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Feuilleton

Distanzierte Liebe

1945 1960 1980 2000 2020

"Der Platz", die autobiografische Familiengeschichte der französischen Autorin Annie Ernaux, liegt nun in hervorragender Neuübersetzung vor.

1945 1960 1980 2000 2020

"Der Platz", die autobiografische Familiengeschichte der französischen Autorin Annie Ernaux, liegt nun in hervorragender Neuübersetzung vor.

Väter sind Archetypen. Über Jahrhunderte auf die Rolle der ordnenden, versorgenden, schützenden Instanz festgelegt, verkörpern sie ein hehres Leitbild, das auch immer wieder in Frage gestellt wird, im wirklichen Leben wie in der Literatur. Nicht wenige dieser Könige stürzen von ihrem Thron -auf Theaterbühnen, in Romanen wie in autobiografischen Werken schriftstellernder Kinder.

König Vater führt mitunter eine recht gewöhnliche Existenz. Seinem Reiz als literarische Figur tut dies keinen Abbruch. Ein schönes Beispiel hierfür ist das Vaterbuch "Der Platz" von Annie Ernaux, einer der bedeutendsten Stimmen der französischen Gegenwartsliteratur. Das 1983 im Original erschienene, mit dem Prix Renaudot ausgezeichnete Werk liegt nun (nach "Die Jahre" und "Erinnerung eines Mädchens") in der hervorragenden Neuübersetzung von Sonja Finck vor. Es ist das so präzise wie feinnervige Porträt eines Mannes, der sich vom Knecht zum Arbeiter und Ladenbesitzer hocharbeitet. Den es mit Stolz erfüllt, seine Tochter eine nächste Sprosse der gesellschaftlichen Leiter erklimmen zu sehen - sie wird Lehrerin. Doch der Aufstieg hat eine Entfremdung zur Folge. "Eine Klassendistanz, die zugleich aber auch sehr persönlich ist, die keinen Namen hat. Eine Art distanzierte Liebe." Ernaux' Lebensbilder sind mehr als individuelle Psycho-und Soziogramme: Sie sind Teil einer kollektiven Biografie. Mit ihrer soziologisch orientierten Autofiktion gab die Autorin der französischen Literatur einen wichtigen Impuls.

Ein literarisches Denkmal

Noch zu Lebzeiten des Vaters beschloss die 1940 im normannischen Städtchen Yvetot (im Buch "Y ") geborene Autorin, ihrem Erzeuger ein literarisches Denkmal zu setzen. Das gewählte Genre Roman verwarf sie rasch: "Seit Kurzem weiß ich, dass der Roman unmöglich ist. Um ein Leben wiederzugeben, das der Notwendigkeit unterworfen war, darf ich nicht zu den Mitteln der Kunst greifen, darf ich nicht ,spannend' oder ,berührend' schreiben wollen. Ich werde die Worte, Gesten, Vorlieben meines Vaters zusammentragen, die objektiven Beweise seiner Existenz, von der auch ich ein Teil gewesen bin. Keine Erinnerungspoesie, kein spöttisches Auftrumpfen. Der sachliche Ton fällt mir leicht, es ist derselbe Ton, in dem ich früher meinen Eltern schrieb, um ihnen von wichtigen Neuigkeiten zu berichten."

Autobiografische Familiengeschichten führen entlang eines schmalen Grats zwischen Indiskretion, Verrat und Würdigung; Annie Ernaux meistert den Balanceakt mit Bravour. Ihr Buch besticht durch scharfe Beobachtung, große Lebensnähe und Bilder-Dichte - bei gleichzeitiger Ökonomie der Sprache. Es ist der Versuch, ein Stück verlorene Zeit herüberzuretten, mag der Erinnerung auch zu misstrauen sein. Zugleich ist es das intime Bekenntnis einer Intellektuellen, die auf subtile Weise zulässt, wofür in ihrem "der Notwendigkeit unterworfenen" Elternhaus kein Platz war: Sentiment.

Der titelgebende "Platz" ist mehrfach deutbar: als der vom Herkunftsmilieu vorgegebene, als der erkämpfte -und vielleicht sogar "geschenkte" Platz in der Welt. So jedenfalls sieht der Vater Annies "Vollversorgung" im Lehrerbildungsinstitut von Rouen. Überschattet wird der Aufstieg von der quälenden Angst, "fehl am Platz" zu sein.

Ernaux eröffnet das Buch mit dem Tod des Vaters, dessen psychischen Verfall sie in allen Details, mit allen Sinnen wahrnimmt, etwa den Geruch "nach Blumen, die in einer Vase mit fauligem Wasser vergessen worden sind". Hierauf holt sie weit aus, in die Jugend des Vaters: Er verdingte sich zunächst als Knecht; die nötige Fügsamkeit ins Faktische hatte ihm die Grundschule eingebläut. Mit dem Wehrdienst öffnete sich ein Tor in die Welt: Kameradschaft, Uniform, das Gefühl der Gleichheit - und ein neues Gebiss auf Staatskosten. Über seinen Einsatz im Ersten Weltkrieg erfahren wir nichts. Danach sein Aufstieg zum Fabriksarbeiter: "Dem ersten Kreis entronnen. [] Kino und Charleston, aber keine Kneipen. Beliebt bei den Chefs, keine Gewerkschaft, keine Politik." Ein disziplinierter, pragmatischer, in der kargen Freizeit fröhlicher Mann; in der Seilerei von Yvetot lernt er seine Frau kennen (Ernaux' Mutterbuch "Une femme" erschien 1988).

Zärtlichkeiten der Eltern, das hatte die Tochter nie miterlebt. Nur deren verstohlene sexuelle Botschaften -ausgetauscht durch das Zusingen einschlägiger Chansons. Nach dem frühen Tod der ersten Tochter übernehmen die Eltern eine Kneipe mit Krämerladen nahe Le Havre. Das Aufkommen der Supermärkte bringt Einbußen, der Vater gleicht sie durch Arbeit in einer Ölraffinerie aus. "Allmählich fanden sie ihren Platz, in der Armut oder knapp darüber."

Gesellschaftliche Gräben

Für die Fronten des Zweiten Weltkriegs ist der Vater zu alt. Annie wird geboren. Von der Aufbruchsstimmung nach 1945 erfasst, kehrt die Familie zurück nach Yvetot, führt erneut eine Kneipe samt Gemischtwarenladen. Man genießt den bescheidenen Wohlstand, stets bedacht auf das Motto: Nicht zu hoch hinauswollen! Annie besucht eine höhere Schule (sie soll keinen Arbeiter heiraten müssen), der Vater lässt sich von ihr sein Wissen abfragen, seine Rechtschreibstärke testen. Französisch spricht er zwar "nicht ohne Anstrengung", vermeidet das Patois seiner Herkunft aber ("ein Zeichen gesellschaftlicher Unterlegenheit"). Mit der Annäherung ans bürgerliche Milieu entfremdet sich Annie dem Vater: "Seine Wörter und Gedanken hatten im Französisch- oder Philosophieunterricht und auf den roten Samtsofas meiner Schulfreundinnen keine Gültigkeit."

Nach ihrer Heirat besucht sie die Eltern stets allein: Ihr Mann entstammt dem Bildungsbürgertum. Wie sollte er sich "in der Gesellschaft rechtschaffener Leute wohlfühlen, deren Liebenswürdigkeit, die er durchaus sah, in seinen Augen niemals das entscheidende Defizit wettmachen konnte: die Unfähigkeit, ein geistreiches Gespräch zu führen." Ernaux' geistige Vatersuche ist eine zarte Liebeserklärung, aber auch eine Geschichte der Scham, durchwirkt von Reflexionen über all die feinen Unterschiede, die von schier unüberwindbaren Gräben zeugen. Ein großes, ein wesentliches Buch.

Der Platz Von Annie Ernaux Aus dem Französischen von Sonja Finck Suhrkamp 2019 94 Seiten, geb.,€ 18,50

Sachliches Sentiment

Annie Ernaux' Buch besticht durch scharfe Beobachtung und Lebensnähe. Es ist der Versuch, ein Stück verlorene Zeit festzuhalten.

Väter sind Archetypen. Über Jahrhunderte auf die Rolle der ordnenden, versorgenden, schützenden Instanz festgelegt, verkörpern sie ein hehres Leitbild, das auch immer wieder in Frage gestellt wird, im wirklichen Leben wie in der Literatur. Nicht wenige dieser Könige stürzen von ihrem Thron -auf Theaterbühnen, in Romanen wie in autobiografischen Werken schriftstellernder Kinder.

König Vater führt mitunter eine recht gewöhnliche Existenz. Seinem Reiz als literarische Figur tut dies keinen Abbruch. Ein schönes Beispiel hierfür ist das Vaterbuch "Der Platz" von Annie Ernaux, einer der bedeutendsten Stimmen der französischen Gegenwartsliteratur. Das 1983 im Original erschienene, mit dem Prix Renaudot ausgezeichnete Werk liegt nun (nach "Die Jahre" und "Erinnerung eines Mädchens") in der hervorragenden Neuübersetzung von Sonja Finck vor. Es ist das so präzise wie feinnervige Porträt eines Mannes, der sich vom Knecht zum Arbeiter und Ladenbesitzer hocharbeitet. Den es mit Stolz erfüllt, seine Tochter eine nächste Sprosse der gesellschaftlichen Leiter erklimmen zu sehen - sie wird Lehrerin. Doch der Aufstieg hat eine Entfremdung zur Folge. "Eine Klassendistanz, die zugleich aber auch sehr persönlich ist, die keinen Namen hat. Eine Art distanzierte Liebe." Ernaux' Lebensbilder sind mehr als individuelle Psycho-und Soziogramme: Sie sind Teil einer kollektiven Biografie. Mit ihrer soziologisch orientierten Autofiktion gab die Autorin der französischen Literatur einen wichtigen Impuls.

Ein literarisches Denkmal

Noch zu Lebzeiten des Vaters beschloss die 1940 im normannischen Städtchen Yvetot (im Buch "Y ") geborene Autorin, ihrem Erzeuger ein literarisches Denkmal zu setzen. Das gewählte Genre Roman verwarf sie rasch: "Seit Kurzem weiß ich, dass der Roman unmöglich ist. Um ein Leben wiederzugeben, das der Notwendigkeit unterworfen war, darf ich nicht zu den Mitteln der Kunst greifen, darf ich nicht ,spannend' oder ,berührend' schreiben wollen. Ich werde die Worte, Gesten, Vorlieben meines Vaters zusammentragen, die objektiven Beweise seiner Existenz, von der auch ich ein Teil gewesen bin. Keine Erinnerungspoesie, kein spöttisches Auftrumpfen. Der sachliche Ton fällt mir leicht, es ist derselbe Ton, in dem ich früher meinen Eltern schrieb, um ihnen von wichtigen Neuigkeiten zu berichten."

Autobiografische Familiengeschichten führen entlang eines schmalen Grats zwischen Indiskretion, Verrat und Würdigung; Annie Ernaux meistert den Balanceakt mit Bravour. Ihr Buch besticht durch scharfe Beobachtung, große Lebensnähe und Bilder-Dichte - bei gleichzeitiger Ökonomie der Sprache. Es ist der Versuch, ein Stück verlorene Zeit herüberzuretten, mag der Erinnerung auch zu misstrauen sein. Zugleich ist es das intime Bekenntnis einer Intellektuellen, die auf subtile Weise zulässt, wofür in ihrem "der Notwendigkeit unterworfenen" Elternhaus kein Platz war: Sentiment.

Der titelgebende "Platz" ist mehrfach deutbar: als der vom Herkunftsmilieu vorgegebene, als der erkämpfte -und vielleicht sogar "geschenkte" Platz in der Welt. So jedenfalls sieht der Vater Annies "Vollversorgung" im Lehrerbildungsinstitut von Rouen. Überschattet wird der Aufstieg von der quälenden Angst, "fehl am Platz" zu sein.

Ernaux eröffnet das Buch mit dem Tod des Vaters, dessen psychischen Verfall sie in allen Details, mit allen Sinnen wahrnimmt, etwa den Geruch "nach Blumen, die in einer Vase mit fauligem Wasser vergessen worden sind". Hierauf holt sie weit aus, in die Jugend des Vaters: Er verdingte sich zunächst als Knecht; die nötige Fügsamkeit ins Faktische hatte ihm die Grundschule eingebläut. Mit dem Wehrdienst öffnete sich ein Tor in die Welt: Kameradschaft, Uniform, das Gefühl der Gleichheit - und ein neues Gebiss auf Staatskosten. Über seinen Einsatz im Ersten Weltkrieg erfahren wir nichts. Danach sein Aufstieg zum Fabriksarbeiter: "Dem ersten Kreis entronnen. [] Kino und Charleston, aber keine Kneipen. Beliebt bei den Chefs, keine Gewerkschaft, keine Politik." Ein disziplinierter, pragmatischer, in der kargen Freizeit fröhlicher Mann; in der Seilerei von Yvetot lernt er seine Frau kennen (Ernaux' Mutterbuch "Une femme" erschien 1988).

Zärtlichkeiten der Eltern, das hatte die Tochter nie miterlebt. Nur deren verstohlene sexuelle Botschaften -ausgetauscht durch das Zusingen einschlägiger Chansons. Nach dem frühen Tod der ersten Tochter übernehmen die Eltern eine Kneipe mit Krämerladen nahe Le Havre. Das Aufkommen der Supermärkte bringt Einbußen, der Vater gleicht sie durch Arbeit in einer Ölraffinerie aus. "Allmählich fanden sie ihren Platz, in der Armut oder knapp darüber."

Gesellschaftliche Gräben

Für die Fronten des Zweiten Weltkriegs ist der Vater zu alt. Annie wird geboren. Von der Aufbruchsstimmung nach 1945 erfasst, kehrt die Familie zurück nach Yvetot, führt erneut eine Kneipe samt Gemischtwarenladen. Man genießt den bescheidenen Wohlstand, stets bedacht auf das Motto: Nicht zu hoch hinauswollen! Annie besucht eine höhere Schule (sie soll keinen Arbeiter heiraten müssen), der Vater lässt sich von ihr sein Wissen abfragen, seine Rechtschreibstärke testen. Französisch spricht er zwar "nicht ohne Anstrengung", vermeidet das Patois seiner Herkunft aber ("ein Zeichen gesellschaftlicher Unterlegenheit"). Mit der Annäherung ans bürgerliche Milieu entfremdet sich Annie dem Vater: "Seine Wörter und Gedanken hatten im Französisch- oder Philosophieunterricht und auf den roten Samtsofas meiner Schulfreundinnen keine Gültigkeit."

Nach ihrer Heirat besucht sie die Eltern stets allein: Ihr Mann entstammt dem Bildungsbürgertum. Wie sollte er sich "in der Gesellschaft rechtschaffener Leute wohlfühlen, deren Liebenswürdigkeit, die er durchaus sah, in seinen Augen niemals das entscheidende Defizit wettmachen konnte: die Unfähigkeit, ein geistreiches Gespräch zu führen." Ernaux' geistige Vatersuche ist eine zarte Liebeserklärung, aber auch eine Geschichte der Scham, durchwirkt von Reflexionen über all die feinen Unterschiede, die von schier unüberwindbaren Gräben zeugen. Ein großes, ein wesentliches Buch.

Der Platz Von Annie Ernaux Aus dem Französischen von Sonja Finck Suhrkamp 2019 94 Seiten, geb.,€ 18,50

Sachliches Sentiment

Annie Ernaux' Buch besticht durch scharfe Beobachtung und Lebensnähe. Es ist der Versuch, ein Stück verlorene Zeit festzuhalten.