Vor 50 Jahren entstand der 22. Wiener Gemeindebezirk: so groß wie Salzburg, verstreut zwischen Auen, Schrebergärten und Gemüsefeldern.

Als die Donaustadt 1954 aus der Taufe gehoben wurde, war sie mit über 100 Quadratkilometern (ein Viertel der Gesamtfläche Wiens) zwar der weitaus größte aller 23 Bezirke der Bundeshauptstadt - aber auch der am dünnsten besiedelte. Neben dem urbanen Kaisermühlen, das ursprünglich zum 2. Bezirk gehört hatte, und dem industriell geprägten Stadlau setzte sich die Donaustadt noch aus sechs Marchfelddörfern zusammen, die vielen Wienern bis heute nur vom Hörensagen ein Begriff sind: Aspern, Hirschstetten und Kagran, Breitenlee, Essling und Süßenbrunn - umgeben von den Grünräumen der Lobau und der Alten Donau sowie weitläufigem Garten- und Ackerland.

Schlafstadt ohne Struktur

Was in den folgenden Jahrzehnten auf den Gemüsefeldern jenseits der Donau entstand, trug dem Bezirk nicht zu Unrecht die Bezeichnung "Schlafstadt" ein: Wohnanlagen in großem Maßstab - ohne attraktive öffentliche Verkehrsanbindung, ohne entsprechendes Arbeitsplatzangebot. Gebaut wurde überall dort, wo ein Landwirt Grund verkaufte. Den über den gesamten Stadtteil verstreuten Siedlungen mangelte es daher oft an entsprechender Nahversorgung, an Freizeit- und Kultureinrichtungen. Warum zogen Menschen trotzdem in die Donaustadt? Anfänglich wohl deshalb, weil die Neubauwohnungen hier im Vergleich zu Altbauten "in der Stadt" einen relativ hohen Standard boten - sowie ausreichend Wohnraum zu relativ günstigen Preisen. Die Grünanlagen in den Siedlungen waren für Familien mit Kindern attraktiv. Und Verkehrsstaus oder Parkplatzprobleme kannte man noch nicht, weder am Wohn- noch am Arbeitsort.

Die Siedlung Trabrenngründe etwa entstand quasi auf der grünen Wiese. Sechs riesige Höfe mit 2.400 Wohnungen in Plattenbauten mit bis zu 16 Geschoßen bildeten die damals größte Großsiedlung Österreichs. Sie steht beispielhaft für die Stadterweiterungsphilosophie der 1960er und 70er Jahre, die sich den raschen und kostengünstigen Bau möglichst vieler Wohnungen zum Ziel setzte - und dabei wohnsoziologische, stadtpsychologische und städtebauliche Qualitätskriterien oft hintanstellte. Großprojekte wie die hermetisch abgesperrte UNO-City, das schon damals hässliche Donauzentrum (Wiens größtes Shopping Center), die Abfallbehandlungsanlage im "Rinter Zelt" oder das General Motors-Werk auf dem ehemaligen Flugfeld Aspern komplettierten den fragmentarischen und wenig urbanen Charakter der Donaustadt.

In den 80er Jahren brachten der zunehmende Wohlstand der Bevölkerung, ein stagnierender Bedarf an zusätzlichem Wohnraum sowie sich verändernde städtebauliche Philosophien neue Formen des Wohnbaus in den 22. Bezirk. Die Architekten Otto Häuselmayer, Carl Pruscha und Heinz Tesar legten in ihrer Siedlung Biberhaufenweg den Schwerpunkt auf differenzierte öffentliche Räume. Die relativ kleine Anlage mit zwei- bis dreigeschoßigen Häusern bietet eine nahezu dörfliche Struktur mit einem Platz, einer Gasse und einem Anger. Am Kamillenweg schufen Georg Reinberg, Martin Treberspurg und Erich Raith ein für das ökologische Bauen hierzulande wegweisendes Ensemble von Solarhäusern. Holzfassaden, teils unbefestigte Wege und ein Teich in der Mitte betten die intime Siedlung in die Ausläufer der Lobau ein. Und in der Tamariskengasse realisierte Roland Rainer sein erprobtes Modell des verdichteten Flachbaus mit einem Wechselspiel aus privaten und öffentlichen Freiräumen.

Kollaps durch "Ostöffnung"

Mit der Beschaulichkeit am Stadtrand war es nach der Ostöffnung allerdings schlagartig vorbei. Angesichts des anfänglich starken Bevölkerungszuzugs beschloss die Stadt Wien eine groß angelegte Wohnbauoffensive - insbesondere nördlich der Donau, da der Südraum ohnehin schon im Verkehr erstickte und kaum noch Freiflächen aufwies. In den 90er Jahren nahm die Bevölkerungszahl des 22. Bezirks um 30.000 (das sind 28 Prozent) zu - heute belegt die Donaustadt mit 144.000 Bewohnern bereits Platz zwei im Einwohner-Ranking der Wiener Bezirke, knapp hinter Favoriten. Es scheint nur mehr eine Frage der Zeit, dass der flächengrößte Stadtteil auch zum bevölkerungsreichsten wird.

Durch Reihenhäuser war dieser Boom nicht mehr zu bewältigen. Stadtplaner, Bauträger und Architekten kehrten ab 1990 selbst an abgelegenen Standorten zu quasi innerstädtischen Bebauungsdichten zurück. Zu beiden Seiten der Langobardenstraße etwa wuchsen fünf- bis sechsgeschoßige Wohnkomplexe aus dem bis dato agrarisch genutzten Boden - binnen kürzester Zeit entstanden ganze Stadtviertel im 22. Bezirk. Die Chance, mit diesen Bauvolumina dem bisherigen Siedlungspatchwork der Donaustadt eine Struktur zu geben, Lücken im Stadtkörper aufzufüllen oder gar ein lebendiges Zentrum für den Stadterweiterungsbezirk zu schaffen, wurde allerdings vergeben.

Schrebergärten auf Dauer

Die meisten Siedlungen - sei es nun das neue Wulzendorf, sei es die Erzherzog Karl-Stadt - bieten weder die Großzügigkeit des suburbanen Wohnens noch die urbane Qualität innerstädtischer Quartiere. Zwar ist die Standardversorgung im Wohnumfeld in der Regel gegeben: Kindergarten, Volksschule, Apotheke und der "Billa um's Eck" - ein weitergehendes Angebot an Läden, Dienstleistungen und Gastronomie fehlt aber trotz der inzwischen hohen Bevölkerungsdichte.

Urbanität gilt nicht allen Wienern als Kriterium für Wohnzufriedenheit. Bester Beweis für die wachsende Ignoranz gegenüber städtischen Qualitäten sind die 2.500 Kleingärten, die in der Donaustadt mittlerweile ganzjährig bewohnt werden. An der Hausfeldstraße liegen einige Dutzend dieser ehemaligen Schrebergärten, die von der Stadt Wien ursprünglich verpachtet, Mitte der 90er Jahre aber an ihre Nutzer quasi verschenkt wurden - mit der Bewilligung, die Gartenhütten zu zweigeschoßigen Dauerwohnsitzen auszubauen. Die kurzsichtige oder fadenscheinige politische Begründung dafür lautete, den steigenden Wohnraumbedarf Wiens so noch rascher stillen zu können. Die abgelegenen Siedlungen mit Adressen wie Rotkäppchen- oder Schneewittchenweg auf Kosten der Allgemeinheit auch mit leistungsfähiger Infrastruktur zu versorgen, wurde übersehen.

Abhängig vom Auto

Die Abhängigkeit der Donaustädter vom Auto wuchs binnen weniger Jahre zu einem gesamtstädtischen Problem. Es gibt im 22. Bezirk kaum eine Familie, in der nicht zumindest eine Person regelmäßig über die Donau oder, wie einige sagen, "nach Wien" fahren muss. So verwundert es nicht, dass es auf der A23, der Wiener Südosttangente, beinahe täglich staut. Mit der Konsequenz, dass mit der S1 bald eine zweite Autobahntangente die Donaustadt mit den Bezirken südlich der Donau verbinden wird. Um teures Geld baut die Stadt Wien auch das U-Bahn-Netz aus: Die U1 wird über Kagran hinaus bis knapp an die nördliche Stadtgrenze verlängert und die U2 bis zum Flugfeld Aspern geführt. Ein zweischneidiges Schwert: Denn je besser die Verkehrsverbindungen über die Donau sind, um so schwerer entwickeln sich die transdanubischen Siedlungsgebiete zu einem eigenständigen Stadtteil.

Dies zeigt auch der Wohnpark "Alte Donau", entstanden 1997/98 zwischen der U1-Trasse und der vierspurigen Wagramer Straße - nach Plänen so prominenter Architekten wie Gustav Peichl und Coop Himmelb(l)au. Die Bewohner der sechs rund 60 Meter hohen Türme schätzen neben dem Fernblick aus den obersten Apartments vor allem die Möglichkeit, rasch aus der Siedlung herauszukommen: ob ins Grüne, in die Innenstadt oder ins Shopping Center. Der öffentliche Raum im Wohnpark selbst ist viel zu gering dimensioniert und wird von den meisten als "Zumutung" oder als "beklemmend" empfunden. Gemeinschaftseinrichtungen - in vielen älteren Wohnbauten eine Selbstverständlichkeit - fehlen in den modernen Türmen mehrheitlich. Und die Nahversorgung der rund 1.500 Bewohner des Neubauviertels beschränkt sich auf ein Lebensmittelgeschäft, eine Tabaktrafik und ein Café.

Bald 100 Jahre ist es her, dass Otto Wagner Pläne für einen damals noch nicht existierenden XXII. Bezirk entwarf, die einen lebendigen Stadtteil mit 150.000 Einwohnern vorsahen - mit einer durchkomponierten, geschlossenen Bebauung und sämtlichen Einrichtungen, die ein Bezirk von dieser Dimension benötigt. 50 Jahre Donaustadt sind die gebaute Antithese zu Wagners Vision von einer "unbegrenzten Großstadt Wien".

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