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Dreiste Lebenslügen, serienweise Illusionen

Die 68er sind gescheitert, leider nicht ganz: Sie haben die Gesellschaft gründlich verändert und belasten damit das Land heute noch schwer, meint Detlef Kleinert.

Der Mythos ist offenbar unzerstörbar. 68, das war Bewältigung der Vergangenheit, Aufbruch in eine bessere Zukunft, Demokratisierung einer ganzen Generation. Der Mief der Spießer wurde entrümpelt, die Gesellschaft wurde liberalisiert und zivilisiert, Friedens-, Freiheits- und Frauenbewegung stoßen Türen auf, die bis dato verschlossen waren. Mit anderen Worten: der Beginn eines goldenen Zeitalters.

Nichts ist falscher als das! Wer die "Erfolge" der damals Beteiligten ihrer Selbststilisierung entkleidet, stößt rasch auf ein erbärmliches Scheitern, entdeckt dreiste Lebenslügen und serienweise Illusionen. Sie wollten den Arbeiter befreien, sagten sie, aber der war klug genug, hinter dieser "Befreiung" die sozialistische Diktatur zu sehen; sie wollten die Gesellschaft befreien, aber die wusste, was in der DDR unter Freiheit zu verstehen ist, sie wollten Deutschland befreien, aber der Nazi-Spuk war den Menschen noch genügend präsent, um wieder auf einen Totalitarismus hereinzufallen.

Totalitäre Wiedergänger

Denn es kann keinen Zweifel geben: die Führungsclique der 68er, das waren Wiedergänger einer Generation, die Deutschland ins Unglück gestürzt hatte - nur waren diesmal kommunistische Ideen der Zielpunkt. Autoritär und totalitär, bis hin zum "bewaffneten Kampf", der letztlich zur Mordserie der RAF führte, verfolgte man die Ideale derer, die man als Poster vor sich her trug: Mao, Ho Chi Minh, Pol Pot, nicht zu vergessen Marx, den geistigen Vater des linken Totalitarismus.

Der Berliner Historiker Götz Aly, selbst führender 68er, hat jüngst in seinem Buch mit dem bezeichnenden Titel "Unser Kampf" die Parallelen herausgearbeitet: "Wenige teilen die Einsicht, dass die deutschen Achtundsechziger in hohem Maße von den Pathologien des 20. Jahrhunderts getrieben wurden und ihren Eltern, den Dreiunddreißigern, auf elende Weise ähnelten. Diese wie jene sahen sich als, Bewegung', die das, System' der Republik von der historischen Bühne fegen wollte. Sie verbanden Größenwahn mit kalter Rücksichtslosigkeit."

Mit welch einer Rücksichtslosigkeit sich zum Beispiel an der Freien Universität in Berlin die Genossen austobten, dafür nur ein Beispiel: Drei kommunistische Studenten drohten dem FU-Anglisten Prof. Scheler am 29. November 1973 mit den Worten: "Dich Sau schaffen wir auch noch. Du bist der Erste, der einen Genickschuss abkriegt."

Eine der vielen Parolen der 68er in diesen Jahren war: "High sein, frei sein, Terror muss dabei sein!" Die roten Horden zogen, wie einst die braunen, durch die Straßen, Ordnungshüter wurden zu "Bullen" erklärt, auf die "geschossen werden darf". Sogar einer der Säulenheiligen der 68er, Jürgen Habermas, warnte vor einem "Linksfaschismus", und ein anderer der Umerzieher, Theodor W. Adorno, schrieb seinem Freund Herbert Marcuse nach Berkeley: "Die Gefahr des Umschlags der Studentenbewegung in Faschismus nehme ich viel schwerer als Du." Kein Wunder also, dass zum Beispiel die Professoren Richard Löwenthal und Ernst Fraenkel, die beide 1933 aus Deutschland vertrieben und in den Fünfzigerjahren nach Berlin zurückgekehrt waren, angesichts dieses Hasses zunehmend verzweifelten. Fraenkel, und nicht nur er, dachte erneut an Emigration.

Es gehört, 40 Jahre nach dieser Orgie von Gewalt, zum Konsens, die 68er als politisch gescheitert zu beschreiben. Und auch dies erscheint mir fragwürdig. Nein, sie haben den demokratischen Staat nicht in eine sozialistische Diktatur verwandeln können, aber sie haben die Gesellschaft so gründlich verändert, dass viele ihrer Errungenschaften das Land heute schwer belasten. Sie haben es geschafft, in praktisch alle wesentlichen Positionen für Multiplikatoren (Lehrer, Professoren, Juristen, Pfarrer, Journalisten, Politiker) zu gelangen und damit die gesellschaftliche Wirklichkeit im Sinne ihrer Beglückungstheorie zu verändern, was sich in der Folgezeit als schwere Hypothek für den Staat erwiesen hat.

Am eindrucksvollsten lässt sich dies am Beispiel der Familie belegen. "Wurde sie", so beschreibt Albrecht von Lucke in dem Büchlein "68 oder neues Biedermeier" die Stimmung von damals, "in den 68er-Jahren, wenn nicht gleich als Brutstätte des Faschismus, so doch wenigstens als Hort der Spießigkeit und Überwachung wahrgenommen." In der Tat kämpften die 68er gegen das Bürgertum, das die Familie als Kokon gegen die Widrigkeiten der Außenwelt ansieht, in gleicher Weise wie die SA der dreißiger Jahre, die im Bürgertum ihren zentralen Feind sah. Thomas Schmid, heute Chefredakteur der Tageszeitung Die Welt, hämmerte seinen Genossen damals ein: Es gehe um die "Zerstörung der bürgerlichen Gesellschaft", um die Errichtung von "Gegenmacht", um einen "revolutionären Prozess", der "zersetzend, zerstörend, negativ" zu sein habe. Dies alles haben sie zu einem großen Teil erreicht: Deutschland steht vor fast unlösbaren Problemen, vor steigenden Schuldenbergen, maroden Sozialversicherungssystemen, immer weniger leistungsfähigen Bildungseinrichtungen (und dies, obwohl - nein, besser weil - nicht wenige 68er in Schulen und Universitäten Posten errungen haben).

Der tiefgreifende Wertewandel von damals erzeugte Phrasen wie "Selbstverwirklichung", und Kai Diekmann stellt in seinem Buch "Der Große Selbstbetrug" fest: "Entfesselte Feministinnen erweckten den Eindruck, die Frau sei Werkzeug oder Sklavin einer von Männern dominierten Gesellschaft." Die vielfältigen Probleme in Deutschland, von der Jugendkriminalität bis hin zur Rentenkatastrophe, haben in der Zerstörung der bürgerlichen Moral ihren Ausgangspunkt. Von Achtundsechzig bleibt, so Kai Diekmann, nur die "gesellschaftliche Negativform in Erinnerung, die Wette auf das ausnahmslos falsche Pferd, ob Multikulti oder die Verachtung von Staat, Nation, Familie, Eigentum, Leistung, Fleiß, Vaterlandsliebe."

Schwere Last durch 68er

Und selbst in den Bereichen, die gemeinhin als Erfolge der 68er genannt werden, entlarvt die Wirklichkeit alle schönen Mythen. "Ich kenne nichts Intoleranteres als unser intellektuelles Klima", wusste Martin Walser die Situation in Deutschland zu beschreiben. Die deutschen Medien als Beispiel: Wo Alt-68er in den Redaktionen herrschen, haben Andersdenkende keine Chance. In der Tat haben es die Revoluzzer von einst, die angeblich mehr Freiheit, mehr Toleranz, mehr Menschlichkeit schaffen wollten, ein Mehr an Egoismus, Profitgier und Gesinnungslosigkeit geschaffen. Am deutlichsten hat dies Oskar Lafontaine artikuliert: "Helmut Schmidt (damals sein Parteigenosse, Anm. DK) spricht von Pflichtgefühl, Berechenbarkeit, Machbarkeit, Standhaftigkeit. Das sind Sekundärtugenden. Ganz präzis gesagt: Damit kann man auch ein KZ betreiben."

Lafontaine beherrscht hier die Technik der Scheinlogik, mit der auch Albrecht von Lucke so perfekt umgeht, wenn er dem Bürger die "Tradition der Erziehung zu Pflichterfüllung und Kadavergehorsam" unterstellt. Hier wird mit einem semantischen Trick das eine Positive mit dem anderen Negativen verbunden, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Die Sittenwächter der Revolution haben ganze Arbeit geleistet: Pflichterfüllung ist heute ebenso wie Gehorsam negativ besetzt. Kai Diekmann beklagt denn auch zu Recht den "Epochenbruch der deutschen Gesellschaft in Richtung Egozentrik, Mittelmaß und Faulheit." Es ist nur eine geringe Beruhigung, dass sich nun (zum Ärger von Lucke und Genossen) langsam etwas ändert.

Der Autor war langjähriger

ARD-Korrespondent.

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