Digital In Arbeit

Drastisch, banal, wahrhaftig

1945 1960 1980 2000 2020

Wie Ralf Rothmann in seinem Roman "Im Frühling sterben" den Zweiten Weltkrieg aus der Sicht der Täter und vom Standpunkt des Nachgeborenen aus erzählt, verdient mehr als Respekt.

1945 1960 1980 2000 2020

Wie Ralf Rothmann in seinem Roman "Im Frühling sterben" den Zweiten Weltkrieg aus der Sicht der Täter und vom Standpunkt des Nachgeborenen aus erzählt, verdient mehr als Respekt.

Die Rahmenhandlung von Ralf Rothmanns Roman "Im Frühling sterben" beginnt maximalistisch: "Das Schweigen, das tiefe Verschweigen, besonders wenn es Tote meint, ist letztlich ein Vakuum, das das Leben irgendwann von selbst mit Wahrheit füllt." Walter Urban, der Protagonist und Vater des Erzählers, agoniert: "Die kommen doch immer näher, Mensch!" Die Krankenschwester beruhigt die Angehörigen lakonisch: "Ah, jetzt ist er wieder im Krieg."

Ralf Rothmann füllt in seinem Roman über das Ende des 2. Weltkriegs an der Ostfront im Raum Plattensee, der zugleich ein Roman über das Ende der Kriegsgeneration ist, das Schweigen der so genannten Kriegsgeneration wortreich und in meisterhafter Beherrschung sämtlicher, seit dem Ende 1945 durchgespielter ästhetischer Verfahrensweisen, um mit dem Krieg fertig zu werden. Sein Spektrum reicht vom Haudegenslang der Landser-Hefte und dem magischen Realismus eines Ernst Jünger bis zur sarkastischen Nazipornographie eines Jonathan Littell; die einzelnen, wie große Filmbilder inszenierten Episoden wirken dabei wie ein Gemisch aus Fassbinders neuem deutschen Kino der 1970er Jahre und "Inglourious Basterds" von Quentin Tarantino.

Beginnende Höllenfahrt

Die heimatliche Idylle des Kuhstalls im norddeutschen Schleswig-Holstein, wo der achtzehnjährige Walter Urban und sein Freund Friedrich - "Fiete" - Caroli ihren Arbeitsdienst als Melker leisten, hat schon einige Bombenschäden abbekommen. "Der Iwan steht schon an der Oder." Vorerst aber noch Zuversicht, nicht mehr zum Militär eingezogen zu werden. "Ich habe schon bei der Hitlerjugend danebengeschossen. Knick in der Optik", feixt Walter. Auch Fiete gibt sich beim Fest, das der Ortsbauernführer mit Freibier ausgerichtet hat, und im Disput mit den SS-Soldaten, die sich über die Kämpfer an der "Milchfront" lustig machen, noch keck. Fast pazifistisch meint er, es sei wohl schwieriger ein Kalb zur Welt zu bringen, als einen Menschen zu töten. Die beiden werden übertölpelt, melden sich freiwillig an die Front - "Na scheiß drauf, komm, lass uns sterben gehen."

Rothmann erzählt die nunmehr beginnende Höllenfahrt -Walter kommt zu einer Versorgungseinheit der Waffen-SS und Fiete kämpft an der sich auflösenden Donaufront gegen die Soldaten der Roten Armee - fast wie eine Novelle. Bilder in rascher Abfolge, langsam auserzählt, alle Realien des Kriegs sind sorgfältig recherchiert. Als da sind, der Reihe nach: Die Begegnung mit den "Kettenhunden" der Feldgendarmerie in der Nähe von Ingolstadt, eine Kaverne irgendwo in den Alpen, wo Kriegsgefangene Stollen graben, die Einsatzstelle in Pécs/Fünfkirchen, schließlich der Transport von Lebensmitteln an die Front und die Rückbringung von Verwundeten ins Lazarett unter Dauerbeschuss durch sowjetische Iljuschins.

Hintergrund ist eine immer mehr sich verdüsternde Puszta-Landschaft im März 1945. Walter wird Zeuge, wie drei deutsche Fallschirmjäger zum Vergnügen die Familie eines Müllers liquidieren. Per Telegramm erfährt er vom Tod seines Vaters - der ehemalige Wärter im KZ Dachau wurde zur "Frontbewährung" strafversetzt und ist in derselben Gegend gefallen. Die ziemlich surreal anmutende Suche nach dessen Grab führt den Sohn an die Hauptkampflinie, eine Totenlandschaft umgestürzter Gottesäcker. "Der Zaun war umgesunken, das Areal von Panzerketten zerwühlt, und Bomben und Granateinschläge hatten das Innere der Gräber hervorgekehrt, Rippen, verklebtes Haar, ein Zähneblecken in der Erde."

Höhepunkt der Erzählung nach diesem bizarren Ausritt auf einer Wehrmachts-BMW, bei dem Walter auch auf einen jüdischen Häftlingsmarsch gen Westen trifft, ist eine Orgie in einer verlassenen Kaschemme, dem "Hotel Rebmann". Dort saufen Offiziere mit "Wachholder auf den Endsieg", das weibliche Hilfspersonal der "Blitzmädchen" tanzt auf Tischen, "aus den Nebenzimmern kommen Schreie von Kopulierenden".

Der Freund soll den Freund erschießen

Schließlich trifft Walter in einem Lazarett bei Györ noch einmal auf seinen Freund Fiete, der nach einem misslungenen Fluchtversuch als Deserteur auf seine Hinrichtung wartet. Walter erhält den Befehl, am Erschießungskommando teilzunehmen. Der Freund soll den Freund töten. Nach der Hinrichtung tastet der Truppenarzt mit einem Bleistift die Anzahl der Einschüsse ab. "Etwas Atem entwich den Einschusslöchern."

Es folgen die amerikanische Kriegsgefangenschaft, diverse Lager, das Kochen von "Frühlingsuppe" im Stahlhelm, weil die Soldaten kaum versorgt werden, zuletzt die Rückkehr in die Heimat. Mit Fietes Witwe, die mittlerweile hochschwanger ist, wagt Walter nicht mehr zu sprechen, das Versprechen, nach Kriegsende wieder als Melker arbeiten zu können, zerschlägt sich. Am Schluss steht eine Art Happy End. Die Kellnerin Elisabeth beantwortet Walters Heiratsantrag mit "Ja". Eine Bibelstelle des Propheten Ezechiel, die Walter Urban nach der ersten Liebesnacht mit dem Daumennagel angeritzt hat, liest der Erzähler erst nach dessen Tod: "Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden." Das Grab des Vaters, das er Jahre später aufsuchen will, findet er nicht mehr.

"Im Frühling sterben" kommt nicht ohne Kitsch aus, allein den Zweiten Weltkrieg aus der Sicht der Täter und vom Standpunkt des Nachgeborenen aus auf derart drastische und zugleich banale, also wahrhaftige Weise zu erzählen, verdient mehr als Respekt.

Im Frühling sterben

Roman von Ralf Rothmann. Suhrkamp 2015.

234 S., geb., € 20,60

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau