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Feuilleton

Eher eine Kunst

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Der Jahreswechsel steht vor der Tür: Man hält inne, blickt voraus. Was bringt das neue Jahr? Schwer zu sagen, insbesondere in einer Zeit, die viele als Krisenperiode erleben. Und dennoch: Um gezielt handeln zu können, muss der Mensch Vorstellungen von der Zukunft entwickeln. Daher kommt der Erstellung halbwegs sicherer Prognosen große Bedeutung zu, vor allem in der heute so vernetzten Gesellschaft. Das folgende Dossier geht der Frage nach, wie zuverlässig Prognosen in einigen wichtigen Bereichen sind. Redaktionelle Gestaltung: Christof Gaspari.

Man suche bei www.google.de unter dem Stichwort Prognose. Welch bunter Mix an Rückmeldungen: viele Wettervorhersagen, eine Verkehrsprognose für den Großraum Düsseldorf, ein Prognoserechner für die die Spiele der Deutschen Bundesliga - keine Gewähr. "MeteoSchweiz" gibt Auskunft über den Pollenflug, www.schicksal.com ("Die Zukunft steht in den Sternen") bietet seine Astro-Hotline: "Wie sieht deine Zukunft aus? Was bringt die Liebe? Was macht der Beruf?", während man bei www.astrax.de jene Termine erfährt, an denen die Börsenkurse fallen. Achtung: bis zu minus fünf Prozent am 23. Dezember.

Dass Wahrsagerei heute so hoch im Kurs steht, erstaunt in einem Zeitalter, das sich so viel auf Rationalität und Wissenschaftlichkeit zugute hält. Noch dazu belegen Untersuchungen des Heidelberger Soziologen Edgar Wunder, der 700 solche Vorhersagen im Zeitraum 1991 bis 1998 gesammelt und auf ihre Relevanz getestet hat: Hellseherische Aussagen treffen so gut wie nie zu. Nur in kümmerlichen drei Prozent der Fälle gab es einen Treffer - und fast die Hälfte von diesen bezogen sich auf den Wahlsieg von Kanzler Helmut Kohl über Rudolf Scharping. Doch auch diese Erfolge sind zu relativieren: Fast ebenso häufig war Scharping als Sieger vorausgesehen worden.

Wenn Experten irren

Prognosen sind eben schwierig, besonders wenn sie nicht nur die allernächste Zukunft betreffen. Selbst anerkannte Experten irren sich, sogar wenn es um Perspektiven auf ihrem Fachgebiet geht. So stellte etwa Werner von Siemens 1878 fest: "Das Telefon wird für den Verkehr in Städten und zwischen benachbarten Ortschaften große Dienste leisten. Aber wie es auf ganz kurzen Entfernungen das Sprachrohr nie verdrängen wird, ebensowenig wird es je für größere Entfernungen den Telegraphen ersetzen können."

Aber auch die heute mit großem Aufwand erstellten Wirtschaftsprognosen müssen immer wieder - und zum Teil massiv - korrigiert werden. Typisches Beispiel die österreichischen Prognosen für 2001 und 2002: Erstere stellte noch im Februar 2001 einen Zuwachs von 2,4 Prozent in Aussicht. Der tatsächliche Wert betrug letzlich jedoch nur ein Prozent, weniger als die Hälfte des vorhergesagten Wachstums. Und die Prognose für heuer musste seit dem Februar des Vorjahres sogar von 2,7 auf derzeit 0,7 Prozent revidiert werden.

Woran liegt diese Irrtumsanfälligkeit von Vorhersagen? Einfach daran, dass die Zukunft grundsätzlich unvorhersehbar ist. Das hat mit dem begrenzten Wissen des Menschen und mit seiner Freiheit zu tun. Allerdings wurden die Grenzen des Wissens im Bereich der Naturwissenschaften enorm weit nach außen verschoben. So durchschaut man heute beispielsweise ein so komplexes Geschehen wie das Wetter ausreichend gut, um zuverlässige Tagesprognosen zu erstellen (Seite 17). In anderen Bereichen hingegen, etwa bei der Erdbebenforschung, reicht das Wissen nicht für zuverlässige Prognosen.

Schwachstelle Mensch

Das Verhalten technischer Systeme hingegen, deren Funktionieren wesentlich von Naturgesetzen bestimmt wird, lässt sich wiederum weitgehend mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit prognostizieren. Wie ein Auto, ein Computer, ein Flugzeug, ein Kraftwerk, eine Papiermaschine bei ordnungsgemäßer Bedienung und Wartung reagieren, ist vorhersehbar.

Dass dennoch Unerwartetes geschieht, ist vielfach darauf zurückzuführen, dass diese Systeme im Zusammenspiel mit Menschen funktionieren. Und deren Verhalten ist nicht nur fehleranfällig, sondern grundsätzlich unvorhersehbar, weil vom freien Willen bestimmt. Die bisherigen Unfälle in Atomkraftwerken waren im Wesentlichen auf diese Tatsache zurückzuführen.

Mit dem Problem, dass menschliches Verhalten nicht programmierbar ist, haben alle Prognosen, die soziale Systeme betreffen, zu kämpfen. Zwar kommt den Sozialwissenschaftlern da das Gesetz der großen Zahl zu Hilfe. Es lässt Aussagen über das durchschnittliche Verhalten von Menschen in bestimmten Bereichen zu und gibt Auskunft über die Wahrscheinlichkeit, dass Abweichungen von diesem Mittel auftreten. Dennoch sind diese Verfahren nur begrenzt zuverlässig, wie der Ausgang der jüngsten Nationalratswahlen und der Absturz der Börsenkurse seit der Jahrtausendwende nur allzu deutlich gezeigt haben.

Viele Fragezeichen

Das Prognostizieren von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vorgängen bleibt somit eher eine Kunst, als eine streng wissenschaftliche Disziplin, obwohl sich das Prognose-Instrumentarium insbesondere durch den Einsatz elektronischer Datenverarbeitung enorm verbessert hat.

Dabei ist gerade die moderne Gesellschaft sehr von halbwegs zuverlässigen Vorstellungen über zukünftige Gegebenheiten abhängig, gibt es doch immer weniger autonome Bereiche, in denen die Akteure weitgehend selbst bestimmen, was zu geschehen hat. Die bäuerliche und handwerklich geprägte Gesellschaft konnte auf Prognosen verzichten. Sie verhielt sich ihren eigenen Erwartungen entsprechend.

Zu rascher Wandel

Im Zeitalter der Globalisierung jedoch hängen die eigenen Handlungen und Entscheidungen wesentlich von erwarteten Konstellationen im weltweiten Umfeld ab. Man denke allein an die Investitionen, die im Bereich von Industrie und Wissenschaft getätigt werden, an die Mittel, die in die Verkehrs- oder der Energie-Infrastruktur fließen. Sie stützen sich auf Erwartungen über zukünftige Entwicklungen und Verhaltensweisen.

Gleichzeitig aber erzeugen diese Maßnahmen einen Wandel, der sich vielfältig auf diese Zukunft auswirkt und unerwartete Veränderungen hervorruft. Durch die wachsende Komplexität des Geschehens werden sogar Instabilitäten hervorgerufen. Je rascher der Wandel, umso schwieriger die Voraussage, umso schwieriger auch, rationale Entscheidungen zu treffen.

Dieser Umstand erschwert nicht nur eine rationale Wirtschaftspolitik, sondern verunsichert auch den Bürger.Und dann mag dessen Neigung wachsen, der Wissenschaft zu misstrauen, und seine Bereitschaft zunehmen, bei zweifelhaften, metawissenschaftlichen Angeboten Halt zu suchen.

Der Jahreswechsel steht vor der Tür: Man hält inne, blickt voraus. Was bringt das neue Jahr? Schwer zu sagen, insbesondere in einer Zeit, die viele als Krisenperiode erleben. Und dennoch: Um gezielt handeln zu können, muss der Mensch Vorstellungen von der Zukunft entwickeln. Daher kommt der Erstellung halbwegs sicherer Prognosen große Bedeutung zu, vor allem in der heute so vernetzten Gesellschaft. Das folgende Dossier geht der Frage nach, wie zuverlässig Prognosen in einigen wichtigen Bereichen sind. Redaktionelle Gestaltung: Christof Gaspari.

Man suche bei www.google.de unter dem Stichwort Prognose. Welch bunter Mix an Rückmeldungen: viele Wettervorhersagen, eine Verkehrsprognose für den Großraum Düsseldorf, ein Prognoserechner für die die Spiele der Deutschen Bundesliga - keine Gewähr. "MeteoSchweiz" gibt Auskunft über den Pollenflug, www.schicksal.com ("Die Zukunft steht in den Sternen") bietet seine Astro-Hotline: "Wie sieht deine Zukunft aus? Was bringt die Liebe? Was macht der Beruf?", während man bei www.astrax.de jene Termine erfährt, an denen die Börsenkurse fallen. Achtung: bis zu minus fünf Prozent am 23. Dezember.

Dass Wahrsagerei heute so hoch im Kurs steht, erstaunt in einem Zeitalter, das sich so viel auf Rationalität und Wissenschaftlichkeit zugute hält. Noch dazu belegen Untersuchungen des Heidelberger Soziologen Edgar Wunder, der 700 solche Vorhersagen im Zeitraum 1991 bis 1998 gesammelt und auf ihre Relevanz getestet hat: Hellseherische Aussagen treffen so gut wie nie zu. Nur in kümmerlichen drei Prozent der Fälle gab es einen Treffer - und fast die Hälfte von diesen bezogen sich auf den Wahlsieg von Kanzler Helmut Kohl über Rudolf Scharping. Doch auch diese Erfolge sind zu relativieren: Fast ebenso häufig war Scharping als Sieger vorausgesehen worden.

Wenn Experten irren

Prognosen sind eben schwierig, besonders wenn sie nicht nur die allernächste Zukunft betreffen. Selbst anerkannte Experten irren sich, sogar wenn es um Perspektiven auf ihrem Fachgebiet geht. So stellte etwa Werner von Siemens 1878 fest: "Das Telefon wird für den Verkehr in Städten und zwischen benachbarten Ortschaften große Dienste leisten. Aber wie es auf ganz kurzen Entfernungen das Sprachrohr nie verdrängen wird, ebensowenig wird es je für größere Entfernungen den Telegraphen ersetzen können."

Aber auch die heute mit großem Aufwand erstellten Wirtschaftsprognosen müssen immer wieder - und zum Teil massiv - korrigiert werden. Typisches Beispiel die österreichischen Prognosen für 2001 und 2002: Erstere stellte noch im Februar 2001 einen Zuwachs von 2,4 Prozent in Aussicht. Der tatsächliche Wert betrug letzlich jedoch nur ein Prozent, weniger als die Hälfte des vorhergesagten Wachstums. Und die Prognose für heuer musste seit dem Februar des Vorjahres sogar von 2,7 auf derzeit 0,7 Prozent revidiert werden.

Woran liegt diese Irrtumsanfälligkeit von Vorhersagen? Einfach daran, dass die Zukunft grundsätzlich unvorhersehbar ist. Das hat mit dem begrenzten Wissen des Menschen und mit seiner Freiheit zu tun. Allerdings wurden die Grenzen des Wissens im Bereich der Naturwissenschaften enorm weit nach außen verschoben. So durchschaut man heute beispielsweise ein so komplexes Geschehen wie das Wetter ausreichend gut, um zuverlässige Tagesprognosen zu erstellen (Seite 17). In anderen Bereichen hingegen, etwa bei der Erdbebenforschung, reicht das Wissen nicht für zuverlässige Prognosen.

Schwachstelle Mensch

Das Verhalten technischer Systeme hingegen, deren Funktionieren wesentlich von Naturgesetzen bestimmt wird, lässt sich wiederum weitgehend mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit prognostizieren. Wie ein Auto, ein Computer, ein Flugzeug, ein Kraftwerk, eine Papiermaschine bei ordnungsgemäßer Bedienung und Wartung reagieren, ist vorhersehbar.

Dass dennoch Unerwartetes geschieht, ist vielfach darauf zurückzuführen, dass diese Systeme im Zusammenspiel mit Menschen funktionieren. Und deren Verhalten ist nicht nur fehleranfällig, sondern grundsätzlich unvorhersehbar, weil vom freien Willen bestimmt. Die bisherigen Unfälle in Atomkraftwerken waren im Wesentlichen auf diese Tatsache zurückzuführen.

Mit dem Problem, dass menschliches Verhalten nicht programmierbar ist, haben alle Prognosen, die soziale Systeme betreffen, zu kämpfen. Zwar kommt den Sozialwissenschaftlern da das Gesetz der großen Zahl zu Hilfe. Es lässt Aussagen über das durchschnittliche Verhalten von Menschen in bestimmten Bereichen zu und gibt Auskunft über die Wahrscheinlichkeit, dass Abweichungen von diesem Mittel auftreten. Dennoch sind diese Verfahren nur begrenzt zuverlässig, wie der Ausgang der jüngsten Nationalratswahlen und der Absturz der Börsenkurse seit der Jahrtausendwende nur allzu deutlich gezeigt haben.

Viele Fragezeichen

Das Prognostizieren von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vorgängen bleibt somit eher eine Kunst, als eine streng wissenschaftliche Disziplin, obwohl sich das Prognose-Instrumentarium insbesondere durch den Einsatz elektronischer Datenverarbeitung enorm verbessert hat.

Dabei ist gerade die moderne Gesellschaft sehr von halbwegs zuverlässigen Vorstellungen über zukünftige Gegebenheiten abhängig, gibt es doch immer weniger autonome Bereiche, in denen die Akteure weitgehend selbst bestimmen, was zu geschehen hat. Die bäuerliche und handwerklich geprägte Gesellschaft konnte auf Prognosen verzichten. Sie verhielt sich ihren eigenen Erwartungen entsprechend.

Zu rascher Wandel

Im Zeitalter der Globalisierung jedoch hängen die eigenen Handlungen und Entscheidungen wesentlich von erwarteten Konstellationen im weltweiten Umfeld ab. Man denke allein an die Investitionen, die im Bereich von Industrie und Wissenschaft getätigt werden, an die Mittel, die in die Verkehrs- oder der Energie-Infrastruktur fließen. Sie stützen sich auf Erwartungen über zukünftige Entwicklungen und Verhaltensweisen.

Gleichzeitig aber erzeugen diese Maßnahmen einen Wandel, der sich vielfältig auf diese Zukunft auswirkt und unerwartete Veränderungen hervorruft. Durch die wachsende Komplexität des Geschehens werden sogar Instabilitäten hervorgerufen. Je rascher der Wandel, umso schwieriger die Voraussage, umso schwieriger auch, rationale Entscheidungen zu treffen.

Dieser Umstand erschwert nicht nur eine rationale Wirtschaftspolitik, sondern verunsichert auch den Bürger.Und dann mag dessen Neigung wachsen, der Wissenschaft zu misstrauen, und seine Bereitschaft zunehmen, bei zweifelhaften, metawissenschaftlichen Angeboten Halt zu suchen.