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Ehre auf Albanisch

Der Kanon Dukagjin ist für sein Prinzip der Blutrache berühmt - enthält aber auch allerlei Bemerkenswertes über Ehre und Freundschaft. Eine Reise ins Innere Albaniens.

Dukagjin ist eine Region im Norden Albaniens, die zu besuchen mir allerseits ausdrücklich und entsetzt abgeraten wurde. Gilt dort doch angeblich noch der Kanon, ein mittelalterliches Gewohnheitsrecht, das, wie auch die Gegend, den Namen des legendenumrankten Fürsten Alexander Dukagjin (1410-1480) trägt - obwohl dieser es höchstwahrscheinlich nicht erfunden hat. Es handelt sich vielmehr um einen mündlich überlieferten Kodex, der erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufgezeichnet und von der Münchnerin Marie Amelie Freiin von Godin ins Deutsche übertragen wurde.

Der Kanon des Dukagjin regelt alle Agenden des sozialen Zusammenlebens, von der Ehe über die Kirche bis zur Jagd. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus geisterte freilich vor allem die im Kanon verankerte Blutrache - nach der Tötung mit Tötung geahndet wird - durch die Medienlandschaft Westeuropas, wo man sie mit Schauder, Faszination und einem gewissen Voyeurismus empfing. Dabei enthält der Kanon allerlei andere, höchst bemerkenswerte Kapitel, unter anderem über Ehre und Freundschaft. Jener, der böse, aufhetzende Worte aussät und verbreitet, bald für den, bald für jenen, den nennt der Kanon "schlechten Arbeiter". Niemand nimmt ihn in Arbeit, niemand in Lohn, heißt es zum Beispiel in einem "Das Wort des Mundes" betitelten Abschnitt in der Übersetzung der Freiin von Godin. Oder: Die Zunge ist aus Fleisch, aber sie mahlt allerhand! Das Wort aus meinem Munde geht in das Ohr des anderen ein, und der Dritte nutzt es zu jemandes Untergang - ich aber sitze und scherze.

Albanische "Alpen"

Wenn wir weiter wollen, müssen wir zu Fuß gehen, sagt mein Begleiter Lazër, ein befreundeter Schriftsteller und Assistent des albanischen Gesundheitsministers. An der Kreuzung zweier Schotterstraßen sind wir aus dem Geländewagen gestiegen, den er sich vom Minister geborgt hat; mitten in den Bergen des Dukagjin, unterwegs nach Pult, seinem Heimatdorf. Er nennt die Gegend "die Alpen". Vor uns befindet sich eine Bude, die wie ein Grenzposten wirkt, offensichtlich aber ein Kaffeehaus ist. Einige Männer kommen heraus, teilen uns mit, dass sie keine Straße haben, auf eine Straße warten, eine Asphaltstraße, bitten uns eindringlich, das denen in Tirana mitzuteilen, oder mindestens, darüber zu schreiben. Beim Reden schlagen sie meinem Begleiter auf den Rücken, als wollten sie Abdrücke hinterlassen. Mir geben sie die Hand. Hinter der Theke hängt ein Plakat mit der Aufschrift: Der Anbau halluzinogener Gewächse ist verboten.

Wir waten durch Laub und Kastanienschalen. Unter den Bäumen läuft ein Kind. Es strickt etwas, das aussieht wie ein grüner Pelz. Die Nadeln sind so lang, wie seine Arme. Aus einer aufgenähten Tasche am Pullunder drängt ein haariger Faden zwischen die Maschen. Es rennt in den Garten eines Hauses, in dem eine Frau mit dunklem Kopftuch, dunkler Weste, dunklem Rock steht. Mit scheuchenden Armbewegungen, als wären wir Hühner, treibt sie uns hinein. Sie heißt Maria und ist Witwe. Drinnen will ihre Schwiegertochter, eine junge fröhliche Frau mit frischem Gesicht, mir die Schuhe ausziehen, auch die Socken, bietet an, sie zu waschen, bis morgen wären sie bestimmt trocken.

Kinder wie Katzen

Ohne darüber gesprochen zu haben, ist es selbstverständlich, dass wir über Nacht bleiben. Unversehens trage ich bunte gestrickte Socken und ein Paar Pantöffelchen aus schwarzem Plastik. Dem müden Freunde wird aufgewartet mit Diensten und Ehrbezeugung. Dem Freunde werden die Füße gewaschen. So der Kanon. Wir müssen Platz nehmen auf einem von zwei einander gegenüber an den Längsseiten des Raumes aufgestellten geblümten Diwans vor einem offenen Kamin. Auf und unter einem der beiden Diwans sitzen zwei Kinder, ein Bub und ein Mädchen. Beide sind blond und reden nie ungefragt. Kinder sind hier wie bei uns Hunde oder Katzen. Sie sitzen geräuschlos in der Ecke und werden ab und zu gefüttert.

Ein kleiner runder Tisch wird vor uns hingestellt. Auf den Tisch kommt ein weißes Spitzendeckchen, darauf ein silbriges Tablett mit zwei Mokkatassen und kleinen Gläsern, deren Inhalt ich für Wasser halte. Es ist Schnaps. Kaum nippt man am Glas wird es aufs Neue bis an den Rand gefüllt. Es ist unmöglich das Glas leer zu trinken. Man sollte es gar nicht versuchen. Plötzlich stößt die jüngere Frau einen kleinen Schreckensruf aus und eilt ins Nebenzimmer. Zurück kommt sie mit einer Packung Zigaretten, aus der sie einige halb herauszieht, und legt die Schachtel mit Sorgfalt neben die Schnapsflasche auf den Tisch. Für den Herzensfreund braucht es Tabak, den Kaffee mit Zucker, Branntwein, Brot und Fleisch.

Die Männer des Hauses treffen ein, begrüßen uns, als hätten sie schon lange sehnsüchtig auf uns gewartet, hängen ihre Gewehre an die Garderobenhaken an der Wand, neben meine Regenjacke, zwischen zwei metergroße gehäkelte Kruzifixe aus rosa-gelben Ringen. Sie waren auf der Jagd nach Hasen und wilden Ziegen, haben aber nichts geschossen. Ging das ganze Dorf gemeinsam jagen, so werden sie die Beute teilen. Jagten 50 Leute und erlegten sie nur einen Hasen, so teilen sie ihn in 50 Stücke. Für diese Männer komme ich aus einem Land, das sie "draußen" nennen, jashtë. Ob es stimmt, dass es bei mir daheim viel schneit, ob es bei uns auch wilde Tiere gibt, fragt einer der beiden. Später erzählt man mir, dass er im Gefängnis war, aber nur für sechs Monate. Er hatte einen Fluchtversuch unternommen. Dann war der Kommunismus zu Ende. Als er freikam, blieb er im Land.

Das Essen kommt auf den Tisch. Zehn Teller mit je einer Speise: Karotten, Erdäpfel, sauer eingelegte Tomaten, gekochtes Huhn, gebratene Hasenstücke, grüner Salat, Nüsse, Maroni, Paprika, Zwiebel. Jeder bekommt eine Gabel und eine Serviette und isst von den Tellern, was er will. Für jeden Freund braucht es die Speise, an die er selbst gewöhnt ist. Während der Mahlzeit geht es sehr gesittet zu. Denn: Die Ehre wird dem Manne geraubt, indem man ihm vor dem Freund den Tisch schändet; wenn der Herr des Hauses die Pfanne auskratzt oder den Teller ausleckt. Nach dem Essen spielen die Männer Domino bis spät in die Nacht. Die Zwischenergebnisse schreiben sie in ein kariertes Schulheft.

Im Zimmer der Braut

Ich muss im Bett der Braut schlafen. Braut heißt eine Frau hier solange, bis sie Witwe wird oder die Mutter ihres Bräutigams stirbt. Sie sind zu dritt mit mir nach oben gekommen, ins Brautschlafzimmer, die ältere Frau, Maria, die jüngere Frau und das kleine Mädchen. Im Bett der Braut liegen rosa Nylonkissen. Unsicher stehen wir vier vor dem Doppelbett. Maria geht hinaus. Die Braut bleibt bei mir. Sie muss später auch hier schlafen, mit der Kleinen, es gibt kein anderes Zimmer.

Am nächsten Morgen regnet es. Als ich hinunterkomme, sitzen die Männer wieder oder noch immer beim Domino. Maria stellt mir Kaffee hin und Schnaps. Sobald ich vom Tisch aufstehe, steht sie auch auf, folgt mir hinaus, wo unter einem Vordach ein vom Hang kommendes Rinnsal mittels eines Trichters auf einer hölzernen Werkbank zum Waschtisch wird. "Magst du dir die Wangen waschen?", fragt sie, reicht mir ein Handtuch, das sie über dem Arm getragen hat, hält mir einen blauen Kamm hin und nickt aufmunternd. Später begleitet sie mich mit Stock und Regenschirm bewaffnet am bellenden und aus seiner Hütte herausschießenden Hund vorbei bis zu einem Holzverschlag, der das Klosett ist. Ihr Vater liegt in einem Kabinett. Der sechsundneunzigjährige Greis fuchtelt im Bett, als ich ins Zimmer trete. Ich verstehe ihn kaum, nähere mich ein bisschen und gebe ihm eine Hand, die er sofort küsst. "Was sagt er?", frage ich Maria. Und schlagartig hat mich diese fremde Frau schmatzend auf die Wange geküsst: "Er sagt, du sollst lange bleiben, mindestens einen Monat." Ich ziehe es ernstlich in Erwägung.

Die andere Seite

Gewiss, in Albanien tun sich nicht nur am Rand der unbefestigten Straßen überall Abgründe auf, und es liegt mir fern, hier etwas zu beschönigen. Schließlich war ich während meines Besuches im Dorf namens Pult nur Freund und nicht Frau. Und Freunde (im Albanischen wird für "Gast" und "Freund" dasselbe Wort verwendet) werden dem Kanon zufolge wie Männer behandelt, auch wenn sie Frauen sind.

Es gibt die andere Seite. Das Mädchen hat kein Recht, den eigenen Gefährten zu wählen, noch die Schuhe oder Kleider. Sie ist der Schlauch, in dem die Ware transportiert wird, d.h. sie ist dazu bestimmt, die Kinder eines fremden Mannes (d.h. eines nicht Blutsverwandten) zu tragen. Witwen wie Maria haben es allenfalls leichter: Die Witwe spricht selbst. Die Witwe schickt das Hochzeitsgeleit zurück. Die verwitwete Frau hat das Recht: a) selbst über die Hochzeit zu sprechen; b) zum Gatten zu wählen, wer ihr gefällt.

Das Vorangegangene soll dennoch keine Empfehlung sein, die albanischen Ehemänner möglichst rasch ums Eck zu bringen, sondern schlichtweg zwei Fingerbreit Ehre auf die Blume der Stirne Albaniens häufen. Der Gute stammt vom Bösen ab, der Böse vom Guten.

Die Autorin ist freie Schriftstellerin.

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