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Edel sei das Opfer, hilflos und gut.

In jüngster Zeit haben einige spektakuläre Kriminalfälle Medien Anlass gegeben, besonders ungeniert Persönlichkeitsrechte zu verletzen. Bekommen die Opfer solcher Übergriffe Recht? Relativ selten, wie die spärliche Rechtsprechung zeigt. Sie finden oft mangels professioneller Unterstützung gar nicht den Weg zu Gericht. Und wenn doch, kann es böse Überraschungen geben:

In der Gratiszeitung Heute wurden (heimlich aufgenommene) Fotos von Frau Kampusch und einem jungen Mann in der Disco veröffentlicht und scheinheilig ihre angebliche erste Liebe bejubelt: „Alle freuen sich mit Natascha“.

Die erste Instanz sprach Frau Kampusch noch eine Entschädigung wegen Verletzung ihres höchstpersönlichen Lebensbereiches zu. Das Privatleben darf sich auch in öffentlichen Räumen entfalten, ohne dass die Massenmedien daran unbegrenzt teilnehmen dürften. Das OLG Wien befand aber, dass der völlig normale Disco-Besuch gar nichts Höchstpersönliches sei. Darunter verstehe man nur Angelegenheiten, deren Kenntnisnahme durch Außenstehende die persönliche Integrität im besonderen Maße berührt.

Zur Begründung wurde ausgeführt, dass Frau Kampusch sich freiwillig in das Schlaglicht der Medien begeben habe. Das möge zwar als ungerecht empfunden werden, gerade weil andere Gleichartiges völlig unbehelligt unternehmen könnten. Außerdem habe sie vom öffentlichen Interesse profitiert, sei es finanziell, sei es durch die Befriedigung von Eitelkeiten oder aber auch nur dadurch, dass sie „ihrer Sache“ auf andere Weise gedient haben …

Das ist wenig überzeugend: Haben Opfer von spektakulären Kriminalfällen kein Recht auf Schutz ihres Privatlebens? Ich fürchte, Frau Kampusch, bekommt die Rechnung für ihre umstrittenen öffentlichen Auftritte präsentiert. Sie hat sich nicht so verhalten, wie man sich das offenbar von Opfern erwartet: Edel, hilflos und gut.

Die Autorin ist Medienanwältin in der Kanzlei coop-recht und vertritt u.a. den „Standard“

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