Documenta-Feeling in Bregenz

In der neuen Themenschau im Kunsthaus Bregenz sind insgesamt 19 - teils kunsthistorische, teils gegenwärtige - Positionen zu sehen. Die umfangreiche Gruppenausstellung hat etwas von der Olympiade der Gegenwartskunst, der Documenta in Kassel.

Tatsächlich ist eine Arbeit von Natascha Sadr Haghighian, Can Altay und Ashkan Sepahvand zu sehen, die eigentlich erst bei der anstehenden Documenta 13 in Kassel 2012 gezeigt werden wird. Es handelt sich bei diesem Projekt um eine Übersetzung eines persischen Lehrbuchs für den Kunstunterricht ins Englische. Das sogenannte "institut für inkongruente übersetzung“ trifft damit in ein Zentrum der Debatte um den Clash of Civilizations. Es geht auch darum, inwieweit geistige Gebilde, wie im religiösen Bereich der Koran oder die Bibel, in eine andere Kultur übersetzt werden können.

Ein selbstverständlicher Fundus

Was eine Reise nach Bregenz für Kunstinteressierte unabdingbar macht, sind allein schon die drei Andy Warhols, die im obersten Stockwerk, der höchsten Etage, der "Belle Etage“, wie sich Kurator Rudolf Sagmeister ausdrückt, hängen. Kein Internetmuseum kann die reale Erfahrung dieser Inkunabeln des 20. Jahrhunderts ersetzen. Warhol hatte Anfang der 60er-Jahre mit der Übertragung des Siebdruckverfahrens in die hohe Kunst einen entscheidenden Epochenschritt gemacht. Viermal Elvis Presley als Cowboy in Lebensgröße ist die vierfache Potenzierung des "American Dream“.

Generationen von Künstlern haben sich dieses Verfahren der Pop Art zu eigen gemacht. Viele der ausgestellten Künstler, die im Mekka der Modernen Kunst, New York, leben und arbeiten, nehmen die Populärkultur ganz selbstverständlich als Fundus für ihre Werke. Dass sie das mit viel Witz bis greller Komik tun, zeigt etwa Rachel Harrison, die auf einem Sockel Stein und BMX-Fahrrad mit allerlei Klimbim behängt. Richard Prince nimmt die berühmten Cowboys der Marlboro-Werbung. Er entfernt lediglich den Verweis auf die Zigarettenmarke und zeigt so auch, dass die Freiheit des Wilden Westens nicht im Qualm der Zigarette zu finden ist, sondern vom Leben geschenkt werden kann. In den KUB-Billboards, einer Plakatserie entlang der Bregenzer Durchzugsstraße, reiten diese Cowboys auf den Werbeplakaten und machen durch die Absenz jeder Verzweckung sehr eindringlich auf sich aufmerksam.

Eine seltene Gelegenheit bietet ein grauer Ausstellungskubus in der Mitte des zweiten Stockwerkes. In einer abgedunkelten Kino-Situation ist ein Spät-Hauptwerk des französischen Filmemachers Jean Luc Godard zu sehen. Godard hat hier auf vier Stunden die gesamte Filmgeschichte zusammengedrängt. Kelley Walker zählt dagegen zur jüngeren Generation. Sie hat eine Schwarz-Weiß-Fotografie, die einen Weißen zeigt, der einen Hund auf einen Schwarzen hetzt, mit Schokolade übermalt. Indem die Kunst ihren Elfenbeinturm verlässt, kann sie so mitunter auch eine gesellschaftskritische Position einnehmen.

Innovative Vorarlberger Architekturszene

Gesellschaftlich relevant sind jedenfalls auch die Positionen der beiden Architekten Yona Friedman und Eckhard Schulze-Fielitz, die im Rahmen der KUB-Arena im Erdgeschoss gezeigt werden. Im Umfeld der innovativen Vorarlberger Architekturszene werden zum Teil utopische Modelle präsentiert. Eines der spektakulärsten ist wohl die Brückenstadt über den Ärmelkanal. Eckhard Schulz-Fielietz hat auch als praktisch tätiger Architekt gearbeitet, selbst in Bregenz wohnend, hat er die "Siedlung an der Ach“ mit etwa 800 Wohneinheiten 1971-1980 realisiert. Die Achsiedlung ist als ein gigantischer "Vorarlberger Gemeindebau“ allerdings auch ein Beispiel für Gettoisierung und die damit einhergehenden, massiven sozialen Probleme und zeigt damit auch die Grenzen auf, die der ewige Traum vom guten Wohnen in der Realität hat.

So machen wir es

Techniken und Ästhetik der Aneignung

Von Ei Arakawa bis Andy Warhol

KUB Kunsthaus Bregenz

bis 3. 7., Di-So 10-18, Do bis 21 Uhr

www.kunsthaus-bregenz.at

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