"Wann haben Sie je persönlich in Österreich Antisemitismus verspürt?" Keine umfassende Analyse, aber persönliche Erlebnisse aus vielen Jahrzehnten.

Unlängst wurde ich nach einer Buchvorstellung gefragt: "Wann haben Sie je persönlich in Österreich Antisemitismus gespürt?" Anstatt einer umfassenden Antwort kann ich hier nur einige Erfahrungen schildern.

Die Tatsache, dass in Österreich Juden leben, muss oft genug als Beweis dafür herhalten, dass es hier keinen Antisemitismus gibt. Bereits 1947 leugnete Wiens Bürgermeister Theodor Körner diesen, derweil in Wiener Kinos Zuschauer auf eine Wochenschau, die jüdische Rückkehrer aus Schanghai zeigte, mit dem Ruf "Vergasen!" reagierten. Laut einer 2001 durchgeführten Untersuchung sind 24 Prozent der Österreicher der Meinung, dass es besser wäre, keine Juden im Land zu haben und 25 Prozent aller Befragten meinten, dass die Juden am Antisemitismus "nicht ganz unschuldig" wären.

Wo aber beginnt eigentlich Antisemitismus? Viele Österreicher verstehen unter Antisemitismus lediglich die Aberkennung des Menschseins, Raub von Hab und Gut und Leben. Diskriminierung, Geringschätzung, Missachtung, Verhöhnung oder Ächtung von Juden, soweit nicht gesetzlich verboten, liegen für diejenigen, die sich selbst und gegenseitig seit 1945 bei allen möglichen und unmöglichen Anlässen bestätigen, keine Antisemiten zu sein, außerhalb dieses Begriffs. Über den Antisemitismus, der sich auch in der täglichen Wortwahl äußert, schaut man gern großzügig weg.

Gesetze allein sind zu wenig

Ich habe den Antisemitismus in Österreich als Kind erlebt, als er - noch offen - geäußert wurde, und ich erlebe diesen bis heute, wenngleich er sich hier und jetzt eher indirekt äußert. Explizite antisemitische Hetze ist seit 1945 unter Strafe gestellt, aber Gesetze allein lösen das Problem nicht.

Baden bei Wien: In meiner Erinnerung taucht eine oft durchlebte Situation aus meiner Volksschulzeit auf: Als einziges jüdisches Kind meiner Klasse musste ich während des katholischen Religionsunterrichtes das Klassenzimmer verlassen. In der auf den Religionsunterricht folgenden Pause beschimpften mich meine Mitschüler regelmäßig als "Gottesmörder" und warfen mir vor, "den Heiland gekreuzigt" zu haben. Ich wurde angerempelt und herumgestoßen.

Trotz dieser und schlimmerer Erfahrungen nach dem "Anschluss" kehrte ich - von Abenteuerlust getrieben - sechs Jahre nach Kriegsende nach Österreich zurück. Immer wieder schockierten mich antisemitische Vorfälle und Skandale, doch ich bemerke auch einen langsamen Wandel. Riefen noch 1965 bei Wiener Demonstrationen für den antisemitischen Professor Taras Borodajkewycz schlagende Burschenschafter laut "Juden nach Auschwitz, Kommunisten nach Moskau", so hat sich die Atmosphäre an Österreichs Hochschulen geändert, heute würde kein Student wagen, solche Sprüche zu skandieren. Doch der Antisemitismus ist weder aus der Politik noch aus den Medien verschwunden und gelegentlich kommt er ganz offen zum Ausdruck.

Zum Beispiel an einem schönen Sommertag im Juni 1986: Auf dem Wiener Graben drückt mir ein junger Mann vom "Neuen Österreich" ein Flugblatt in die Hand. "Nur Linksextreme sind gegen unseren hochverehrten Kandidaten Waldheim", höre ich einen anderen jungen Mann im Steireranzug sagen. Ich ziehe meine Neue Zürcher und frage ihn, ob er diese Zeitung als "linksextrem" bezeichnen würde. Ungefragt lese ich vor: "... dass er (i. e. Waldheim) ein eigenartiges Verhältnis zu der von ihm selbst erlebten historischen Zeit von 1939 bis 1945 hat ..." Da brüllt mir ein gut gekleideter älterer Herr entgegen: "Ees habt's do überhaupt nix zu reden in unserer schenen Weanaschtod. Ob mit eich noch Nu Jork, durt kennt's de Goschn aufreißn!" Ich frage: "Wen meinen Sie mit ihr'!?" Der Herr verhehlt es mir nicht: "Ees Juden", sagt er.

Nicht immer ist man so direkt. Ein paar Anspielungen genügen und das Publikum versteht, was gemeint ist. Demnächst erscheint ein Buch über den Wiener Wahlkampf 2001, in dem dokumentiert wird, wie das geht (vgl. Seite 16). Eine erfreuliche Tatsache: Der Wahlkampf hat der FPÖ nicht genützt und dem Wiener Bürgermeister hat sein offenes Auftreten gegen den Antisemitismus nicht geschadet.

Versteckter Mordvorwurf

Wenn ein Jude sich gegen Antisemitismus wehrt, dann kann dies gegen ihn gerichtet werden, was ich schmerzlich erfahren musste. 1995, kurz vor meiner Pensionierung, rezensierte ich das "Freiheitliche Jahrbuch 1995" und ortete im Aufsatz "Internationalismus gegen Nationalismus - eine unendliche Todfeindschaft" von Dr. Werner Pfeifenberger "(Neo)Nazi-Töne" und "Nazidiktion". Der Autor wärmte auf 52 Seiten die alte Nazi-Mär von der jüdischen Weltverschwörung langatmig auf, wobei er den Bogen vom Frühchristentum über die Französische Revolution 1789, den Bolschewismus, Deutschland 1933 - das "in die jüdische Kriegsdrohung mit eingeschlossen" wurde - bis zum "Jüdischen Weltkongress" spannte. Dr. Pfeifenberger klagte mich wegen übler Nachrede und seine Klage wurde schlussendlich 1998 vom OLG Wien abgewiesen.

2000 fand die Wiener Staatsanwaltschaft, Pfeifenberger habe sich "im nationalsozialistischen Sinne betätigt" und er hätte sich am 26. Juni vor einem Wiener Geschworengericht verantworten sollen.

Am 13. Mai 2000 beging er Selbstmord. Anlass für die Wochenzeitung Zur Zeit*), am 2. Juni 2000 gegen den "jüdische(n) Journalisten Karl Pfeifer" den Vorwurf zu erheben, den aus "katholischem Umfeld kommenden" Pfeifenberger "zur Strecke gebracht" zu haben. "Damit (mit der Rezension K.P.) hatte Karl Pfeifer eine Menschenhatz eröffnet, die in der Folge bis zum Tod des Gehetzten gehen sollte."

Diesmal klagte ich und am 15. Oktober 2001 verkündete am OLG Senatsvorsitzende Dr. Doris Trieb, der besagte Artikel sei zulässig, denn er lasse "bloß auf die Zuweisung einer moralischen Verantwortlichkeit schließen".

Für das, was Pfeifenberger geschah, ist es laut Urteil zulässig, nicht ihn, sondern mich verantwortlich zu machen, denn - so die Logik des Gerichts - hätte der "jüdische Journalist" seinen Artikel nicht veröffentlicht, dann wäre alles in Ordnung.

Bis heute werden gegen Juden zwei irrationale Beschuldigungen erhoben: "Gottesmörder" zu sein und Ritualmorde zu begehen. Allerdings werden heute solche Beschuldigungen in der Regel nicht direkt erhoben, sie kommen subtiler. Als Kind wurde ich direkt des "Gottesmordes" beschuldigt, jetzt darf man mir unterstellen, ich hätte mit einer 1995 publizierten Rezension, die zu 70% aus Zitaten bestand, den Selbstmord eines Menschen im Jahr 2000 verursacht. So schließt sich der Kreis.

*) Zur Zeit erhielt im Jahr 2002 75.550,20 Euro Presseförderung...

Der Autor, bis 1995 Redakteur der Gemeinde, des Organs der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, ist Korrespondent des israelischen Radios.

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