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Feuilleton

„Eigentlich kann ich nur leben, wenn ich schreibe“

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Vor 90 Jahren wurde Marlen Haushofer geboren, eine Schriftstellerin, die zu Lebzeiten nicht jene Anerkennung erhielt, die ihren Werken entsprochen hätte.

„Wenn ich allein im Haus bin, wird mir bewußt, daß das nicht mein Haus ist. (…) Früher hab’ ich mir manchmal eingebildet, ich hätte wenigstens ein Heim, aber seit Stella tot ist, hat sich der goldene Käfig in einen Kerker verwandelt.“ So wie Anna in der beeindruckenden Novelle „Wir töten Stella“ fühlen sich die meisten Frauen in Marlen Haushofers Werken. Sie sind eingesperrt in ihre privaten Zimmer und fühlen sich als Gäste in ihren eigenen „vier Wänden“, sie sind isoliert und zugleich abgeschieden von der Wirklichkeit des öffentlichen Lebens. Sie suchen sich verzweifelt in den familiären Ordnungen einzurichten in der Ambivalenz von Geborgenheit und Gefangenschaft zwischen „goldenem Käfig“ und „Kerker“.

Und selbst die Kindheit im oberösterreichischen Effartsbachtal in der Nähe von Frauenstein wird in Marlen Haushofers autobiografischen Kindheitsroman „Himmel, der nirgendwo endet“ als wachsende Entfremdung vom Haus der Kindheit erzählt. Schon das Eingangsszenario des Romans verweist darauf: „Das kleine Mädchen, von den Großen Meta genannt, sitzt auf dem Grund des alten Regenfasses und schaut in den Himmel.“

Marlen Haushofer, geboren am 11. April 1920, erzählt in ihrem Werk von der Fremdheit zwischen den Geschlechtern, vom Leben in Welten, die durch Abgründe getrennt sind. Mitleidlos entlarvt Marlen Haushofer weibliche und männliche Rollenstereotype, die bis heute das Geschlechterverhältnis dominieren. Die Frauen schauen und hören weg und werden dabei doch zu Mittäterinnen wie die Ich-Erzählerin der Novelle, die nichts unternimmt, als der Ehemann die neunzehnjährige Tochter ihrer Freundin zu seiner Geliebten macht und wenige Zeit später wieder fallen lässt. Eines Tages läuft Stella in einen Lastwagen und stirbt – es sieht aus wie ein Unfall, aber schon der Titel „Wir töten Stella“ verrät den wahren Sachverhalt: Es war Mord.

So kühl, klar und nüchtern wie wenige Schriftstellerinnen beschreibt Haushofer als Chronistin die Mentalitäten und Strukturen der 1950er und 1960er Jahre, die geprägt sind von starren Rollenmustern und von verdrängten Kriegserfahrungen einer ganzen Generation unter der scheinbar beruhigten Oberfläche der Wiederaufbaujahre. Schon die Titel ihrer Romane „Die Tapetentür“ und „Die Mansarde“ verweisen auf die Beschränkungen weiblicher Lebensräume.

Weibliche Robinsonade

In ihrer weiblichen Robinsonade „Die Wand“ berichtet eine namenlose Ich-Erzählerin von ihrem Überleben in einer Gebirgsregion. Über Nacht ist eine durchsichtige Wand entstanden, die als unüberwindbare Grenze die Protagonistin von der übrigen Welt trennt, in der jegliches Leben mit Ausnahme der Pflanzen erstarrt ist. Fernab von der Zivilisation sucht sie mit ihrem Jagdhund Luchs, einer Katze und einer trächtigen Kuh in und mit der Natur ihr Leben zu organisieren, bis eines Tages ein überlebender Mann auf der Alm das Kalb und ihren Hund tötet und darauf von ihr erschossen wird. Das Ende des verstörenden existenzialistischen Romans bleibt offen, der Bericht bricht ab, weil kein Blatt Papier mehr übriggeblieben ist.

„Ich schreibe nicht aus Freude am Schreiben; es hat sich eben so für mich ergeben, daß ich schreiben muß, wenn ich nicht den Verstand verlieren will“, heißt es in Marlen Haushofers Hauptwerk „Die Wand“. „Eigentlich kann ich nur leben, wenn ich schreibe u. da ich derzeit nicht schreibe, fühle ich mich versumpft und ekelhaft“, notiert Marlen Haushofer am 27. Jänner 1967 in ihrem Tagebuch, dem einzigen, das sie nicht vernichtet hat. Wie für ihre Heldinnen war auch für sie selbst das Schreiben lebensnotwendig.

Schreiben am Küchentisch

Nach einem abgebrochenen Germanistik- und Kunstgeschichtestudium wohnte sie seit 1947 mit ihrem Ehemann und den beiden Söhnen in Steyr. Sie hatte kein Zimmer für sich allein, ihre zahlreichen Erzählungen, fünf Romane und vier Kinderbücher schrieb sie am Küchentisch.

Ihr Leben als Zahnarztgattin, Mutter und Schriftstellerin erlebte sie als durch Abgründe getrennt, das änderte sich auch nicht in den Jahren ihrer heimlichen Scheidung von 1950 bis 1958. Völlig illusions- und hoffnungslos schreibt sie etwa 1952 in einem Brief an Hans Weigel: „Ich steh auf einem Platz, auf den ich nicht gehöre, lebe unter Menschen, die nichts von mir wissen u. die Hälfte meiner Kraft geht schon auf in der Anstrengung die es mich kostet unauffällig zu bleiben.“

Zu Lebzeiten wurde Marlen Haushofer nicht jene Anerkennung zuteil, die dem Rang ihres Werkes entspricht. Für ihren 1968 erschienenen Erzählband „Schreckliche Treue“ erhielt Marlen Haushofer zwar zum zweiten Mal den damals so bezeichneten Staatspreis für Literatur, der allerdings nicht mit dem Großen Österreichischen Staatspreis verwechselt werden darf, den im gleichen Jahr Ingeborg Bachmann bekam. Und während Ingeborg Bachmann seit den 1950er Jahren als „Diva assoluta“ gefeiert wird, muss die sechs Jahre ältere Marlen Haushofer bis heute zu Unrecht gegen das Etikett „Hausfrauenprosa“ verteidigt werden.

Auch die Verkaufszahlen ihrer Bücher waren bescheiden, am erfolgreichsten war ihr Kinderbuch „Brav sein ist schwer“. Selbst ihr Hauptwerk „Die Wand“ rief 1963 weder bei Kritik noch Publikum Begeisterung hervor. Erst zwanzig Jahre später gelang mit der Neuauflage des Romans 1983 die Entdeckung dieser großen Schriftstellerin. Heute ist „Die Wand“ Marlen Haushofers erfolgreichstes Buch, wurde in über ein Dutzend Sprachen übersetzt und wird gerade von Julian Pölsler mit Martina Gedeck in der Hauptrolle verfilmt.

Die Anstrengungen eines Lebens in mehreren durch Abgründe getrennten Welten zehrten an Marlen Haushofers Kräften, sie war häufig krank, im Herbst 1968 erfuhr sie von der Diagnose Knochenkrebs. Wenige Wochen vor ihrem Tod im März 1970 beendete Marlen Haushofer ihre letzte Tagebucheintragung, die als ihr literarisches Testament gelten kann, mit diesen Sätzen: „Mach Dir keine Sorgen – alles wird vergeblich gewesen sein – wie bei allen Menschen vor Dir. Eine völlig normale Geschichte.“

Wir töten Stella / Das fünfte Jahr

Novellen von Marlen Haushofer

List 2003. 109 S., kart., e 6,95

Die Wand

Roman von Marlen Haushofer

List 2005. 285 S., kart., e 9,20

Vor 90 Jahren wurde Marlen Haushofer geboren, eine Schriftstellerin, die zu Lebzeiten nicht jene Anerkennung erhielt, die ihren Werken entsprochen hätte.

„Wenn ich allein im Haus bin, wird mir bewußt, daß das nicht mein Haus ist. (…) Früher hab’ ich mir manchmal eingebildet, ich hätte wenigstens ein Heim, aber seit Stella tot ist, hat sich der goldene Käfig in einen Kerker verwandelt.“ So wie Anna in der beeindruckenden Novelle „Wir töten Stella“ fühlen sich die meisten Frauen in Marlen Haushofers Werken. Sie sind eingesperrt in ihre privaten Zimmer und fühlen sich als Gäste in ihren eigenen „vier Wänden“, sie sind isoliert und zugleich abgeschieden von der Wirklichkeit des öffentlichen Lebens. Sie suchen sich verzweifelt in den familiären Ordnungen einzurichten in der Ambivalenz von Geborgenheit und Gefangenschaft zwischen „goldenem Käfig“ und „Kerker“.

Und selbst die Kindheit im oberösterreichischen Effartsbachtal in der Nähe von Frauenstein wird in Marlen Haushofers autobiografischen Kindheitsroman „Himmel, der nirgendwo endet“ als wachsende Entfremdung vom Haus der Kindheit erzählt. Schon das Eingangsszenario des Romans verweist darauf: „Das kleine Mädchen, von den Großen Meta genannt, sitzt auf dem Grund des alten Regenfasses und schaut in den Himmel.“

Marlen Haushofer, geboren am 11. April 1920, erzählt in ihrem Werk von der Fremdheit zwischen den Geschlechtern, vom Leben in Welten, die durch Abgründe getrennt sind. Mitleidlos entlarvt Marlen Haushofer weibliche und männliche Rollenstereotype, die bis heute das Geschlechterverhältnis dominieren. Die Frauen schauen und hören weg und werden dabei doch zu Mittäterinnen wie die Ich-Erzählerin der Novelle, die nichts unternimmt, als der Ehemann die neunzehnjährige Tochter ihrer Freundin zu seiner Geliebten macht und wenige Zeit später wieder fallen lässt. Eines Tages läuft Stella in einen Lastwagen und stirbt – es sieht aus wie ein Unfall, aber schon der Titel „Wir töten Stella“ verrät den wahren Sachverhalt: Es war Mord.

So kühl, klar und nüchtern wie wenige Schriftstellerinnen beschreibt Haushofer als Chronistin die Mentalitäten und Strukturen der 1950er und 1960er Jahre, die geprägt sind von starren Rollenmustern und von verdrängten Kriegserfahrungen einer ganzen Generation unter der scheinbar beruhigten Oberfläche der Wiederaufbaujahre. Schon die Titel ihrer Romane „Die Tapetentür“ und „Die Mansarde“ verweisen auf die Beschränkungen weiblicher Lebensräume.

Weibliche Robinsonade

In ihrer weiblichen Robinsonade „Die Wand“ berichtet eine namenlose Ich-Erzählerin von ihrem Überleben in einer Gebirgsregion. Über Nacht ist eine durchsichtige Wand entstanden, die als unüberwindbare Grenze die Protagonistin von der übrigen Welt trennt, in der jegliches Leben mit Ausnahme der Pflanzen erstarrt ist. Fernab von der Zivilisation sucht sie mit ihrem Jagdhund Luchs, einer Katze und einer trächtigen Kuh in und mit der Natur ihr Leben zu organisieren, bis eines Tages ein überlebender Mann auf der Alm das Kalb und ihren Hund tötet und darauf von ihr erschossen wird. Das Ende des verstörenden existenzialistischen Romans bleibt offen, der Bericht bricht ab, weil kein Blatt Papier mehr übriggeblieben ist.

„Ich schreibe nicht aus Freude am Schreiben; es hat sich eben so für mich ergeben, daß ich schreiben muß, wenn ich nicht den Verstand verlieren will“, heißt es in Marlen Haushofers Hauptwerk „Die Wand“. „Eigentlich kann ich nur leben, wenn ich schreibe u. da ich derzeit nicht schreibe, fühle ich mich versumpft und ekelhaft“, notiert Marlen Haushofer am 27. Jänner 1967 in ihrem Tagebuch, dem einzigen, das sie nicht vernichtet hat. Wie für ihre Heldinnen war auch für sie selbst das Schreiben lebensnotwendig.

Schreiben am Küchentisch

Nach einem abgebrochenen Germanistik- und Kunstgeschichtestudium wohnte sie seit 1947 mit ihrem Ehemann und den beiden Söhnen in Steyr. Sie hatte kein Zimmer für sich allein, ihre zahlreichen Erzählungen, fünf Romane und vier Kinderbücher schrieb sie am Küchentisch.

Ihr Leben als Zahnarztgattin, Mutter und Schriftstellerin erlebte sie als durch Abgründe getrennt, das änderte sich auch nicht in den Jahren ihrer heimlichen Scheidung von 1950 bis 1958. Völlig illusions- und hoffnungslos schreibt sie etwa 1952 in einem Brief an Hans Weigel: „Ich steh auf einem Platz, auf den ich nicht gehöre, lebe unter Menschen, die nichts von mir wissen u. die Hälfte meiner Kraft geht schon auf in der Anstrengung die es mich kostet unauffällig zu bleiben.“

Zu Lebzeiten wurde Marlen Haushofer nicht jene Anerkennung zuteil, die dem Rang ihres Werkes entspricht. Für ihren 1968 erschienenen Erzählband „Schreckliche Treue“ erhielt Marlen Haushofer zwar zum zweiten Mal den damals so bezeichneten Staatspreis für Literatur, der allerdings nicht mit dem Großen Österreichischen Staatspreis verwechselt werden darf, den im gleichen Jahr Ingeborg Bachmann bekam. Und während Ingeborg Bachmann seit den 1950er Jahren als „Diva assoluta“ gefeiert wird, muss die sechs Jahre ältere Marlen Haushofer bis heute zu Unrecht gegen das Etikett „Hausfrauenprosa“ verteidigt werden.

Auch die Verkaufszahlen ihrer Bücher waren bescheiden, am erfolgreichsten war ihr Kinderbuch „Brav sein ist schwer“. Selbst ihr Hauptwerk „Die Wand“ rief 1963 weder bei Kritik noch Publikum Begeisterung hervor. Erst zwanzig Jahre später gelang mit der Neuauflage des Romans 1983 die Entdeckung dieser großen Schriftstellerin. Heute ist „Die Wand“ Marlen Haushofers erfolgreichstes Buch, wurde in über ein Dutzend Sprachen übersetzt und wird gerade von Julian Pölsler mit Martina Gedeck in der Hauptrolle verfilmt.

Die Anstrengungen eines Lebens in mehreren durch Abgründe getrennten Welten zehrten an Marlen Haushofers Kräften, sie war häufig krank, im Herbst 1968 erfuhr sie von der Diagnose Knochenkrebs. Wenige Wochen vor ihrem Tod im März 1970 beendete Marlen Haushofer ihre letzte Tagebucheintragung, die als ihr literarisches Testament gelten kann, mit diesen Sätzen: „Mach Dir keine Sorgen – alles wird vergeblich gewesen sein – wie bei allen Menschen vor Dir. Eine völlig normale Geschichte.“

Wir töten Stella / Das fünfte Jahr

Novellen von Marlen Haushofer

List 2003. 109 S., kart., e 6,95

Die Wand

Roman von Marlen Haushofer

List 2005. 285 S., kart., e 9,20