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Feuilleton

Die Würde dieser Frauen Bewahrt

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Die Umkehrung des Filmemachens: Das Machen ging von den Frauen aus: Arash T. Riahi über seinen Dokumentarfilm "Nerven Bruch Zusammen“.

In "Nerven Bruch Zusammen“ kehrt Arash T. Riahi an einen Ausgangspunkt seines Filmemachens zurück, denn bereits vor zwölf jahren hat er im gleichen Übergangswohnheim für Frauen gedreht.

Die Furche: Für diesen Film gingen Sie zurück in das Frauenhaus, in dem Sie 2000 Ihren Zivildienst geleistet haben - warum?

Arash T. Riahi: Die Schicksale dieser Frauen im Haus Miriam der Caritas haben mich sehr berührt und ich wollte meinen persönlichen Zugang zu diesen Frauen "nützen“, um einen Film über sie zu machen, auch um ihre Geschichte nach außen zu bringen. Die Aufnahmen, die damals entstanden sind, waren teilweise auch ein Weg für die Frauen, Botschaften zu übermitteln, etwa an ihre Kinder, die sie vielleicht nicht sehen konnten. Ich bin mit ihnen über die Jahre in Kontakt geblieben und habe das Haus dann nach zehn Jahren wieder besucht und wieder ein Jahr mit ihnen verbracht. Ich wollte zeigen, was aus ihnen geworden ist und wie sich bestimmte Geschichten wiederholen.

Die Furche: Es ist schön zu sehen, wie die Frauen sich diesen Film auf emanzipatorische Weise aneignen - wie kam es dazu?

Riahi: Ich habe ihnen von vorneherein gesagt, dass ich meine Arbeitsweise als ein Geben und Nehmen verstehe. Sie sind integraler Bestandteil des Dokumentarfilms, aber was sie mir an persönlichen Einblicken geben, will ich nicht "ausnutzen“. Über die Zeit entstehen Freundschaften, und ich teile mein Leben genauso mit ihnen und erzähle ihnen viel Persönliches. Das schafft wiederum Offenheit, aber das ist kein formales Prinzip für mich, sondern eine selbstverständliche Herangehensweise. Immer mehr haben die Frauen also den Film und die Arbeit an ihm in ihr Leben eingebunden, und ich habe immer öfter Anrufe bekommen, manchmal auch in der Nacht, wenn etwas passiert ist, da musste ich sofort kommen und alles filmen. Das war die Umkehrung des Konzeptes des Filmemachens, das Machen ging plötzlich von ihnen aus. Das ist ein Empowerment, das ich sehr gut finde.

Die Furche: Auch dadurch gelingt es Ihnen, die Würde dieser Frauen zu wahren, egal durch welche Situationen Sie sie begleiten.

Riahi: Ich kann mit dieser im Dokumentarfilm weit verbreiteten Skepsis, dass man seinen Protagonisten nicht "zu nahe“ kommen soll, wenig anfangen. Das finde ich absurd, denn wenn ich das Vertrauen meiner ProtagonistInnen habe, dann kann ich ihnen auch näher kommen, ohne ihnen "zu nahe zu treten“, weil sie lassen es ja zu, in einem gleichwertigen Austausch. Das ist mir wirklich sehr wichtig, da benötige ich keine stilistische Form, die ich meinen Themen drüberstülpe. Ich will mit meinen Filmen auch etwas zurückgeben.

Die Furche: Sie arbeiten bereits an Ihrem nächsten Film "Everyday Rebellion“. Wovon wird dieser handeln?

Riahi: "Everyday Rebellion“ ist der erste Film, den ich gemeinsam mit meinem Bruder Arman mache; wir sind in verschiedene Länder gereist, von Ägypten bis Iran, um unterschiedliche Formen des gewaltlosen Widerstands zu zeigen. Es gibt sehr kreative und wirkungsvolle Methoden der Civil disobedience heutzutage, und die modernen Wege der crossmedialen Kommunikation sind wirkungsvolle Mittel, um Strukturen zu verändern. Das hoffen wir, daran glauben wir, das machen wir.