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Die Wunde nicht vergessen

1945 1960 1980 2000 2020

25 Jahre sind seit der Belagerung Sarajevos vergangen. Beim Film-Fest in Bosniens Hauptstadt waren Erinnerungen daran präsent.

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25 Jahre sind seit der Belagerung Sarajevos vergangen. Beim Film-Fest in Bosniens Hauptstadt waren Erinnerungen daran präsent.

Vor 25 Jahren, am 5. April 1992, begann die Belagerung von Sarajevo. 1994 wurde mitten im Krieg das erste Filmfestival veranstaltet, und seit damals bringt es die internationale Filmwelt in die Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina. Heuer waren John Cleese mit "Ein Fisch namens Wanda" und Oliver Stone unter anderem mit "Platoon" und "The Putin Interviews" Ehrengäste und wurden für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Doch das unverwechselbare Profil des Festivals formen die Filme "aus der Region" - für Direktor Mirsad Purivatra reicht sie in etwa von Österreich bis Georgien. Die prämierten Filme kamen vor allem aus Bulgarien, Albanien, Kroatien, Griechenland, Rumänien, Georgien sowie aus Bosnien und Herzegowina.

Das nur gut 3,5 Millionen Einwohner zählende Land hat eine starke Filmproduktion, und so konnte man in den Kinos von Sarajevo sehr viele Bilder von Sarajevo sehen. Das war keine unnötige Verdoppelung, denn Sarajevo ist heute eine Turbo-Stadt, die gerade während des Festivals auf Straßen und Plätzen mit Konzerten und hippen Partys täglich ihr Überleben zu feiern scheint. Die Erinnerung an die Schrecken des Krieges ist in die Museen entsorgt, und die Namen der Toten sind vor allem an den Wänden von Gebäuden zu lesen. Manchmal wird man mitten in der Faszination für die durch Orient, k. u. k. Monarchie und Gegenwart geprägte Stadt die Frage nicht los, wo denn die vielen Kriegsversehrten sind, die man in den Straßen kaum sieht, oder was die Menschen, denen man begegnet, im Krieg gemacht haben.

Traumata als tickende Zeitbomben

Dem entgegen scheinen die vom Krieg physisch und psychisch geschädigten Männer ein Hauptthema des gegenwärtigen bosnischen Films zu sein. In "Men don't cry", dem brandneuen Spielfilm des Filmemachers Alen Drljevi´c, gehen neun Kriegsgegner 15 Jahre nach ihren Kämpfen in einem abgelegenen Berghotel durch eine gemeinsame Therapie. Dabei wird deutlich, welche tickenden Zeitbomben sie durch ihre Aggressionen und Traumata in Familien und Arbeitsplätzen darstellen und wie dramatisch die Aufarbeitung der Erlebnisse ist. In dem mit dem Publikumspreis für den besten Spielfilm ausgezeichneten Streifen "The Frog" von Elmir Juki´c -er setzt ein zehn Jahre lang erfolgreiches Theaterstück filmisch um -sind der Barbier Zeko, sein Bruder Toco und sein bester Freund Grga auf unterschiedliche Weise Gefangene ihrer Kriegserinnerungen; Zeko treiben sie beinahe in den Tod. Und der Spielfilm "Dead Fish" des kroatischen Regisseurs Kristijan Milic zeigt in quälender Langsamkeit ein Mosaik fluchender, versoffener und aggressiver Balkanmänner, die sich immer wieder auf einen rätselhaften Suizid beziehen.

Von den Dokumentarfilmen beeindruckten Blicke auf Sarajevo von außen: "Out of Darkness. Cities after War" des spanischen Regisseurs Francesc Relea erzählt Geschichten aus Medellín, Beirut, Kigali und Sarajevo, hat aber unnötige Längen und Redundanzen. Doch "Sarajevo March" des türkischen Regisseurs Ersan Bayraktar, dessen Mutter in Sarajevo aufgewachsen ist, bringt Menschen zum Sprechen, deren Erfahrungen einem den Atem stocken lassen: eine alte Frau, die ihren Mann und ihre drei Kinder verloren hat; einen Marktverkäufer, der den Beschuss durch eine Granate nur überlebt hat, weil er sich gerade um einen Krautkopf bückte; eine Frau, die vergewaltigt und deren Mann vor ihren Augen erstochen wurde; einen todkranken Mann und eine Frau, die einen Halsdurchschuss überlebt hat

"3 Women or Waking up from my Bosnian Dream", ein Spielfilm des mexikanischen Regisseurs Sergio Flores Thorija, hält Bosnien einen anderen Spiegel vor -die diskriminierenden Konzepte von Sexualität: eine lesbische junge Frau kann sich niemandem anvertrauen, eine Nachtclub-Tänzerin ist rechtloses Freiwild. Für vieles müsste man das Sarajevo Film Festival preisen: dass es junge Talente entdeckt; dass es auch große internationale Filme zeigt wie "Loveless" von Andrej Swjaginzew -eine mit Tarkowski-Referenzen inszenierte Scheidungs-Tragödie, bei der ein Kind verschwindet. Doch das Wichtigste ist: Dieses mittlerweile größte Filmfestival Südosteuropas gibt den zahlreichen einheimischen Besuchern das Gedächtnis zurück, das die Stadt unterdrücken musste, um wieder zu ihrer "Normalität" zu finden; und es zwingt sein internationales Publikum, die europäische Wunde Sarajevo nicht zu vergessen.

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