Digital In Arbeit
Feuilleton

Diese schrecklich nette Familie

1945 1960 1980 2000 2020

"Nach dem Urteil": Xavier Legrands Langfilmdebüt ist ebenso beklemmendes wie grandios erzähltes Kino über eine zerbrochene Familie, die einer lebensbedrohlichen Gewaltspirale zu entkommen sucht.

1945 1960 1980 2000 2020

"Nach dem Urteil": Xavier Legrands Langfilmdebüt ist ebenso beklemmendes wie grandios erzähltes Kino über eine zerbrochene Familie, die einer lebensbedrohlichen Gewaltspirale zu entkommen sucht.

Während das diesjährige Filmfestival in Venedig seinem Höhepunkt zustrebt, läuft in den heimischen Kinos der Film an, für den Xavier Legrand im Vorjahr den Preis für die Beste Regie abholen durfte. "Nach dem Urteil", der erste Langspielfilm des französischen Filmemachers und Schauspielers, nimmt den Plot seines preisgekrönten Kurzfilms "Avant que de tout pedre" aus dem Jahr 2013 auf, in dem bereits Léa Drucker und Denis Ménochet als Ex-Paar Miriam und Antoine vor der Kamera standen. Und soviel darf zusammenfassend resümiert sein: Eine äußerst mitnehmende Geschichte ist es, die Legrand da vor seinem Publikum ausbreitet -wahr, aber emotional arg fordernd.

"Nach dem Urteil" beginnt, anders als der Titel vorgibt, mit einer gerichtlichen Sorgerechtsverhandlung: Miriam und Antoine Besson streiten vor der Richterin, ob der Ex-Mann und Vater der gemeinsamen Kinder das geminsame Sorgerecht für die Kinder bekommen soll, was Miriam zu verhindern sucht. Tochter Joséphine ist beinahe 18 und will dezidiert nichts mit dem Vater zu tun haben, das Gleiche gilt für den 11-jährigen Julien. Aber die Anwältin von Antoine argumentiert so geschickt, dass die Richterin entnervt fragt, wer von den Kontrahenten mehr lügt. Sie entlässt beide -und kündigt an, das Urteil werde schriftlich ergehen.

Zum Entsetzen von Miriam wird Antoine in diesem das vierzehntägige Besuchsrecht eingeräumt. Und so muss der Sohn also jedes zweite Wochenende mit dem Vater verbringen.

Lange verschwiegene Gewaltgeschichte

Der Kunstgriff, auf den Legrand seinen Film aufbaut, besteht darin, dass der Zuschauer zunächst nichts davon weiß, wie es zur Zerrüttung der Ehe von Antoine und Miriam kam. Was in der Vergangenheit vorgefallen ist, kann erst mit Fortschreiten von "Nach dem Urteil" erahnt werden. Es müssen schreckliche Umstände gewesen sein.

Für Julien ist das erzwungene Zusammensein mit dem Vater von Anfang an eine psychische Tortur. Auch wenn es den Anschein hat, als ob der Vater sich im Griff hat oder zumindest zusammenreißt, muss es eine Gewaltgeschichte gegeben haben, weswegen Miriam und die Kinder von Antoine weg sind. Miriam zieht mit den Kindern denn auch in eine neue Wohnung, ohne Antoine davon zu unterreichten, und Julien sucht das vor dem Vater gleichermaßen zu verheimlichen. Doch dem gelingt es mit der Schläue des Gewalttäters, das Geheimnis aufzubrechen.

Ganz besonders hat es Antoine auf Tochter Joséphine abgesehen, deren Freund Samuel er ablehnt. Und auch seiner Ex spioniert er via Julien hinterher: Es kann ja nicht sein, dass Miriam einen Neuen hat. Dass dies alles sich in Richtung Katastrophe hinbewegt, ist von Anfang an klar. Aber die kaltnüchterne Beobachtung Legrands, die nur nach und nach das vergangene und gegenwärtige Unheil ein wenig lüftet , erzeugt eine atemberaubende Dynamik,die auch in der Filmkunst ihresgleichen sucht.

Die Gewaltspirale, die "Nach dem Urteil" offenlegt, beklemmt wieder und wieder - und ist doch alles andere als eine böse Fantasie. Dem Zuschauer ist klar, dass Legrand, von dem auch das Drehbuch stammt, aus dem Leben und dem Alltag einer zerbrochenen Familie erzählt.

Neben Denis Ménochet und Léa Drucker ist vor allem das Spiel von Thomas Giora in der Rolle des Julien exzeptionell: Wie nuanciert sowie hintergründig verängstigt und verzweifelt der beim Dreh erst 13-Jährige seine Rolle anlegt, trägt wesentlich zur Beklemmung dieser grandiosen ersten großen Regiearbeit von Xavier Legrand bei.

Nach dem Urteil (Jusquà la garde) F 2017. Regie: Xavier Legrand. Mit Denis Ménochet, Thomas Giora, Léa Drucker, Mathilde Auneveux, Mathieu Saïkaly. Filmladen. 94 Min.

Während das diesjährige Filmfestival in Venedig seinem Höhepunkt zustrebt, läuft in den heimischen Kinos der Film an, für den Xavier Legrand im Vorjahr den Preis für die Beste Regie abholen durfte. "Nach dem Urteil", der erste Langspielfilm des französischen Filmemachers und Schauspielers, nimmt den Plot seines preisgekrönten Kurzfilms "Avant que de tout pedre" aus dem Jahr 2013 auf, in dem bereits Léa Drucker und Denis Ménochet als Ex-Paar Miriam und Antoine vor der Kamera standen. Und soviel darf zusammenfassend resümiert sein: Eine äußerst mitnehmende Geschichte ist es, die Legrand da vor seinem Publikum ausbreitet -wahr, aber emotional arg fordernd.

"Nach dem Urteil" beginnt, anders als der Titel vorgibt, mit einer gerichtlichen Sorgerechtsverhandlung: Miriam und Antoine Besson streiten vor der Richterin, ob der Ex-Mann und Vater der gemeinsamen Kinder das geminsame Sorgerecht für die Kinder bekommen soll, was Miriam zu verhindern sucht. Tochter Joséphine ist beinahe 18 und will dezidiert nichts mit dem Vater zu tun haben, das Gleiche gilt für den 11-jährigen Julien. Aber die Anwältin von Antoine argumentiert so geschickt, dass die Richterin entnervt fragt, wer von den Kontrahenten mehr lügt. Sie entlässt beide -und kündigt an, das Urteil werde schriftlich ergehen.

Zum Entsetzen von Miriam wird Antoine in diesem das vierzehntägige Besuchsrecht eingeräumt. Und so muss der Sohn also jedes zweite Wochenende mit dem Vater verbringen.

Lange verschwiegene Gewaltgeschichte

Der Kunstgriff, auf den Legrand seinen Film aufbaut, besteht darin, dass der Zuschauer zunächst nichts davon weiß, wie es zur Zerrüttung der Ehe von Antoine und Miriam kam. Was in der Vergangenheit vorgefallen ist, kann erst mit Fortschreiten von "Nach dem Urteil" erahnt werden. Es müssen schreckliche Umstände gewesen sein.

Für Julien ist das erzwungene Zusammensein mit dem Vater von Anfang an eine psychische Tortur. Auch wenn es den Anschein hat, als ob der Vater sich im Griff hat oder zumindest zusammenreißt, muss es eine Gewaltgeschichte gegeben haben, weswegen Miriam und die Kinder von Antoine weg sind. Miriam zieht mit den Kindern denn auch in eine neue Wohnung, ohne Antoine davon zu unterreichten, und Julien sucht das vor dem Vater gleichermaßen zu verheimlichen. Doch dem gelingt es mit der Schläue des Gewalttäters, das Geheimnis aufzubrechen.

Ganz besonders hat es Antoine auf Tochter Joséphine abgesehen, deren Freund Samuel er ablehnt. Und auch seiner Ex spioniert er via Julien hinterher: Es kann ja nicht sein, dass Miriam einen Neuen hat. Dass dies alles sich in Richtung Katastrophe hinbewegt, ist von Anfang an klar. Aber die kaltnüchterne Beobachtung Legrands, die nur nach und nach das vergangene und gegenwärtige Unheil ein wenig lüftet , erzeugt eine atemberaubende Dynamik,die auch in der Filmkunst ihresgleichen sucht.

Die Gewaltspirale, die "Nach dem Urteil" offenlegt, beklemmt wieder und wieder - und ist doch alles andere als eine böse Fantasie. Dem Zuschauer ist klar, dass Legrand, von dem auch das Drehbuch stammt, aus dem Leben und dem Alltag einer zerbrochenen Familie erzählt.

Neben Denis Ménochet und Léa Drucker ist vor allem das Spiel von Thomas Giora in der Rolle des Julien exzeptionell: Wie nuanciert sowie hintergründig verängstigt und verzweifelt der beim Dreh erst 13-Jährige seine Rolle anlegt, trägt wesentlich zur Beklemmung dieser grandiosen ersten großen Regiearbeit von Xavier Legrand bei.

Nach dem Urteil (Jusquà la garde) F 2017. Regie: Xavier Legrand. Mit Denis Ménochet, Thomas Giora, Léa Drucker, Mathilde Auneveux, Mathieu Saïkaly. Filmladen. 94 Min.