Rembrandt - © Foto: Getty Images / Fine Art Images/ Heritage Images
Feuilleton

Echt oder nicht?

1945 1960 1980 2000 2020

Auch 350 Jahre nach seinem Tod erregen die Werke Rembrandts immer noch Aufsehen – insbesondere im Hinblick auf deren Authentizität.

1945 1960 1980 2000 2020

Auch 350 Jahre nach seinem Tod erregen die Werke Rembrandts immer noch Aufsehen – insbesondere im Hinblick auf deren Authentizität.

Rund 80 Selbstporträts sind von Rembrandt erhalten und bis ins 19. Jahrhundert blieb er damit Rekordhalter in puncto Selfies. 1630 veröffentlichte Rembrandt vier Radierungen, auf denen er sich emotional gibt: beunruhigt, erfreut, zornig und ängstlich. So gerne man aus heutiger Sicht meint, dass er hier sein Innenleben offenbart, war dies mitnichten so. Radierungen ähneln dem heutigen Instagram: Künstler nutzten sie zu Marketingzwecken, um ihr Können zur Schau zu stellen. Diese emotionalen Momentaufnahmen dienten als Nachweis, wie meisterhaft Rembrandt die „Leidenschaften der Seele“ darzustellen vermochte.

Eine unabdingbare Voraussetzung für die Königsdisziplin der Malerei: historische und religiöse Szenen. Das Kabinett 18 des Wiener Kunsthistorischen Museums ist Rembrandt gewidmet. Ein Doppelporträt ist hier zu bewundern, zwei Porträts von Eheleuten, laut Katalog beide aus dem Jahr 1632 und seit 1783 in der Sammlung. Doch halt. Im offiziellen Werkverzeichnis, dem „Corpus“, wird das Bild des Mannes als „ein authentisches Werk gemalt vermutlich 1631 oder 1632“ eingestuft, während das Bild der Frau, so heißt es dazu im zweiten Band des Werkverzeichnisses, „nicht Rembrandt zugeschrieben werden kann“ und „vermutlich in seiner Werkstatt von einem Assis tenten 1632 oder 1633 gemalt“ wurde. Das entspricht durchaus einer Lieblingstheorie des Rembrandt-Experten Ernst van de Wetering, wonach Ehepaare Rembrandts Werkstatt aufsuchten und dann eine/r vom Meister selbst und der oder die andere von einem Assistenten gemalt wurde.

Rembrandt Research Project

Verständlich also, dass in der Jubiläumsschau des Den Haager Museums Mauritshuis nicht nur Bilder von Rembrandt selbst, sondern auch solche seines Umkreises gezeigt wurden. Genaues Hinsehen ist gefragt. Das berühmteste Werk der Sammlung „Die Anatomie des Dr. Tulp“ trägt unumstritten die Handschrift des Meisters. Auch bei dem wunderbaren Selbstporträt des circa 23-jährigen Rembrandt zweifelt man nicht eine Sekunde an der Authentizität. Umso größer das Erstaunen, dass von diesem Bild ein zweites, fast identisches Exemplar im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg hängt. Bis in die 1990erJahre galt das Bild im Maurits huis als das Original, doch ausführliche Recherchen haben seither das Gegenteil ergeben: Das Nürnberger Bild, das etwas gröber, weniger poliert wirkt, stammt von Rembrandt selbst. Die Kopie in Den Haag hat einer seiner Schüler gemalt, wohl unter enger Aufsicht des Meisters.

Die Frage der Authentizität von Rembrandts Werken trieb niederländische Experten um, als der 300. Todestag 1969 bevorstand. Zu schwierig war es geworden, so Ernst van Wetering im Vorwort zum ersten Band des „Corpus“, alle Werke, die Rembrandt zugeschrieben wurden, als die Arbeiten ein und desselben Mannes zu akzeptieren. Das sogenannte Rembrandt Research Project (RRP) wurde ins Leben gerufen. Van de Wetering war ein junger Assistent, als er dem Gremium des RRP 1968 beitrat. Das Ziel war ambitioniert: die Erstellung eines verbindlichen Verzeichnisses aller authentischen Rembrandt-Gemälde. Der Ansatz war neu: Gemeinschaftlich und unter Heranziehung verschiedener Experten wollte man der Sache näherkommen. Eine Herkulesaufgabe, angesichts von zeitweise mehr als 600 Gemälden, die Rembrandt zugeschrieben wurden.

Rund 80 Selbstporträts sind von Rembrandt erhalten und bis ins 19. Jahrhundert blieb er damit Rekordhalter in puncto Selfies. 1630 veröffentlichte Rembrandt vier Radierungen, auf denen er sich emotional gibt: beunruhigt, erfreut, zornig und ängstlich. So gerne man aus heutiger Sicht meint, dass er hier sein Innenleben offenbart, war dies mitnichten so. Radierungen ähneln dem heutigen Instagram: Künstler nutzten sie zu Marketingzwecken, um ihr Können zur Schau zu stellen. Diese emotionalen Momentaufnahmen dienten als Nachweis, wie meisterhaft Rembrandt die „Leidenschaften der Seele“ darzustellen vermochte.

Eine unabdingbare Voraussetzung für die Königsdisziplin der Malerei: historische und religiöse Szenen. Das Kabinett 18 des Wiener Kunsthistorischen Museums ist Rembrandt gewidmet. Ein Doppelporträt ist hier zu bewundern, zwei Porträts von Eheleuten, laut Katalog beide aus dem Jahr 1632 und seit 1783 in der Sammlung. Doch halt. Im offiziellen Werkverzeichnis, dem „Corpus“, wird das Bild des Mannes als „ein authentisches Werk gemalt vermutlich 1631 oder 1632“ eingestuft, während das Bild der Frau, so heißt es dazu im zweiten Band des Werkverzeichnisses, „nicht Rembrandt zugeschrieben werden kann“ und „vermutlich in seiner Werkstatt von einem Assis tenten 1632 oder 1633 gemalt“ wurde. Das entspricht durchaus einer Lieblingstheorie des Rembrandt-Experten Ernst van de Wetering, wonach Ehepaare Rembrandts Werkstatt aufsuchten und dann eine/r vom Meister selbst und der oder die andere von einem Assistenten gemalt wurde.

Rembrandt Research Project

Verständlich also, dass in der Jubiläumsschau des Den Haager Museums Mauritshuis nicht nur Bilder von Rembrandt selbst, sondern auch solche seines Umkreises gezeigt wurden. Genaues Hinsehen ist gefragt. Das berühmteste Werk der Sammlung „Die Anatomie des Dr. Tulp“ trägt unumstritten die Handschrift des Meisters. Auch bei dem wunderbaren Selbstporträt des circa 23-jährigen Rembrandt zweifelt man nicht eine Sekunde an der Authentizität. Umso größer das Erstaunen, dass von diesem Bild ein zweites, fast identisches Exemplar im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg hängt. Bis in die 1990erJahre galt das Bild im Maurits huis als das Original, doch ausführliche Recherchen haben seither das Gegenteil ergeben: Das Nürnberger Bild, das etwas gröber, weniger poliert wirkt, stammt von Rembrandt selbst. Die Kopie in Den Haag hat einer seiner Schüler gemalt, wohl unter enger Aufsicht des Meisters.

Die Frage der Authentizität von Rembrandts Werken trieb niederländische Experten um, als der 300. Todestag 1969 bevorstand. Zu schwierig war es geworden, so Ernst van Wetering im Vorwort zum ersten Band des „Corpus“, alle Werke, die Rembrandt zugeschrieben wurden, als die Arbeiten ein und desselben Mannes zu akzeptieren. Das sogenannte Rembrandt Research Project (RRP) wurde ins Leben gerufen. Van de Wetering war ein junger Assistent, als er dem Gremium des RRP 1968 beitrat. Das Ziel war ambitioniert: die Erstellung eines verbindlichen Verzeichnisses aller authentischen Rembrandt-Gemälde. Der Ansatz war neu: Gemeinschaftlich und unter Heranziehung verschiedener Experten wollte man der Sache näherkommen. Eine Herkulesaufgabe, angesichts von zeitweise mehr als 600 Gemälden, die Rembrandt zugeschrieben wurden.

Gemeinschaftlich und unter Heranziehung verschiedener Experten wollte man der Sache näherkommen. Eine Herkulesaufgabe, angesichts von zeitweise mehr als 600 Gemälden, die Rembrandt zugeschrieben wurden.

Am Anfang standen ausgedehnte Reisen, Rembrandts Werke sind über die ganze Welt verstreut. Als technische Hilfsmittel dienten damals vor allem Röntgenaufnahmen und Dendrochronologie, die Altersbestimmung verwendeter Hölzer, seither sind Infrarotfotografie und Teilchenbeschleuniger dazu gekommen. Doch „ohne die Fragestellungen der Kunsthistoriker sind rein naturwissenschaftliche Analysen sinnlos“, so Van de Wetering. Mit vereinten Kräften und einer Kombination von Methoden versuchte man Rembrandts ureigener künstlerischer Vision Herr zu werden. Die Tatsache, dass Rembrandt eine große Werkstatt leitete und besonders viele Schüler und Assistenten hatte, die namentlich nicht alle bekannt sind, erleichterte die Arbeit des RRP nicht gerade.

Zudem sind ausgerechnet die Dokumente der Amsterdamer Maler gilde, der Rembrandt seit 1634 angehörte, weitgehend verloren. Kein Wunder, dass die Arbeit über Rembrandts Werkstatt dem „Zusammenfügen eines Puzzles“ ähnelt, „von dem nur wenige Teile überlebt haben“, so Van de Wetering. Einige Informationen gibt es jedoch, nicht zuletzt schrieb Samuel van Hoogstraaten über seinen Lehrer Rembrandt und man kann Rückschlüsse aus ähnlichen Werkstätten ziehen. Lernen fand damals vielfach durch Imitieren statt. Das Herstellen von Kopien hatte neben der didaktischen aber auch eine kommerzielle Funktion: In seiner Glanzzeit verdiente Rembrandt mit diesen Werken, die auch seine Signatur trugen, zwischen 2000 und 2500 Gulden jährlich (eine erkleckliche Summe, zum Vergleich: Für die „Nachtwache“ erhielt er 1600 Gulden). Die Kopien hatten auch eine dritte Funktion: Nachdem das Original verkauft war, dienten sie als Vorbild für weitere Versionen.

Die Arbeit in Rembrandts Werkstatt lief jedoch anders ab als bei Raffael oder Rubens (einem der Vorbilder Rembrandts). Dort war es üblich, dass der Meister die Grundzüge eines Gemäldes entwarf und vorbereitete und dann seine Schüler und Assistenten die Ausführung übernahmen – ein gutes Beispiel dafür sind die Stanzen des Raffael im Vatikan. Die Arbeiten zum neuen Werkverzeichnis wurden auch dadurch erschwert, dass Maler außerhalb seiner Werkstatt seinen Stil imitierten und ehemalige Schüler oft noch jahrelang „rembrandtesk“ weiterarbeiteten. Beim Rembrandt Research Project entwarf man ein A-B-C-System der Zuschreibung: A waren die mit Sicherheit authentischen Arbeiten, bei den B-Bildern konnte man sich nicht für echt oder unecht entscheiden und C-Werke waren als nicht authentisch eingestufte Gemälde, wobei man den tatsächlichen Urheber nur sehr selten ermitteln konnte. Bei vielen Museen und Institutionen machte man sich unbeliebt, berühmtester Fall der 1980er-Jahre war „Der Mann mit dem Goldhelm“ der Staatlichen Museen zu Berlin, ein Werk, das zuvor als eines von Rembrandts Meisterstücken gegolten hatte.

Spektakuläre Neuentdeckung

Wohl in weiser Voraussicht schrieb Van de Wetering schon im ersten Band des „Corpus“, dass die Ergebnisse immer nur eine Momentaufnahme sein können. Im Laufe der Zeit verzichtete man auf die strengen Klassifizierungen. So kann das Bild „Mann mit Federhut“, das im Mauritshuis als authentisches Bild präsentiert wird, laut „Corpus“ unmöglich echt sein. Der Grund: zu viel Konzentration auf Linie und Kontrast anstatt auf Licht und Atmosphäre. Ein Bildelement, das bei Porträts auf deren Echtheit hinweisen kann, sind die damals modernen Spitzenkrägen und -borten. Rembrandt malte diese mit einer speziellen Technik: Er trug eine weiße Fläche auf und malte dann mit feinem Pinsel das Muster hinein (vergleiche den Ärmelbesatz auf dem „Bildnis einer Frau“ in Wien). Eben diese Eigenart war ausschlaggebend für die Authentifizierung einer Neuentdeckung, die 2018 Furore machte: Das „Porträt eines jungen Mannes“ von 1634, ersteigert bei Christie’s in London – ersteigert vom Kunsthändler Jan Six XI. Das Porträt seines Vorfahren Jan Six gilt als ein Meisterwerk Rembrandts.

Fakt

Großes Finale im Rembrandt-Jubiläumsjahr

Die Jubiläumsausstellungen nehmen gegen Jahresende noch einmal Schwung auf: Das Rijksmuseum Amsterdam vergleicht ab dem 11. Oktober Rembrandt und Velázquez, das Mauritshuis wirft Licht auf den bedeutsamen Schüler Nicolas Maes, Prag und Köln zeigen ab 1. November in Zusammenarbeit „Inside Rembrandt“ und das Museum De Lakenhal in Rembrandts Geburtsstadt Leiden präsentiert unter dem Motto „Junger Rembrandt – Rising Star“ eine weitere Entdeckung von Jan Six XI, das 2014 im Kölner Kunsthaus Lempertz ersteigerte und bislang unbekannte frühe Gemälde „Lasset die Kinder zu mir kommen“, 1627–28, wenn man genau schaut, erkennt man den sehr jungen Rembrandt links oben. Wer keine Gelegenheit hat zu reisen, kann sich trotzdem an Rembrandt erfreuen, auf rembrandtdatabase.org sind fünf der sechs Bände des „Corpus“ konsultierbar, wem dies zu mühsam ist, bietet das Rembrandt Research Project kurzweiligen Zugang zu Rembrandts Werk.