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Feuilleton

Diese Frau sagt es nicht nur den Männern hinein

1945 1960 1980 2000 2020

Da sich die Texte der Kolumnistin, Buchautorin und Mit-Mutter des Frauenvolksbegehrens so leicht lesen, merken viele gar nicht, wie gescheit sie sind.

1945 1960 1980 2000 2020

Da sich die Texte der Kolumnistin, Buchautorin und Mit-Mutter des Frauenvolksbegehrens so leicht lesen, merken viele gar nicht, wie gescheit sie sind.

Immer direkt, viel zu direkt, und oft wirklich schon taktlos, die Frau. Allen Ernstes: Elfriede Hammerl kann unangenehm sein. Vor allem, wenn man sich von ihr ertappt fühlt, und das ist mir schon mehrmals passiert. Außerdem beruft sich meine Frau gelegentlich auf die Hammerl, schmeißt mir gar ein Hammerl-Zitat an den Kopf, und ist dann noch unangenehmer als die Hammerl. Diese Autorin weiß ja gar nicht, was sie anrichtet.

Zum Beispiel, wenn sie sowas schreibt (diese Sätze zeugen wirklich von Übelwollen und Unverständnis): "Jetzt haben wir also angeblich den neuen Mann, und der neue Mann sieht sich enorm aufgeschlossen. Das Blöde ist nur, daß seine Frau ihn nicht ganz so sieht ... Weil: Davon, daß der neue Mann meint, Frauen gehörten nicht von Natur aus an den Staubsauger, saugt sich Staub noch nicht. Und wenn er auch glaubt, daß Frauen nicht zum Bügeln geschaffen sind, so will er doch gebügelte Hemden, und er will sie nicht unbedingt selber bügeln."

Zum Glück bin ich kein neuer Mann, sondern der Prototyp des alten Mannes, der in der Schule Bügeln noch nicht gehabt hat. Aber ich fühle mich von Elfriede Hammerl mißverstanden. Und überhaupt, muß man so ätzen? Sie schreibt: "Mit der Frau vom neuen Mann ist es so wie mit den Türken: Kein einigermaßen vernünftiger Mensch behauptet, daß sie kraft ihrer Chromosomen zum Straßenkehren geboren sind. Aber nehmen wir ihnen deswegen das Straßenkehren ab?" Also wirklich, muß man so ätzen?

Wie schön, daß Elfriede Hammerl in ihrem neuen Buch "Steile Typen im Supermarkt" nicht nur Männer mißversteht, sondern auch Menschen im allgemeinen, ja, sogar Frauen auf die Schaufel nimmt. Zum Beispiel die Kassierin im Supermarkt, die den vor der Kassa angestellten Frauen nahelegt, die Herren vorzulassen. Was mir leider noch nie passiert ist, weshalb ich auch nie in die Versuchung kam, in einer solchen Situation zu sagen: Also bitte, nicht doch!

Geschlechtsneutrales Gift verspritzt sie gegen Leute, die es angesichts einer flotten Siebzigerin mit scharfem Geist, der Figur eines Models und schönem Gesicht für ein Mega-Kompliment halten, festzustellen: "Wenn ich mit siebzig auch noch so beisammen bin, dann bin ich hoch zufrieden." Was sie zur wirklich taktlosen Frage veranlaßt, warum "verfettete Fünfziger, mäßig intelligente Sechziger und farblose Dreißigerinnen" annehmen, "sie würden sich in geistvolle, attraktive Siebzigjährige verwandeln?"

Wer unbedingt Hammerl lesen will, liest am besten nur das, was die anderen angeht. Der Max liest also am besten die Geschichte von der Mimi, die nicht verstehen kann, warum ihr Max darauf besteht, sich an seinem Bankschalter selbstverwirklichen zu wollen, statt als Hausmann, und warum er "Einflüsterungen glaubt, wonach er angeblich selber weiß, was er wirklich will, statt zu begreifen, daß nur Mimi ihm sagen kann, worin seine wahre Berufung liegt".

Politiker überblättern am besten die Seite mit der "Gerechtigkeit", wo sich die Hammerl doch tatsächlich, ätzend, wie sie ist, erfrecht, einem Abgeordneten, der sich seine 180 Blauen monatlich schwer genug verdient und dazu steht, das niedrige Einkommen einer alleinerziehenden Mutter mit krankem Vater und 18-Stunden-Tag vorzurechnen. Pfui, Untergriff!

Viertel- bis Halbwüchsigen wiederum ersparen wir den Stoßseufzer einer Mutter, die sich zur Erkenntnis durchgerungen hat, daß sie die natürliche Feindin ist und es "zu meinen Mutterpflichten gehört, über weite Strecken die Buhfrau abzugeben. Das ist ein verdammt undankbarer Part, und oft sitze ich mit anderen Eltern zusammen, die ähnlich leiden; gemeinsam klammern wir uns an die Hoffnung, daß die Kinder eines Tages ein Einsehen mit uns haben werden, vielleicht in zehn Jahren, vielleicht in hundert."

Perfekten Eltern hingegen vorenthalten wir die Stelle, in der sie sich erkennen könnten, weil dort von Besuchern die Rede ist, "die Kräche nicht als Teil der Erziehung ansehen, sondern als Beweis für fehlgeschlagene Erziehungsversuche" und honigtriefend von Musterfamilien erzählen, "wo kein Zwist die Harmonie trübt".

Doch jetzt läßt der Rezensent die Maske fallen und bekennt, daß er das ganze Buch nicht nur gelesen, sondern genossen hat, ob er sich nun eingestehen mußte, daß er der Betroffene ist und die Hammerl trotzdem recht hat (und das hat sie leider manchmal, das hat sie mit meiner Frau gemein), oder ob sie auf andere hackt, oder ob sie sich selbst auf die Schaufel nimmt, was sie keineswegs selten tut. Sie ist nämlich emanzipiert, kritisch, boshaft, manchmal scharf, manchmal mild, aber immer eine blitzgescheite Frau mit exzellenten Chancen, keine verfettete Fünfzigerin oder mäßig intelligente Sechzigerin zu werden, sondern eine geistvolle, attraktive Siebzigjährige, die dann noch immer, und womöglich noch boshaftere, und, nicht unwahrscheinlich, sogar so richtig weise Bücher schreibt.

Nichts gegen die Weisheit, wenn ihr der Zorn nicht vergeht. Der Zorn auf unser aller Schweinereien im Alltag. Und der Zorn auf die Schweinereien der Großen, die sich gegen die Kleinen richten. Wenn sie ihre Höchstform erreicht, ist es meist dieser Zorn, der sie antreibt.

STEILE TYPEN IM SUPERMARKT oder Die Hausfrau braucht Herausforderungen Von Elfriede Hammerl Verlag Ueberreuter, Wien 1998 176 Seiten, Pb., öS 218,-