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Echte Gefahren der Gentechnik

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Heiße Debatten gibt es über die Folgen der Gentechnik. Im folgenden eine Darstellung, wo echte Gefahren drohen - und wo nicht.

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Heiße Debatten gibt es über die Folgen der Gentechnik. Im folgenden eine Darstellung, wo echte Gefahren drohen - und wo nicht.

Begriffe wie Gen-Gegner oder Gen-Mais sind ein sprachlicher Unsinn zum Quadrat. Kann irgend jemand etwas gegen Gene haben? Oder ist ein Mais ohne Gene vorstellbar? Selbst das Wort Gentechnik bedarf einer einschränkenden Definition, wenn es als Kürzel für den Gentransfer über Artgrenzen dienen soll, weil man unter Gentechnik im strengen Sinn des Wortes jeden züchterischen Eingriff in eine Population verstehen kann. Gegen eine Auslesezüchtung, wie sie seit Erfindung des Ackerbaus betrieben wird, wird wohl niemand etwas haben.

Ich verwende daher im folgenden den Begriff Gentechnik nur dann, wenn es um züchterische Maßnahmen insgesamt geht und Gentransfer, wenn Stücke von DNA-Strängen von einer Art in eine andere Art übertragen werden.

Die Diskussion um das Risiko des Gentransfers wird derzeit fast ausschließlich an der Bekömmlichkeit der durch den Gentransfer erzeugten Nahrungsmitteln aufgehängt. Eine ausgefeilte Analysentechnik kann diese Bedenken allerdings leicht zerstreuen. Ist beispielsweise in der Zusammensetzung der Stärke kein Unterschied feststellbar, dann ist es aus der Sicht der Ernährungsphysiologie wirklich ohne Belang, ob sie von "genmanipulierten" oder von "natürlichen" Kartoffeln stammt.

Selbst die Tatsache, daß man mit den Nahrungsmitteln die "fremden" Gene mitißt, beinhaltet nach dem Stand der Ernährungsphysiologie keinerlei Risiko, weil im Verdauungstrakt bekanntlich jede organische Substanz vor der Resorption bis auf die Bausteine zerlegt wird und das fremde Gen wirklich keine anderen Bausteine hat als die hauseigenen Gene.

Schon mehr Gewicht hat die Wahrscheinlichkeit, daß die "fremden" Gene für den Konsumenten nicht bekömmliche Nebenprodukte in den Nahrungsmitteln anreichern, weil Gene ihre Resistenzen bekanntlich ja nur über biochemische Reaktionen entfalten können. Und was dem Schadorganismus nicht gut bekommt, kann möglicherweise auch dem Konsumenten der so erzeugten Nahrungsmittel schlecht bekommen.

Selbst diese Schadensmöglichkeit ließe sich über Fütterungsversuche bei Tieren mit einem dem Menschen sehr ähnlichen Stoffwechsel relativ leicht abklären. Sollte es in absehbarer Zeit auch in Österreich doch noch eine diesbezügliche Risikoforschung geben, dann wird mit dem Argument der Bekömmlichkeit der durch Gentransfer erzeugten Nahrungsmittel keine Diskussion mehr zu gewinnen sein.

Gene springen über Anhand einer "genmanipulierten" Rapssorte wurde der Nachweis erbracht, daß "fremde" Gene zusammen mit den arteigenen Genen auf die den Kulturpflanzen nahe verwandten Wildpflanzen überspringen können. Wenn Ökologen von diesem Befund ausgehend den Gentransfer an sich ablehnen, dann sollten in der Öffentlichkeit nicht nur die Einzelfälle, sondern auch das Gesamtrisiko diskutiert werden.

Wo verstecken sich die Geister, die wir möglicherweise nicht mehr los werden?

Es geistern tatsächlich gar unheimliche Gesellen durch die Biosphäre, die zu reizen, sich jeder Zauberlehrling gut überlegen sollte. Die Biologen nennen sie Viren und geben ihnen nicht einmal den Status von Lebewesen, weil sie keinen eigenen Stoffwechsel besitzen. Sie bestehen im wesentlichen aus DNA-Strängen mit einer Eiweißhülle.

Ihre Ähnlichkeit mit Chromosomen ist so groß, daß sie mit diesen sogar verwachsen und sich wieder von ihnen lösen können. Damit können sie aber auch Chromosomen oder Chromosomenstücke in jede Zelle schleppen, die ihnen das Eindringen erlaubt. Eine von Viren befallene Zelle wird regelrecht "aufgefressen", indem sie gezwungen wird, nur mehr Viren-DNA zu produzieren.

Manchmal gelingt es aber einer parasitierten Zelle, vor Ihrem Tod noch eine gesunde Tochterzelle zu produzieren, der sie unter Umständen auch ein vom Virus eingeschlepptes Chromosomenstück (das mit einem oder mehreren Genen gleichgesetzt werden kann ) mitgeben kann. Gelangt nun eine so "von Viren genmanipulierte" Zelle in die Keimbahn, hat der Gentransfer ohne Zutun von Menschen stattgefunden.

Viren sind in der Regel bezüglich ihrer Wirte zwar in hohem Maß artspezifisch. Es soll aber vorkommen, daß ein und derselbe Virusstamm mehrere Arten parasitieren kann. Damit ist aber auch die Möglichkeit und auch die Wahrscheinlichkeit gegeben, daß Viren Gene von einer Art zur anderen verschleppen können.

Es gibt sogar Hinweise, daß während der Evolution Viren mehrmals genetisches Material quer durch den Stammbaum verschleppten. Davon läßt sich auch eine Theorie über den Wirkmechanismus des Überspringens von Genen zwischen Arten erklären, die sich unter natürlichen Bedingungen nicht kreuzen, wenn sie von denselben Viren befallen werden können.

Vorschnelle Denker zogen und ziehen aus diesen Befunden den Schluß: Was ist schon dabei, wenn der Mensch mit Hilfe von Enzymen macht, was die Viren ohnehin "von Natur aus" tun.

Der Trugschluß liegt auf der Hand: In der Natur kommt so etwas quasi als Betriebsunfall und daher eher selten vor, unterliegt vollkommen dem Zufall und es stürzt sich sofort die natürliche Selektion auf die Monster. Schießt der Wissenschafter Gene quer durch das Tier- und Pflanzenreich, dann macht er das mit Plan, das heißt, er schaltet den Zufall und die natürliche Selektion mit seinen pflanzenbaulichen Maßnahmen aus. Die genetischen Monster treten in der Biosphäre nicht mehr punktuell, sondern flächenhaft auf, was die Wahrscheinlichkeit des Überspringens der Gene mit Hilfe der Viren geradezu potenziert.

Von Viren verschleppt Durch die extrem hohe Mutationsrate bei Viren können selbst Virologen nicht mit Sicherheit voraussagen, welche Pflanzen- bzw. Tierarten von einem Virusstamm in der nahen oder fernen Zukunft befallen werden können und daher potentielle Empfänger fremder Gene sein werden.

Jeder, der sich mit Gentransfer beschäftigt, sollte stets mitdenken, daß jede von "Menschen zusammengeschusterte Genkombination", die unter natürlichen Bedingungen extrem unwahrscheinlich ist und wenn überhaupt dann nur sehr vereinzelt auftritt, von Viren unkontrolliert verschleppt werden kann und das in Arten, an die wir noch gar nicht denken können.

Die derzeit einzig gängige Theorie über die Entstehung von Viren besagt, daß es sich bei diesen um "wild gewordenes genetisches Material" handelt und daß die Ursprungsorganismen sehr wahrscheinlich parasitierende Bakterien waren bzw. sind.

Neue Virenstämme?

Nachdem es eine sehr hohe Zahl verschiedener Virusstämme gibt und diese bezüglich ihrer Wirte hoch artspezifisch sind, ist der Schluß naheliegend, daß die Entstehung von Viren mehrmals stattgefunden hat. ( Es ist beispielsweise extrem unwahrscheinlich, daß die Aids- und die Kartoffelviren denselben Ursprung haben. )

Wenn das aber so ist, dann muß man auch jederzeit mit der Entstehung neuer Viren rechnen, und man muß auch mit dem Fall rechnen, daß ein von Menschenhand genetisch zusammengeschustertes Individuum zum Ausgangspunkt eines neuen Virusstammes wird, dessen Entstehung ohne Zutun des Menschen extrem unwahrscheinlich ist.

Gelangen aber derart entstandene Viren in die Biosphäre, dann kann sich jeder halbwegs biologisch gebildete Mensch vorstellen, wie ein solcher Ausbruch unter widrigen Umständen zu einem genetischen und damit ökologischen Chaos von apokalyptischem Ausmaß führen könnte. Man stelle sich einmal vor, was passiert, wenn eines Tages Viren mit menschlichen Genen, die man vorher zur Serumgewinnung in Bakterien transferiert hat, unterwegs sind, und die menschlichen Immunsysteme können diese Viren nicht mehr als artfremd erkennen. Im Fall von menschlichem Erbgut ist für uns Menschen die Betroffenheit besonders groß.

Das Durchbrechen von Immunschranken durch Viren, die von transgen entstandenen Organismen abstammen könnten, ist grundsätzlich aber bei allen Tier- und Pflanzenarten denkbar. Wenn ein solcher Fall bis heute nicht nachgewiesen wurde, so heißt das noch lange nicht, daß er noch nicht eingetreten ist oder nie eintreten wird. Sollte er aber eines Tages eintreten, dann dürfte jede noch so große Anstrengung einer Schadensbegrenzung erfolglos bleiben.

Der Autor ist Biologe und pensionierter Lehrer an einer Höheren landwirtschaftlichen Bundeslehranstalt.

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