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Dinko, der Flüchtlingsjäger

Dinko Valev ist ein Superheld - für sich selbst und einige bulgarische Medien. Mit bloßen Händen kann er laut Selbstbeschreibung ein Dutzend Flüchtlinge festnehmen. Eigentlich ist Valev ein Actionfilm-Fan aus Jambol, einer Stadt im Südosten Bulgariens unweit der türkischen Grenze. In dieser hügeligen Gegend pflegt der frühere Kampfsportler und Altmetallhändler Dinko mit seinem Quad durchs Gelände zu streifen und nach Flüchtlingen zu suchen, die auf ihrer Reise nach Europa zu Fuß die Grenze überquert haben. "Auf den Boden!", befiehlt er dann Männern, aber auch Frauen und Kindern. Davon macht er dann Videos, die er auf youtube stellt. Erst dann kontaktiert er die Grenzpolizei.

Ein solches Video mit einem guten Dutzend "Festgenommener" machte ihn zum Medienstar und löste heftige Debatten in Bulgarien aus. Was ist Dinko, fragen die Einen, wenn nicht ein Produkt der Medien und der Politik? Wie konnte es so weit gekommen? Er ist ein Held, schreien die Anderen. Die Grenzpolizei allein könne die Flüchtlinge nicht aufhalten, deswegen brauche man Leute wie Dinko. Bald schon schaffte es Dinko mühelos, Dutzende von Gleichgesinnten für die nächsten Safaris zusammenzutrommeln. Er hatte auch Tipps an die Behörden parat, die er in den TV-Studios präsentierte: als Anreize für das Abfangen von Flüchtlingen sollte es kleine materielle Preise vergeben. So wären die Bürger motiviert den Kampf zu führen.

Anzeige und Stimmungsmache

Eine Menschenrechtsorganisation zeigte Valev schließlich an. Doch nach einem Verhör durch die Polizei war seine Fangemeinde noch größer geworden, und alle Aggression richtete sich gegen die NGO. Kein Wunder: In den Medien werden illegale Grenzübertritte meist als strafbares Delikt dargestellt, Flüchtlinge kriminalisiert. Die xenophobe Stimmung würde "eine Art Epidemie der Hassrede" in der ganzen Gesellschaft verbreiten, stellte die Stiftung "Mediendemokratie in einer aktuellen Studie fest.

In weiterer Folge haben betont "tatkräftige" Lokalpolitiker wie Bürgermeister Boschin Boschinov aus Topolovgrad unweit der türkischen Grenze hochtrabende Pläne. Er bietet dem Verteidigungsministerium an, selbst freiwillige Helfer zu schulen, die in den Wäldern verirrte Flüchtlinge aufstöbern sollen. Offiziell wolle er mit der Aktion gefährliche Brandfeuer vermeiden, mit denen die Migranten Signale an Schlepper geben.

Eine Reihe erfahrener Männer, die bei der Zwangsbulgarisierung der Muslime im Einsatz waren, hat Boschinov schon als Helfer gewonnen. Allesamt überzeugte Bulgaren, die im Zuge der "Homogenisierung der bulgarischen Nation" unter dem kommunistischen Regime Ende der 1980er-Jahre halfen, die Vertreter der ethnischen Türken zu zwingen, ihre Namen aufzugeben und bulgarische zu übernehmen.

Apropos Recht. Heute erörtern Juristen in den Zeitungen, wie weit der Bürger dabei gehen darf, wenn er Flüchtlinge "stellt". In welchen Teilen des Grenzgebietes wäre es ein Verbrechen? Wo wäre dagegen sogar die Anwendung von Gewalt erlaubt? Willkommen in Bulgarien.

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