Ariadnes Faden Illustration - © Moritz Verlag

Durch den Irrgarten der Mythologie

Ariadnes Faden sorgte bekanntlich dafür, dass Theseus nach der Tötung des Minotauros wieder aus dem Labyrinth herausfand. Der rote Faden, den Jan Bajtlik durch sein Buch zieht, um seine Leser unbeschadet durch das nahezu unüberschaubare Gewirr von Figuren und Episoden der griechischen Mythologie zu führen, hat dagegen selbst die Form eines Labyrinths. Diese Pointe macht es auch möglich, einen Stoff, der üblicherweise in dicken Wälzern daherkommt, auf 40 Doppelseiten unterzubringen. Von Zeus über Helena bis Ares, von den Zyklopen über die Sphinx bis zum Zentauren, von Herkules bis Penelope, vom Olymp über die Argo bis zur Akropolis – alle wichtigen Gottheiten, Bestien, Heldinnen und Helden, die zentralen Schauplätze und die herausragenden Erzählungen der griechischen Sagenwelt bringt der polnische Grafiker und Illustrator auf 24 übergroßen doppelseitig aufgebauten Labyrinthen unter. Die man immer Mitte links betritt und durch den einzigen Ausgang Mitte rechts verlassen kann. Dazwischen spielt sich an Irrwegen viel Handlung ab, jede Menge Information ist zu finden.

Spielerisch Wissen erwerben

Zu lesen ist das Buch auf mehrere Arten: Man kann einfach mal den einzig möglichen Weg durch das Labyrinth suchen. Man kann sich aber auch kopfüber in das wimmelige Geschehen stürzen, in Details aufgehen und dabei den größeren Zusammenhang der Doppelseite aus den Augen verlieren. Oder aber man liest zuerst die knappen Zusammenfassungen, die auf den letzten 18 Seiten zu jeder Episode gegeben werden, um sich dann, ausgestattet mit dem nötigen Basiswissen, in die Labyrinthe zu wagen. Die sind in Aufbau und Gestaltung sehr abwechslungsreich: So wird etwa die mühsame Arbeit des Sisyphos in 48 in Reih und Glied angeordneten Quadraten dargestellt, auf denen der Mann zwölf Mal den Felsblock auf zwölf verschiedene Arten den Berg hinauf rollt. Was eher komisch als tragisch wirkt. Das blutige Chaos hingegen, das in jenen drei Labyrinthen herrscht, mit denen der Trojanische Krieg erzählt wird, entspricht dem Schlachtgeschehen zu Wasser, zu Land vor den Toren Trojas und zuletzt inmitten der in einer Feuersbrunst aufgehenden Stadt. Dieses Bilderbuch ist also ein unterhaltsames Spiel, das dazu animiert, mit dem Stift – oder Finger – durch die Irrgärten zu fahren. Und zugleich ein kluger Führer durch die griechische Mythologie. Das waghalsige Unternehmen bringt so einen unglaublichen Geschichtenschatz einer Generation nahe, die gerne spielerisch an Wissensaneignung herangeht.

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