artur Beckers kennen.

Die Gefährdung der Freiheit

Wie kommt das? Braucht der Witz etwa einen besonderen Kick, die Gefährdung der Freiheit? Iris Radisch hat das 2003 als Negativposten der ostdeutschen Kultur vermerkt: "Und wenn die Verzweiflung groß ist, fehlen die Halbtonschritte, wird das Intime obszön, das Gesellschaftliche brachial, das Soziale grotesk und das Geistige ironisch."

Möglich ist aber auch eine andere Erklärung. Die Literatur hat wieder etwas zum Lachen, und zwar in Distanz zu Medienkapitalismus und Globalisierungszwängen. Deshalb sind es vielleicht gerade osteuropäische Autoren, die sich besonders gern zum Witz und seiner Beziehung zum kollektiven Unbewussten bekennen.

Es gibt eine Konjunktur des Schelmenromans in unserer Literatur, und das hat mit der wechselvollen Geschichte dieser Gattung selbst zu tun, die mit Cervantes, dessen 400. Todesjahr wir 2016 gedenken, begann und mit Grass' "Blechtrommel"(1959) längst nicht zu Ende war. Donquichotterien haben den Schelm in den Roman der Neuzeit geschleust. An der Wiege der neueren europäischen Literatur standen, notierte Michail Bachtin, "Schelm, Narr und Dummkopf, und sie haben die Narrenkappe mit den Rasseln zurückgelassen".

Marjana Gaponenko hat diese Narrenkappe flugs ihrem Helden in ihrem Roman "Wer ist Martha?"(Suhrkamp 2012) aufgesetzt. Ein 96-jähriger Ornithologe kommt spät in Fahrt, um gegen die Windmühlen des technologischen und urbanen Fortschritts zu fechten. Allein das Alter von Lewadski ist schon eine Provokation.

Sehr alte Menschen mit Humor und zugleich altersangemessenem Ernst zu schildern, ist eine schwierige Sache. Die 1981 in Odessa geborene Marjana Gaponenko hat ihren Helden aber gut im Griff. So entsteht eine muntere Episodenfolge über Menschenwürde im Alter, es geht um die Liebe zur Kunst und zur Schöpfung, die Freude selbst noch im Angesicht des nahenden Todes. Der steht, so die ärztliche Diagnose, Lewadski bevor. Dennoch macht er sich aus dem Staub. Er versieht sich mit edler Garderobe, einschließlich eines raffinierten Trinkstocks, gefüllt mit Cognac. Ziel der Reise ist Wien. Im Hotel Imperial will Lewadski sein Ende fürstlich feiern. Luxussuite, Café, Restaurant, Cocktailbar und, als Höhepunkt, ein Konzertabend in der Loge der Philharmonie sind die Orte des Geschehens.

Zugvögel: immer schon echte Europäer

Zur Seite hat Lewadski einen palästinensischen Butler und einen etwa gleichaltrigen Zufallsbekannten, mit dem er, wie Statler und Waldorf in der Muppets Show, seinen Spott über zeitgenössische Marotten, über die historischen Revolutionen und Volten des 20. Jahrhunderts ausgießt. Etwas Misanthropie ist da durchaus mit im Spiel, der Humor hingegen ist das Gegenrezept aus der Vogelwelt, die keine Vorurteile kennt. Lewadski hat eine Studie über die "Rechenschwäche der Rabenvögel" geschrieben und ist der Ansicht: "Zugvögel, zum Beispiel, waren schon immer echte Europäer". Und Martha, das ist nicht nur eine frühe Kindheitserinnerung, ein Mädchentraum, sondern eine wunderschöne Wandertaube, deren letztes Exemplar just an jenem Septembertag 1914 stirbt, als Lewadski als Kind eines gräflichen Försters und einer Vogelforscherin in Ostgalizien geboren wurde.

Szenenwechsel, Ungarn, 17. Jahrhundert, das von Türken beherrschte Buda in der Zeit der Rückeroberung. Pál Nyáry ist mit einer Kutsche unterwegs, in einer zwielichtigen Rolle als "Vertrauter, Spitzel und Diplomat". Aber man läse nicht "Die Mantel-und-Degen-Version" (Hanser Berlin 2015), einen der fabulierfreudigen Schelmenromane von Peter Esterházy, würde man hier dem Plot eines historischen Romans auf den Leim gehen. Mit subtilem Humor spielt der Autor die Register des historischen Erzählens durch: "Schlacht, König, Ross, Deibel, Engel, Leben". Und jongliert munter zwischen Vergangenheit und aktueller Gegenwart, spricht über Autorenkollegen, Literatur unserer Zeit und Filme. So kann der Leser (mindestens) zwei Romane lesen, einen burlesken Geschichtsroman im Haupttext und einen postmodernen Kommentar in den Fußnoten. Alles gemäß seiner Devise: "Die Literatur ist kein Haustier, sie ist nicht gezähmt."

Schelm aus dem Buch der Wissenschaft

Aus dem -diesmal fernen -Osten kommt auch die skurrile Geschichte, die Christiane Wunnicke vorlegt. "Der Fuchs und Dr. Shimamura"(Berenberg 2015) ist ein wahrlich verrücktes Buch. Dr. Shimamura ist ein Schelm, wie er im Buche der Wissenschaft steht. Der Nervenarzt reist Ende des 19. Jahrhunderts durch die japanische Provinz, um ein bizarres Krankheitsbild zu erforschen, die sogenannte Fuchsbesessenheit. Sie führt bei Frauen zu Unbeherrschtheit, zu Raserei und hysterischen Anfällen.

Der heitere Grundeinfall des Romans ist es, die physiologische Psychologie nach Paris, Wien und Berlin zu importieren. Der Fuchs-Forscher begegnet Charcot, einer neurologischen Kapazität seiner Zeit, in der Salpêtrière. Er flieht mit dessen Büchern nach Berlin und Wien und fällt dort angesichts von Elektrodiagnose und Psychoanalyse in Ohnmacht. Erschöpft kehrt er 1894 zurück nach Tokio, um einen Verein für Mythenforschung zu gründen, der volkstümliche Fuchsmärchen sammelt. Seine Mutter schreibt Shimamuras Biografie.

Epische Groteske

Christine Wunnicke nimmt den historischen Arzt, den es übrigens ebenso wirklich gab wie die -inzwischen korrigierte -psychotherapeutische Diagnose der Hysterie, als Sprungbrett für eine epische Groteske vom Feinsten. Mit indirekter Rede, lakonischen Sätzen und skurrilen Einfällen lässt die Autorin dem Leser eine anregende Distanz zum Stoff. Die Fernostmystik bringt die Psychoanalyse gehörig ins Wanken. Das analytische Gespräch sei, lässt Wunnicke ihren Helden sagen, als "Heilmethode für die traumatische Hysterie unbrauchbar", da es dem japanischen Sinn für Höflichkeit widerspreche.

Die Entdeckung der Heiterkeit ist eine Bereicherung der Literatur. Auch wenn die Galle mitschreibt, muss der Witz nicht schweigen. So ist der Schelmenroman aus dem Osten, zu dessen Wiederkehr auch Wolfgang Herrndorf oder die wunderbare Prager Erzählerin Lenka Reinérova beigetragen haben, der legitime postmoderne Erbe des Bildungsromans. Nach der neuen Regel ist es nicht mehr der Held, der klüger aus dem Buch hervorgeht, als er hineingekommen ist - sondern der Leser. Er entdeckt das Exil der Heiterkeit, und sei es im Trost einer Melancholie. Das ironische Erzählen kann die Realität zwar nicht ersetzen, aber besser durchdringen als bloß realistisches Erklären. Und so gut wir auch über den Schelm in der Literatur lachen können, er lässt sich aber nicht für dumm verkaufen, sondern lehrt uns das, was Robert Musil in seinem legendären Wiener Vortrag aus dem Jahr 1937 gegen die "Dummheit" empfahl: Lesen als "Denksport", der "Urteil und Gefühl" ist und das Schmunzeln über sich selbst nicht verlernt hat.

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