Dynamit in Watte gewickelt

Zum 200. Geburtstag Johann Nestroys, des mehr vormärzigen denn biedermeierlichen Brückenheiligen der heimischen Theatergeschichte.

Studenten der Theaterwissenschaft betreten ihr Institut in der Wiener Hofburg, das auch einen Nestroysaal beherbergt, über die Batthyánystiege. Eine kuriose Fügung, trug doch 1827 ein Graf Batthyány nicht unwesentlich zu einer Zäsur in Johann Nestroys Privatleben und damit zu dessen negativer Einstellung zur Ehe bei. "In diesen heiligen Hallen kennt man die Rache nicht" singt Sarastro, doch Nestroy, der am Beginn seiner Karriere als Opernbass in dieser Rolle brilliert hatte, ließ über seinen Tod am 25. Mai 1862 in Graz hinaus seine 1845 von ihm amtlich geschiedene Frau Wilhelmine durch Demütigungen und Entmündigung die Folgen ihres Ehebruches spüren. Er selbst ging eine Liaison mit der Schauspielerin Marie Weiler ein, nahm es aber mit der Treue fortan auch nicht sehr genau.

Ein Heiliger war dieser Johann Nepomuk Eduard Ambrosius Nestroy, der am 7. Dezember 1801, im Sternhof in der Jordanstraße (heute Bräunerstraße 3) in Wien als Sohn eines aus Böhmen stammenden Juristen geboren wurde, jedenfalls nicht, und das gab er in einem seiner berühmtesten Bonmots auch zu: "Ich glaube von jedem Menschen das Schlechteste, selbst von mir, und ich habe mich noch selten getäuscht." Doch 200 Jahre nach seiner Geburt erscheint er wie sein böhmischer Namenspatron als eine Art Brückenheiliger der Wiener Theatergeschichte, der allerorten mit Symposien, Lesungen, Premieren, Büchern, CDs und dergleichen mehr gefeiert wird. Ein Ausflug auf die Website www.nestroy.at führt rasch zu allen wesentlichen Informationen über Leben und Werk. Pünktlich zum Jubiläum erscheinen auch die letzten der insgesamt 51 Bände der neuen historisch-kritischen Gesamtausgabe.

Nestroys Wirken bedeutet tatsächlich eine Brücke: einerseits als Darsteller zwischen dem Altwiener Volkstheater der Herren Stranitzky, Prehauser und Laroche und dem späteren Wiener Kabarett bis hin zu Farkas und Qualtinger - und anderseits als Dramatiker zwischen heute längst vergessenen Autoren und beispielsweise einem Thornton Wilder, dessen Adaptierung des Nestroyschen "Einen Jux will er sich machen" unter dem Titel "Die Heiratsvermittlerin" geradewegs zum Musicalwelterfolg "Hello Dolly" führte. Wie andere große Dramatiker (Shakespeare, Molière, Raimund) sah sich Nestroy zunächst als Schauspieler. Dass etliche der Werke, die er sich und seinen Kollegen auf den Leib schrieb, bleibenden Wert bekommen würden, konnte er bestenfalls ahnen.

Zu Hilfe kam ihm sicher seine am Wiener Akademischen Gymnasium und dann am Schottengymnasium erworbene Bildung. Nestroy war in der Mythologie, in der Bibel, in der Klassik bestens bewandert, er verwendete locker Fremd- und Lehnwörter und konnte bei all dem offenbar voraussetzen, dass der größte Teil des Publikums ihn verstand. Ob beispielsweise heute jeder Theaterbesucher die Stellen aus der Bibel und aus Schillers "Kabale und Liebe" kennt, auf die folgender Satz anspielt: "Mein Benehmen war reine Kopie des Ägyptischen Joseph, wie der zu seiner pharaonisch-bureaukratischen Verführerin gesagt hat: ,Ich verwerfe dich, ein deutscher Jüngling!'" (Frühere Verhältnisse)

Zensur im Nacken

Welche Metaphorik, welche Psychologie, welcher Wortwitz da mitunter in einer Suada auf das Publikum niederprasselte, ist noch mehr zu bewundern, wenn man bedenkt, dass Nestroy die Zensur im Nacken, also die Schere schon im Kopf hatte. Wenn heute Regisseure damalige Striche aufmachen, ist das legitim, wenn sie zuviel verändern, geht das oft schief. Je näher man im Text und in der Gestaltung der Personen am Original bleibt, umso echter, umso schärfer, umso wirksamer ist Nestroy. Wer bildlich im Biedermeierlichen bleibt, aber wenigstens den Wortwitz und die Handlung ordentlich und sinnfällig über die Rampe bringt, verfälscht und verharmlost ihn weniger als wer ihn im Sinn modernen Regietheaters zertrümmert und unkenntlich macht.

Die modernen Schlagworte "Infotainment" und "Edutainment" gehen von der - nicht unumstrittenen - Einsicht aus, dass Information und Bildung mit einer entsprechenden Prise Unterhaltung serviert werden müssen, um große Breitenwirkung zu erzielen. Große Komödiendichter haben schon längst gewusst, dass ihre Aussagen in witziger und pointierter Verpackung mehr Reichweite oder Quote erzielen. Das ist, wie Karl Kraus 1912 in seinem berühmten Text "Nestroy und die Nachwelt" festhielt, völlig legitim: "Wir werden seiner Botschaft den Glauben nicht deshalb versagen, weil sie ein Couplet war. Nicht einmal deshalb, weil er in der Geschwindigkeit auch dem Hörer zuliebe etwas gesungen, weil er mit Verachtung der Bedürfnisse des Publikums sie befriedigt hat, um ungehindert empordenken zu können. Oder weil er sein Dynamit in Watte wickelte und seine Welt erst sprengte, nachdem er sie in der Überzeugung gefestigt hatte, daß sie die beste der Welten sei, und weil er die Gemütlichkeit zuerst einseifte, wenn's ans Halsabschneiden ging."

Ob man in dieser Mischung von Watte und Dynamit mehr die direkte Schärfe oder mehr das nur scheinbar gemütliche Unterhaltsame betont sehen will, ist bis zu einem gewissen Grad Geschmackssache. Wer Nestroy inszeniert und spielt, muss - wie es vor allem Gustav Manker am Wiener Volkstheater vorzeigte - um die Gratwanderung zwischen beinharter Sozialkritik und gefälliger Unterhaltung wissen und die richtige Balance finden. Zu Nestroy gehört nicht nur Galle, sondern auch Esprit, sein Werk (ob vor oder nach 1848 entstanden) atmet aber in erster Linie nicht gemütliche Biedermeierei, sondern aufbegehrende Vormärzigkeit.

Wer erwartet, aus einer wirklich geglückten Nestroy-Inszenierung müssten lauter Revolutionäre herauskommen, überfordert wahrscheinlich die Stücke und ihre Regisseure. Es kann aber auch nicht genügen, sich mit einem sicher sehr verbreiteten Motiv für den Besuch von Nestroy-Inszenierungen zufrieden zu geben: dort lustige Unterhaltung vorzufinden, sich an Wortspielen zu delektieren und am glücklichen Ausgang zu erfreuen. Wer beispielsweise den demnächst wieder am Wiener Volkstheater angesetzten "Talisman" sieht und anschließend nicht bereit ist, seine eigenen Vorurteile - wem auch immer gegenüber - in Frage zu stellen, hat den Moralisten Nestroy nicht verstanden.

Unmöglicher Traum

Alle großen Nestroy-Darsteller der letzten Jahrzehnte setzten unterschiedliche Akzente und hatten und haben ihre Fans: Karl Paryla, Josef Meinrad, Heinz Petters, Helmuth Lohner, Franz Morak, Robert Meyer, Karlheinz Hackl. Es ist kein Zufall, dass einige von ihnen auch im Musical "Der Mann von La Mancha" reüssiert haben, am "unmöglichen Traum" beteiligt waren, die Welt nicht so zu sehen, wie sie ist, sondern wie sie sein sollte. Im Grunde musste auch Nestroy der Welt, die er sehr realistisch sah, eine Traumwelt mit überraschenden Wendungen gegenüber stellen, damit seine Stücke ein Happy End finden konnten. Ein klassisches Beispiel: "Nein, was 's Jahr Onkel und Tanten sterben müssen, bloß damit alles gut ausgeht -!" (Einen Jux will er sich machen)

So muss jede gute Nestroy-Vorstellung den wahren Nestroy-Jünger von Neuem aufrütteln, dass er angesichts der tristen realen Welt nicht bloß lächelnder Zuschauer bleiben kann, sondern seinen Beitrag leisten muss, um der friedlichen Traumwelt ein Stück näher zu kommen.

Tipp

Den handschriftlichen Nachlass Nestroys zeigt das Historische Museum der Stadt Wien in der Schau "Die Welt steht auf kein' Fall mehr lang".

5. Dezember bis 27. Januar

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