Digital In Arbeit

Don Quijote de la Mancha: PHILOSOPH UND PHANTAST

1945 1960 1980 2000 2020

Vor 400 Jahren starb Miguel de Cervantes. Sein berühmtester Roman beschäftigte nicht nur Künstler und Literaten, sondern auch Philosophen.

1945 1960 1980 2000 2020

Vor 400 Jahren starb Miguel de Cervantes. Sein berühmtester Roman beschäftigte nicht nur Künstler und Literaten, sondern auch Philosophen.

"Die Phantasie an die Macht!" - So lautete der kulturrevolutionäre Aufruf der 1968er-Bewegung, die die versteinerten Verhältnisse der spätkapitalistischen Gesellschaft zum Tanzen bringen wollte. Als Ahnherr eines von der Phantasie bestimmten Lebens, das sich im ständigen Widerstand gegen vorgefundene Verhältnisse befindet, kann die Romangestalt Don Quijote angesehen werden, die Miguel de Cervantes in seinem epochalen Roman geschaffen hat. Der Protagonist sieht sich dazu bestimmt, in der Tradition der Ordensritter den Schutz- und Hilflosen beizustehen. Seine "Narretei" besteht darin, die in den Ritterromanen vorgefundenen Phantasiegebilde zu übernehmen und auf die zeitgenössische spanische Gesellschaft zu übertragen. Die realen Gegebenheiten werden als solche negiert; was zählt, sind die Ideale und Projektionen, die der edle Ritter in seiner Gedankenwelt konzipiert.

Abwertung der empirischen Welt

Diese fixe Idee teilt Don Quijote mit dem Idealismus, also mit jener einflussreichen Strömung der abendländischen Philosophie, die sich auf Platon beruft. Seine Abwertung der empirischen Welt zugunsten der "Welt der Ideen" bestimmt auch das Verhalten von Don Quijote. Er wäre auch mit der Definition des spanischen Philosophen Ortega y Gasset einverstanden, der den Idealismus als jene metaphysische Theorie bezeichnet, "die mit der Behauptung anhebt, dass dem Bewusstsein nur seine subjektiven Zustände, seine Ideen gegeben sind". Zugespitzt wurde diese These durch den deutschen Philosophen Johann Gottlieb Fichte, der in seinem Hauptwerk "Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre" ausgeführt hat, wie sich das Ich selbst bestimmt oder "setzt". Das Ich ist ein tätiges, freies, selbständiges Ich, das die gesamte Welt als Bewusstseinstatsache vorstellt. Die idealistische Konzeption Fichtes korrespondiert mit den Tagträumen und Phantasien von Don Quijote, bei denen sich die prosaischen Gestalten der Alltagsrealität, die er während seiner Missionsreise antrifft, in edle Damen und noble Burgherrn verwandeln.

Als eingefleischter Idealist besteht er auf seinen verzerrten Wahrnehmungen und Anschauungen und versucht in endlosen Diskussionen, seinen Gefährten Sancho Panza, der einem auf die Bedürfnisse des Leibes bezogenen Materialismus zuneigt, davon zu überzeugen. In den Disputationen entfaltet Don Quijote eine subtile Kunst der Interpretation: Kollidiert sein Wahngebilde mit der schlechten Wirklichkeit, werden höhere Mächte dafür verantwortlich gemacht. Die Negation des Realen, die für den Stubengelehrten kaum Risiken birgt, ist jedoch für den vagabundierenden Ritter, der seine Ideen in die Praxis umzusetzen sucht, mit schmerzhaften Erfahrungen verbunden: Die Sphäre des Nicht-Ich - die Realität - scheint von einem bösen Demiurgen geschaffen zu sein. Da wird Don Quijote von Hirten und Bauern verprügelt, von Gastwirten betrogen; Windmühlen, die der edle Ritter als Riesen wahrnimmt, erscheinen als nicht zu besiegende Gefechtsgegner, Kaufleute weigern sich, die ihnen unbekannte Dulcinea de Tobosa als die schönste Frau der Welt anzuerkennen und Schafherden mutieren zu feindlichen Kriegsheeren des Kaisers Alifanfarón und König Pentapólin, während sein bodenständiger Gefährte Sancho Panza -sein empiristisches Korrektiv - "nichts anderes als vielfaches Blöken von Schafen und Hammeln" wahrnimmt.

Polyphoner Text

Don Quijotes Kreuzzug gegen verzauberte Windmühlen und einander bekämpfende Heere werden von Cervantes in der Nachfolge des pikaresken Romans als Satire dargestellt. Es ist jedoch nur eine Facette dieses polyphonen Textes, der viele Deutungen zulässt, worüber sich Interpreten wie Ortega y Gasset, Miguel de Unamuno oder Michel Foucault einig waren. Auf eine andere Facette des Romans, die gerne übersehen wird, macht der in Hannover tätige Philosoph Bernhard H. F. Taureck aufmerksam. In der im Wilhelm Fink Verlag publizierten Studie "Don Quijote als gelebte Metapher" verweist er auf die Ansprache, die Don Quijote vor Ziegenhirten hält, die ihn und Sancho Panza reichlich bewirtet haben. Inspiriert vom Gastmahl und befeuert vom reichlich genossenen Wein preist Don Quijote die Vorzüge des mythischen Goldenen Zeitalters, das wenig mit der zeitgenössischen Gesellschaft des Siglo de Oro zu tun hat, in der das geraubte Gold aus Südamerika als Motor einer dekadenten adeligen und klerikalen Gesellschaft fungierte. Mit dem Goldenen Zeitalter verbindet Don Quijote eine glückliche Zeit, in der "jene, die damals lebten, die beiden Wörter noch nicht kannten, die da heißen dein und mein. In jener geheiligten Zeit gehörte jedwedes Ding allen gemeinsam. (...) Alles war Friede, war Eintracht, war Freundschaft"

Gegen Privateigentum

Don Quijote nimmt hier die Anklage des französischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau gegen das Privateigentum vorweg, das den Sündenfall der Menschheit darstellt. "Der Erste, welcher ein Stück Land umzäunte und sich in den Sinn kommen ließ, zu sagen: dieses ist mein, der war der wahre Stifter der bürgerlichen Gesellschaft" schrieb Rousseau. Der von Don Quijote gepriesene Zustand einer allgemeinen Eintracht wich der Selbstsucht ("l'amour propre"), die für all die Laster, Bosheiten und Gewalttätigkeiten verantwortlich ist, mit denen Don Quijote ständig konfrontiert wird. Angesichts einer Gesellschaft, in der der Mensch zum Wolf verkam, wie es der englische Philosoph Thomas Hobbes formulierte, ist der edle Ritter der zugleich komische und tragische Repräsentant einer historisch überholten Epoche, in der ritterliche Tugenden wie Treue, Freigiebigkeit, Tapferkeit und ein nobles, höfisches Verhalten hochgehalten wurden.

Während Don Quijote in einem Akt der Verzweiflung die Manifestationen der rücksichtslosen Selbstsucht attackiert, hat sich Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der in seinem umfangreichen Buch über die Ästhetik durchaus die ritterlichen Tugenden zu schätzen wusste, mit der Faktizität des Geschichtsverlaufs abgefunden. Für ihn ist die Überwindung der feudalen Welt ein folgerichtiger Schritt hin zur modernen Welt, in der eine Nivellierung der traditionellen Werte erfolgt, die Hegel in schulmeisterlicher Diktion gutheißt: Die ritterlichen Helden "mit ihren subjektiven Zwecken der Liebe, Ehre, Ehrsucht oder mit ihren Idealen der Weltverbesserung" müssten einsehen, dass ihnen angesichts der siegreichen "bestehenden Ordnung und Prosa der Wirklichkeit" nur mehr die Möglichkeit offen stünde, zu resignieren. Die Revolte gegen die Wirklichkeit sei nunmehr beendet und Hegel empfiehlt, "dass sich das Subjekt die Hörner abläuft und mit seinem Wünschen und Meinen sich in die bestehenden Verhältnisse und die Vernünftigkeit derselben hineinbildet".

Mit den bestehenden Verhältnissen wollte sich Don Quijote nicht arrangieren, obwohl er sich dabei seine Hörner abgestoßen hat; das macht seine singuläre Größe aus, die der Schriftsteller Vladimir Nabokov so beschrieb: "Sein Wappen ist das Erbarmen, sein Feldzeichen die Schönheit. Er steht für alles, was edel ist und hilflos, rein, selbstlos und ritterlich".

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau