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Die Zukunft in den Sternen

Ein Gespräch über Astrologie, Wahrsagerei, diverse Praktiken der Schicksalsdeutung - und die menschliche Freiheit.

Die Furche: Im Internet und auf Esoterik-Messen boomt das Geschäft mit Wahrsagerei und Astrologie. Ein neuer Trend?

P. Clemens Pilar: Die Suche nach Möglichkeiten, das Leben in den Griff zu bekommen, indem man erkennt, was in Zukunft kommen wird, ist sehr alt. Schon im Altertum waren Praktiken des Schicksalsvorhersage weit verbreitet.Von den Christen wurden sie eindeutig abgelehnt - vor allem auch deswegen, weil im Altertum die Sterne als Götter, als Dämonen, gesehen wurden. Darum ist im Judentum der Sternenkult streng verboten. Da gibt es eindeutige Aussagen im Alten Testament. Den Sternen einen Kult zu widmen, ist Götzendienst.

Die Furche: Manche Astrologen berufen sich auf Thomas von Aquin ...

Pilar: In der Scholastik, als das naturwissenschaftliche Bild der Antike aufgegriffen worden ist, hat man überlegt, ob die Sterne nicht einen physikalischen Einfluss auf die Physis des Menschen haben könnten. Thomas hat in diese Richtung einiges geschrieben. Das waren aber rein physikalische Überlegungen. So dachte man etwa, dass die Dünste eines auftretenden Kometen Krankheiten erregen. Klar war für Thomas allerdings, dass es keine Beeinflussung des freien Willens des Menschen geben könne. Daher sagt er: Die Sterne machen geneigt, sie zwingen nicht. Von Sternen die Zukunft des Menschen abzulesen, hat Thomas eindeutig abgelehnt.

Die Furche: Welche Denkmodelle stecken hinter der Astrologie?

Pilar: Da gilt die klassische Regel: Wie oben, so unten. Am Geschehen im Großen könne man ablesen, was im Kleinen, hier auf der Welt, passiert. Weil der Sternenlauf berechenbar ist, meint man, auch etwas über die Qualität der Zeit sagen zu können. Horoskop heißt ja: die Stunde schauen.

Die Furche: Sind diese Vorhersage-Praktiken nur Schwindel?

Pilar: Es wird sehr viel geschwindelt. Da hatte etwa eine Astrologin vorhergesagt, Gorbatschow werde 1991 gestürzt - ein Treffer! Bei näherem Hinsehen ist man draufgekommen, dass sie ein paar Wochen davor gesagt hatte, Gorbatschow würde seine Macht ausweiten. Oft werden also in Abständen widersprüchliche Aussagen gemacht. Eine ist dann eben richtig. So manche Aussage entpuppt sich auch als eine im Nachhinein - also im Wissen um die Ereignisse - gemachte Feststellung. Um den Tod von Lady Diana hat sich da einiges getan. Auch Berufsastrologen, die komplizierte Horoskope erstellen, können nicht ganz vom Schwindel freigesprochen werden, obwohl ihre astronomischen Berechnungen stimmen. Daneben gibt es die vielen Geschäftemacher, die regelmäßig Horoskope für die Medien erstellen. Absolut nichtssagende Phrasen. Da ist für jeden etwas drinnen.

Die Furche: Wie steht es mit jenen, die aus Kristallkugeln und von Tarot-Karten die Zukunft ablesen?

Pilar: Ein ehemaliger Esoteriker hat mir erzählt, wie da teilweise gearbeitet wird. Es genüge vielfach etwas Menschenkenntnis und Beobachtungsgabe. Wie gibt sich der Betreffende? Wie bewegt er sich? Hat er einen Ehering? In welcher Gemütsverfassung befindet sich mein Gegenüber? Und aus all dem kann man zu Aussagen kommen, die den Ratsuchenden verblüffen. Dadurch entsteht die Bereitschaft zu hören, was dann über Zukünftiges gesagt wird. Außerdem sind die Prognosen meist recht vage gehalten. Gefährlich sind Voraussagen, die nicht vage sind und den Menschen dann binden. Und dann gibt es auf dem Sektor alle möglichen technischen Spielereien. Etwa: Kristallkugeln, die mit Hologrammen arbeiten. Für den Klienten ganz erstaunlich, wenn da wirklich ein Bild erscheint.

Die Furche: Das klingt nach Pauschalverurteilung ...

Pilar: Ich will nicht sagen, dass es da nur Betrug gibt. Viele glauben selbst daran. Und vor allem: Da spielt viel Psychologie hinein - und Selbstbetrug. Tarotkarten-Legen kann man auch als psychologische Spielerei einstufen. Man lässt sich von den Mustern der gelegten Bilder inspirieren, benützt das als Weg zur Selbstfindung. Da ist die Bandbreite groß. Manche leiten aus den Bildern eben Prognosen ab.

Die Furche: Entsteht dadurch Abhängigkeit?

Pilar: Es kommen immer wieder Leute zu mir, die merken, dass sie auf diesem Weg unfrei geworden sind. Manchmal gerät jemand durch einen blöden Einfall in diesen Sog: Am Jahrmarkt lässt man sich aus Spaß die Zukunft aus der Hand lesen. Zunächst nimmt man es nicht ernst. Dann kommt der Gedanken: Wer weiß? Er hängt sich an, wird wie zum Fluch, begleitet den Menschen, kann zu einer jahrelangen Bindung führen.

Die Furche: Also nicht anstreifen?

Pilar: Das ist auch der Rat der Kirche, nicht einmal zum Spaß. Es besteht eben die Möglichkeit, dass man so die Freiheit verliert. Man begibt sich auf gefährliches Terrain, auf dem einem auch geistige Mächte begegnen können, die einem die Freiheit rauben wollen.

Die Furche: Dabei ist der Mensch doch grundsätzlich frei ...

Pilar: Ja, seine Zukunft ist offen. Nicht einmal Gott tastet den freien Willen des Menschen an. Auch die Dämonen können nur vom äußeren Verhalten des Menschen schließen, wer er ist, können aber nicht in seine Gedanken eindringen. Das ist ein Schutz, den wir nicht freiwillig verlassen werde.

Die Furche: Gibt es also keinen sinnvollen Zugang, um die Zukunft eines Menschen vorherzusehen?

Pilar: Es gibt schon sinnvolle Überlegungen, die über Zukünftiges angestellt werden dürfen. Etwa wenn ich versuche, zu erspüren: Wie wird der andere handeln? Ich versuche ihn zu verstehen - und treffe aufgrund dieser Erkenntnis Vorkehrungen. Das ist aber etwas anderes als die Vorhersage, die Vorwegnahme zukünftiger Ereignisse: Dies oder jenes wird geschehen. Im ersten Fall schließe ich von meiner jetzigen Erkenntnis auf eine wahrscheinliche Entwicklung, schätze ab, was das freie Spiel der Kräfte ergeben könnte. Ohne diese Abschätzung könnte ich gar nicht leben. Unzulässig ist aber, aufgrund irgendwelcher Omen und Zeichen vorauszusagen, was mit Gewissheit eintreten wird. Vielfach lassen sich Menschen an solche Voraussagen binden und es kommt zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Etwa so: Ich gehe zum Wahrsager. Der sagt mir, was kommen wird - und ich stelle mich ganz auf das ein. Dann handle ich so, als wäre das mein Schicksal und produziere das Ergebnis. Und dabei hätte ich alle Freiheit, anders zu handeln. Omen und Auswertung von Erfahrungen - das sind zwei ganz unterschiedliche Zugänge. Soweit Zukünftiges von menschlichen Entscheidungen abhängt, kommt immer das Element der Freiheit zum Tragen.

Das Gespräch führte Christof Gaspari. P. Clemens Pilar ist Autor des Buches "Esoterik und christlicher Glaube - Hilfen zur Unterscheidung".

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