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Digitale Kunst trifft auf Spitzenforschung

Das Festival Ars Electronica versucht seit Bestehen einen Schritt voraus zu sein, Diskurse und Themenbereiche anzugehen, die im Kommen sind. Das ist auch heuer wieder einmal gelungen.

Origin - wie alles beginnt“ lautet der Titel der Ars Electronica 2011, die von 31. August bis 6. September stattfinden wird. Sieben Tage lang bietet das Ars Electronica Festival mit mehr als 300 Veranstaltungen Zeit und Raum für gedankliche, künstlerische und wissenschaftliche Experimente. Richtungweisend und neu in diesem Jahr, die faszinierenden Welt der Spitzen- und Grundlagenforschung durch die Zusammenarbeit mit CERN, der Europäischen Organisation für Kernforschung. Auf den ersten Blick eine große Nummer, bei genauerer Betrachtung eine fast logische Abfolge, im Rythmus der bisherigen Festivalthemen. Zum richtigen Zeitpunkt wurde mit CERN ein kongenialer Festivalpartner gefunden, der seinerseits vor wenigen Monaten zu wissenschaftlicher, kulturelle Aktivitäten angekündigt und sein Programm "Great Arts for Great Science“ vorgestellt hat. So ist es deren erklärtes Ziel, Kunst und Spitzenforschung in Augenhöhe zu sehen und kulturelle Partnerschaften einzugehen. Entschieden hat sich ein hochkarätiger Beirat die Ars Electronica als ersten Partner ins Boot zu holen. Der am CERN arbeitende österreichische Physiker Michael Doser ist "gespannt auf die Ergebnisse des kreativen Zusammentreffens mit der Ars Electronica“ und sieht in der Partnerschaft ein "fantastisches Gegenstück für CERN.“

Kleine Teilchen, große Wirkung

Ganz im Sinne des künstlerischer Leiters der Ars Electronica, Gerfried Stocker, der in diesem Schritt, die besten Wissenschafter mit den besten Künstler zusammenzubringen, spannende Entwicklungsmöglichkeiten sieht. Die ursprüngliche Konzeption des Festivals, Kunst - Technologie - Gesellschaft, habe sich zwar jetzt stärker in Richtung Wissenschaft verlagert, sei aber ein probates Mittel, da man im Rahmen der Möglichkeiten neue Rezepturen zu mischen hat. Das eigentlich Interessante an CERN sind für ihn nicht die gigantische Technologie, Glaskavernen in der Größe von Notre Dame oder 27 000 Tonnen schwere Magneten: "Was wirklich spannend ist, sind jene Menschen aus 150 Ländern der Welt, die dort zusammenarbeiten. Es entsteht so eine Dimension, die über Wissenschaft weit hinausgeht und direkt zu gesellschaftlich relevanten Fragestellungen führt.“ Offiziell wird mit gigantischem Aufwand, Technik, Energie und finanziellen Mitteln ein Teilchen gesucht, das nur eine Milliardstel Sekunde existiert, sofern es das Teilchen überhaupt gibt. Welche Auswirkungen es haben kann, ist ebenso wenig geklärt oder erfassbar. Dennoch ist - sozusagen ganz "nebenbei“ - an diesem Zentrum, wo Tausende Menschen daran forschen das kleinste Teilchen der Welt zu entdecken, das World Wide Web entstanden. Seit den 90iger-Jahren hat es Leben und Alltag eines jeden einzelnen Menschen verändert und politisch gesellschaftliche Veränderungen beeinflusst. "Zwei Bewegungen halten uns derzeit in Schach“, meint Festivalleiterin Christine Schöpf: die Entwicklung im arabischen Raum und die Situation der Finanzwelt. Das Internet habe dabei eine große Rolle gespielt, 2010 "einen absoluten Wendepunkt in der Geschichte der digitalen Medien“ markiert, so Schöpf.

Festival mit Nachhaltigkeit

Mittlerweile schätzten große Konzerne wie Siemens Vodaphone oder SAP das Potenzial des AEC und vergeben Auftragsforschung. Für den künstlerischen Leiter Gerfried Stocker ist es aber gleichermaßen spannend, wenn neue Methoden und Formen für Künstler aus dem Opern- oder Theaterfach entwickelt werden, um ihre Arbeit zu visualisieren. Was in einer ersten Zusammenarbeit mit dem Linzer Brucknerhaus begonnen hat, Wagneropern zu visualisieren ist, zählt mittlerweile international zum Standardrepertoire, wie etwa in der Kölner Philharmonie, im großen Konzerthaus in Shanghai oder Sydney. Das sind natürlich gern gesehene ökonomische Ergebnisse, die sich auch in Zahlen messen lassen, denn rund 40 Prozent des Jahresbudgets kann aus diesen Aktivitäten abgedeckt werden. Nebenbei ergeben sich aber auch Synergien: Das Ambiente der aktuellen ARS-Electronica-Ausstellung im VW Haus Unter den Linden in Berlin hat der Linzer und Oö. Tourismusverband als Raum für Informations- und Werbeveranstaltung gewählt.

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