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Feuilleton

"Diesen Adnan habe ich verloren"

1945 1960 1980 2000 2020

Weil die belgische Polizei den Falschen für einen der Attentäter vom Brüsseler Flughafen hielt, zerstörte sie die Existenz eines Unschuldigen.

1945 1960 1980 2000 2020

Weil die belgische Polizei den Falschen für einen der Attentäter vom Brüsseler Flughafen hielt, zerstörte sie die Existenz eines Unschuldigen.

Wenn Adnan Ahmad im Auto vorfährt, wirkt er wie ein Jungunternehmer aus dem Bilderbuch. Coffee-to-go-Becher in der Hand, zurückgegelte Haare, hellgrauer Anzug. Er streift das Jackett ab, lädt einen Mitarbeiter zur Begrüßungszigarette in den Hof und sagt grinsend: "Wochenlang regnet es, und kaum ist es ein paar Minuten warm, stehen wir im Schatten. Richtige Belgier!" Dann fällt die Maske. Den Kaffee, sagt Adnan Ahmad, hat er sich zur Beruhigung gekauft. Es ist das erste Mal, dass er wieder hier in seinem Betrieb ist. Und er hofft heute zum letzten Mal über die Ereignisse zu sprechen, die ihm deutlich machten: Er ist eben kein richtiger Belgier.

Was er ist, weiß Adnan Ahmad, 30,1991 mit seinen Eltern aus Pakistan nach Hasselt gekommen, nicht mehr. Bis Ende März war seine Existenz klar umrissen. IT-Experte, alleinerziehender Vater zweier Töchter, seit 2015 Inhaber des größten Ambulanz- Betriebs der belgischen Provinz Limburg. Dann kam der Tag, der alles veränderte. Am 27. März, nur fünf Tage nach den Brüsseler Terroranschlägen, liegt Adnan Ahmad gegen acht Uhr morgens im Haus seiner Eltern in seinem Bett und schläft. Die Töchter sind schon auf und schauen TV. Als jemand mit Wucht gegen die Haustür schlägt, sitzt er mit einem Mal senkrecht.

Verhaftung aus dem Bett heraus

Aus dem Fenster im Flur sieht er, dass draußen Polizisten stehen. Er sucht seine Klamotten und wundert sich: "Was habe ich mit der Polizei zu tun?" Die Beamten kündigen eine Hausdurchsuchung an, bereitwillig gibt Ahmad Schlüssel, Autoschlüssel, Portemonnaie und Handy ab. "Worum geht es eigentlich?", fragt er einen Polizisten. Die Antwort erschreckt ihn: "Du wirst gesucht wegen Terrorismus. Du musst mitkommen." Und doch muss er lachen. Wie will jemand ihn und Radikalismus in Zusammenhang bringen?

Noch nicht einmal mit Religion habe er zu tun, erklärt Adnan Ahmad. Die Eltern sind praktizierende Muslime, er selbst aber war seit Jahren in keiner Moschee. Er hat keine muslimischen Freunde, mag Whiskey, nennt sich selbst Atheist und Freidenker. Mit zwölf begann er, sich selbst ein Bild von der Welt zu machen." Ich habe mein Leben immer auf Wissen basiert. Und an ein 2.000 oder 1.600 Jahre altes Buch zu glauben, funktioniert nicht für mich."

Wissen, das war für ihn einst der Ausweg aus einer entbehrungsreichen Kindheit. Er erzählt von einem Computerspiel, das er als Junge hatte. Darin kam der Satz "Wissen ist Macht" vor. Er nahm sich vor, alles über Computer zu lernen. Mit zwölf hatte er den Bestand der öffentlichen Bibliothek durch. Als Altersgenossen später Bewerbungen schrieben, wurde Ahmad angefragt, bei Siemens zu arbeiten, bei British Telecom oder Dexia.

In seiner Zelle ist all das weit weg. Ein Glas Wasser hat er bekommen, die Antidepressiva, die er gegen Stress schluckt, aber kein Essen. Stundenlang wartet er, "ohne zu wissen, wie es mit meinem Leben weitergeht." Erst, als es beinahe Mitternacht ist, führen ihn zwei Beamte in ein Verhörzimmer. "Wo waren Sie am 22. März?", wollen sie wissen. "Das weiß ich nicht. Ich weiß nicht mal, was ich gestern zu Abend gegessen habe." Er verweist auf sein Telefon. GPS, Wifi, Blue Tooth, alles ist ständig eingeschaltet. Seine Wege nachzuvollziehen, ist ein Leichtes. Die zweite Frage macht ihm Angst. "Sind Sie der Mann mit dem Hütchen?"

Was soll er darauf antworten? "Ich habe kein Hütchen. Ich weiß nichts davon", kommt es aus ihm. Was ihn beunruhigt: nicht Verbindung zu Terroristen wirft man ihm vor oder radikalisiert zu sein. Man verdächtigt ihn, der meist gesuchte Terrorist des Landes zu sein, dessen Foto in diesen Tagen überall zu sehen ist. Ein verschwommenes Foto übrigens. "Wenn sie mich blitzen, bin ich bei Tempo 250 scharf zu sehen. Aber am Brüsseler Flughafen machen sie Bilder wie mit einem Handy im Jahr 2000. Da hat der belgische Staat versagt. Anstatt auf Intelligenz setzt man auf Profilierung. Das ist in meinem Fall geschehen."

Mitarbeitern werden Pistolen vorgehalten

Länger als diese zwei Fragen dauert das Verhör nicht. Adnan Ahmad wird zurück in seine Zelle gebracht. Wenige Minuten später steckt man ihn in einen Polizeibus und lässt ihn vor dem Haus seiner Eltern aussteigen. Ein Beamter nimmt ihm die Handschellen ab. Ohne ein weiteres Wort fährt der Bus davon. Es ist ein Uhr in der Nacht, vielleicht halb zwei. Pause. Wenn Ahmad seine Geschichte erzählt, folgt an dieser Stelle eine Pause. Selbst an einem warmen Sommertag fühlt man das Gewicht aus Blei, das auf ihm liegt. Die nächste Szene ist filmreif. Die Eltern sind noch wach, sie drücken ihn an sich und sagen, dass alles gut wird. Nur: Das wird es nicht. Noch in der Dämmerung durchsuchen Polizisten die Notfall-Ambulanz, die Ahmad in dieser Zeit zu Hause parkt. Auch wenn man ihn freigelassen hat, glaubt man ihm nicht.

Ein Eindruck, der sich bestätigt, als er am Tag darauf ins Büro will. Obwohl sie die Schlüssel hatten, haben Beamten die Türen aufgebrochen, Computer und Papierkram konfisziert, alle Krankenwagen beschlagnahmt und die Privatautos aller Angestellten mitgenommen. Mit zwölf, 13 Abschleppwägen kamen sie, zwei Beamte in jedem, sie sperrten die Ausfallstraße ab, während Adnan Ahmad in der Zelle saß. Mitarbeiter, die zur Arbeit kamen, ließen sie mit vorgehaltener Pistole aussteigen.

Nicht einmal halben Besitz zurückerhalten

Aber warum das Ganze?"Am Tag, als ich festgenommen wurde, sollte in Brüssel eine große Kundgebung stattfinden. Es gab einen anonymen Hinweis, dass dort in einem Krankenwagen eine Bombe explodieren sollte." Adnan Ahmad lacht bitter. "Eins plus eins ist zwei. Ich bin scheinbar der einzige 'Braune' in Belgien mit einem Krankenwagen." Brauner?"Willkommen in Hasselt. So nenne sie mich mein ganzes Leben. 'Brauner Affe.' In der Schule geht das los. Jeder, der in einer Autoritätsposition war, sagte es zu mir. Auch Beamte der Föderalen Polizei, als ich dort meine Sachen abholen wollte.""

Noch immer hat Adnan Ahmad nicht einmal die Hälfte seines Besitzes zurückerhalten - obwohl der Täter inzwischen gefasst ist. "Ich habe ein eigenes Appartement. Auch dort fand eine Razzia statt." Ein Inventar der Gegenstände wurde nicht angelegt, weswegen er sich wochenlang mit den Behörden herumschlug. Schließlich nahm er einen Anwalt und reichte Klage ein. "Weil sie mir meinen Besitz nicht zurückgaben, wegen Rassismus, körperlichem Schaden, emotionalem Schaden, Umsatzschaden."

Was bleibt, ist ein Trümmerhaufen. Ahmads Betrieb steht kurz vor dem Aus. Ein Krankenhaus kündigte die Zusammenarbeit, Partner zahlen die Rechnungen nicht. Seit er Klage eingereicht hat gegen die Behörden, ist er zudem schon drei Mal verhaftet worden. "Einmal wollte ich ein Sandwich kaufen, hier an der Straße. Ein Polizist kam und fragte mich nach meinem Ausweis. Dann drückte er mich auf den Bordstein, legte mir Handschellen an, meine Kleider waren zerrissen, die Lippe geschwollen, ich hatte eine Wunde am Arm. Ein paar Stunden in der Zelle, dann konnte ich wieder gehen."

Ein Wild im Scheinwerferlicht: So fühlt sich Adnan Ahmad in Belgien. Weit weg will er, für die Zukunft seiner Töchter. Wenn er sich je wieder als freier Bürger fühlen soll, dann nicht hier. "Dieses Gefühl haben sie mir genommen." Was ihn noch umtreibt, ist die Suche nach seinem früheren Ego. "Wie kann ich wieder der glückliche, friedliebende Mensch sein, der ich früher war? Diesen Adnan habe ich verloren."

Wenn Adnan Ahmad im Auto vorfährt, wirkt er wie ein Jungunternehmer aus dem Bilderbuch. Coffee-to-go-Becher in der Hand, zurückgegelte Haare, hellgrauer Anzug. Er streift das Jackett ab, lädt einen Mitarbeiter zur Begrüßungszigarette in den Hof und sagt grinsend: "Wochenlang regnet es, und kaum ist es ein paar Minuten warm, stehen wir im Schatten. Richtige Belgier!" Dann fällt die Maske. Den Kaffee, sagt Adnan Ahmad, hat er sich zur Beruhigung gekauft. Es ist das erste Mal, dass er wieder hier in seinem Betrieb ist. Und er hofft heute zum letzten Mal über die Ereignisse zu sprechen, die ihm deutlich machten: Er ist eben kein richtiger Belgier.

Was er ist, weiß Adnan Ahmad, 30,1991 mit seinen Eltern aus Pakistan nach Hasselt gekommen, nicht mehr. Bis Ende März war seine Existenz klar umrissen. IT-Experte, alleinerziehender Vater zweier Töchter, seit 2015 Inhaber des größten Ambulanz- Betriebs der belgischen Provinz Limburg. Dann kam der Tag, der alles veränderte. Am 27. März, nur fünf Tage nach den Brüsseler Terroranschlägen, liegt Adnan Ahmad gegen acht Uhr morgens im Haus seiner Eltern in seinem Bett und schläft. Die Töchter sind schon auf und schauen TV. Als jemand mit Wucht gegen die Haustür schlägt, sitzt er mit einem Mal senkrecht.

Verhaftung aus dem Bett heraus

Aus dem Fenster im Flur sieht er, dass draußen Polizisten stehen. Er sucht seine Klamotten und wundert sich: "Was habe ich mit der Polizei zu tun?" Die Beamten kündigen eine Hausdurchsuchung an, bereitwillig gibt Ahmad Schlüssel, Autoschlüssel, Portemonnaie und Handy ab. "Worum geht es eigentlich?", fragt er einen Polizisten. Die Antwort erschreckt ihn: "Du wirst gesucht wegen Terrorismus. Du musst mitkommen." Und doch muss er lachen. Wie will jemand ihn und Radikalismus in Zusammenhang bringen?

Noch nicht einmal mit Religion habe er zu tun, erklärt Adnan Ahmad. Die Eltern sind praktizierende Muslime, er selbst aber war seit Jahren in keiner Moschee. Er hat keine muslimischen Freunde, mag Whiskey, nennt sich selbst Atheist und Freidenker. Mit zwölf begann er, sich selbst ein Bild von der Welt zu machen." Ich habe mein Leben immer auf Wissen basiert. Und an ein 2.000 oder 1.600 Jahre altes Buch zu glauben, funktioniert nicht für mich."

Wissen, das war für ihn einst der Ausweg aus einer entbehrungsreichen Kindheit. Er erzählt von einem Computerspiel, das er als Junge hatte. Darin kam der Satz "Wissen ist Macht" vor. Er nahm sich vor, alles über Computer zu lernen. Mit zwölf hatte er den Bestand der öffentlichen Bibliothek durch. Als Altersgenossen später Bewerbungen schrieben, wurde Ahmad angefragt, bei Siemens zu arbeiten, bei British Telecom oder Dexia.

In seiner Zelle ist all das weit weg. Ein Glas Wasser hat er bekommen, die Antidepressiva, die er gegen Stress schluckt, aber kein Essen. Stundenlang wartet er, "ohne zu wissen, wie es mit meinem Leben weitergeht." Erst, als es beinahe Mitternacht ist, führen ihn zwei Beamte in ein Verhörzimmer. "Wo waren Sie am 22. März?", wollen sie wissen. "Das weiß ich nicht. Ich weiß nicht mal, was ich gestern zu Abend gegessen habe." Er verweist auf sein Telefon. GPS, Wifi, Blue Tooth, alles ist ständig eingeschaltet. Seine Wege nachzuvollziehen, ist ein Leichtes. Die zweite Frage macht ihm Angst. "Sind Sie der Mann mit dem Hütchen?"

Was soll er darauf antworten? "Ich habe kein Hütchen. Ich weiß nichts davon", kommt es aus ihm. Was ihn beunruhigt: nicht Verbindung zu Terroristen wirft man ihm vor oder radikalisiert zu sein. Man verdächtigt ihn, der meist gesuchte Terrorist des Landes zu sein, dessen Foto in diesen Tagen überall zu sehen ist. Ein verschwommenes Foto übrigens. "Wenn sie mich blitzen, bin ich bei Tempo 250 scharf zu sehen. Aber am Brüsseler Flughafen machen sie Bilder wie mit einem Handy im Jahr 2000. Da hat der belgische Staat versagt. Anstatt auf Intelligenz setzt man auf Profilierung. Das ist in meinem Fall geschehen."

Mitarbeitern werden Pistolen vorgehalten

Länger als diese zwei Fragen dauert das Verhör nicht. Adnan Ahmad wird zurück in seine Zelle gebracht. Wenige Minuten später steckt man ihn in einen Polizeibus und lässt ihn vor dem Haus seiner Eltern aussteigen. Ein Beamter nimmt ihm die Handschellen ab. Ohne ein weiteres Wort fährt der Bus davon. Es ist ein Uhr in der Nacht, vielleicht halb zwei. Pause. Wenn Ahmad seine Geschichte erzählt, folgt an dieser Stelle eine Pause. Selbst an einem warmen Sommertag fühlt man das Gewicht aus Blei, das auf ihm liegt. Die nächste Szene ist filmreif. Die Eltern sind noch wach, sie drücken ihn an sich und sagen, dass alles gut wird. Nur: Das wird es nicht. Noch in der Dämmerung durchsuchen Polizisten die Notfall-Ambulanz, die Ahmad in dieser Zeit zu Hause parkt. Auch wenn man ihn freigelassen hat, glaubt man ihm nicht.

Ein Eindruck, der sich bestätigt, als er am Tag darauf ins Büro will. Obwohl sie die Schlüssel hatten, haben Beamten die Türen aufgebrochen, Computer und Papierkram konfisziert, alle Krankenwagen beschlagnahmt und die Privatautos aller Angestellten mitgenommen. Mit zwölf, 13 Abschleppwägen kamen sie, zwei Beamte in jedem, sie sperrten die Ausfallstraße ab, während Adnan Ahmad in der Zelle saß. Mitarbeiter, die zur Arbeit kamen, ließen sie mit vorgehaltener Pistole aussteigen.

Nicht einmal halben Besitz zurückerhalten

Aber warum das Ganze?"Am Tag, als ich festgenommen wurde, sollte in Brüssel eine große Kundgebung stattfinden. Es gab einen anonymen Hinweis, dass dort in einem Krankenwagen eine Bombe explodieren sollte." Adnan Ahmad lacht bitter. "Eins plus eins ist zwei. Ich bin scheinbar der einzige 'Braune' in Belgien mit einem Krankenwagen." Brauner?"Willkommen in Hasselt. So nenne sie mich mein ganzes Leben. 'Brauner Affe.' In der Schule geht das los. Jeder, der in einer Autoritätsposition war, sagte es zu mir. Auch Beamte der Föderalen Polizei, als ich dort meine Sachen abholen wollte.""

Noch immer hat Adnan Ahmad nicht einmal die Hälfte seines Besitzes zurückerhalten - obwohl der Täter inzwischen gefasst ist. "Ich habe ein eigenes Appartement. Auch dort fand eine Razzia statt." Ein Inventar der Gegenstände wurde nicht angelegt, weswegen er sich wochenlang mit den Behörden herumschlug. Schließlich nahm er einen Anwalt und reichte Klage ein. "Weil sie mir meinen Besitz nicht zurückgaben, wegen Rassismus, körperlichem Schaden, emotionalem Schaden, Umsatzschaden."

Was bleibt, ist ein Trümmerhaufen. Ahmads Betrieb steht kurz vor dem Aus. Ein Krankenhaus kündigte die Zusammenarbeit, Partner zahlen die Rechnungen nicht. Seit er Klage eingereicht hat gegen die Behörden, ist er zudem schon drei Mal verhaftet worden. "Einmal wollte ich ein Sandwich kaufen, hier an der Straße. Ein Polizist kam und fragte mich nach meinem Ausweis. Dann drückte er mich auf den Bordstein, legte mir Handschellen an, meine Kleider waren zerrissen, die Lippe geschwollen, ich hatte eine Wunde am Arm. Ein paar Stunden in der Zelle, dann konnte ich wieder gehen."

Ein Wild im Scheinwerferlicht: So fühlt sich Adnan Ahmad in Belgien. Weit weg will er, für die Zukunft seiner Töchter. Wenn er sich je wieder als freier Bürger fühlen soll, dann nicht hier. "Dieses Gefühl haben sie mir genommen." Was ihn noch umtreibt, ist die Suche nach seinem früheren Ego. "Wie kann ich wieder der glückliche, friedliebende Mensch sein, der ich früher war? Diesen Adnan habe ich verloren."