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Editorial

Kein Ende der Erzählung

Scheherazades Erbschaft nennt Volker Klotz in seinem Buch "Erzählen" den Fortsetzungsroman, der um 1840 in wichtigen Pariser Zeitungen aufgekommen war. Aus Berechnung schneidet der Autor seine Erzählfäden genau dort ab, wo es dem in die Lektüre versunkenen Leser besonders weh tut. Die "narratio interrupta" sorgt für lustvolle Qual des Wartens. Wie einst der Sultan harren nun die Leser des Fortgangs der Erzählung. Scheherazade freilich erzählte um ihr Leben, jene Autoren um Folgeaufträge und ihren literarischen Marktwert.

Was die Fortsetzungsgeschichte deutlicher macht als jede andere literarische Form: Literatur provoziert Gespräch mit den Lesern. Mehr noch: Die Leser erweisen sich als Koautoren. Eugène Sue schockte 1843 seine Leser mit der Darstellung der sozialen Verelendung in Paris. Die Leser reagierten: mit eigenen Erfahrungen, aber auch mit Vorschlägen zur Verbesserung der Zustände. Der Autor reagierte ebenfalls: er griff die Ideen seiner Leser auf und änderte die Richtung seines Romans in Fortsetzungen: "Die Geheimnisse von Paris" wurden sozialer Appell.

Fortsetzung folgt

Wenn ein anderer Autor schneller ist, kann allerdings passieren, was Cervantes zur Kenntnis nehmen musste, während er noch am zweiten Teil seines "Don Quijote" arbeitete: einen unter Pseudonym verfassten Roman, der Don Quijote als Wahnsinnigen ins Tollhaus schickte. Cervantes reagierte, indem er den "falschen" Don Quijote in seiner Romanfortsetzung thematisierte und "seinen" Don Quijote sicherheitshalber am Ende ins Jenseits beförderte. Dieses Ende aber gefiel den Lesern gar nicht. Alain René Lesage befreite in seinem Schelmenroman "Gil Blas de Santillane" Don Quijote aus dem Irrenhaus - und weiter ging's. Das literarische Leben Don Quijotes ist damit noch lange nicht auserzählt …

Dann lieber die Helden nicht sterben lassen, die Fortsetzung selber schreiben und den Erfolg selbst einkassieren: Daniel Glattauers Beziehungsroman "Gut gegen Nordwind" bot mit der Form - einer E-Mail-Kommunikation - viel Freiraum für Identifikation. Aus literarästhetischer Sicht war das Ende gut gewählt, für Leser aber enttäuschend, denn - wie es auf Glattauers Webseite heißt - : "Die ersehnte Begegnung ist ausgeblieben." Der Kunde ist König, der Leser ist Kunde: Glattauer schrieb also mit "Alle sieben Wellen" die ersehnte Fortsetzung. Die 160.000 Exemplare, die seit Februar unterwegs sind, beweisen, worauf die Endlosschleifen der Telenovelas bauen: Wir wollen kein Ende der Erzählung. Auch daran erinnern der Welttag des Buches am 23. April und dieses BOOKLET, das Blicke in die österreichische Literaturlandschaft wirft. Fortsetzung folgt.

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