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Feuilleton

Ein Akt der Nächstenliebe

1945 1960 1980 2000 2020

Houchang Allahyari hat mit "Der letzte Tanz" einen Film über Altenpflege und das Tabuthema Sex im Alter gedreht. Kein Lehrstück. Keine berauschende, sondern eine zarte Liebesgeschichte.

1945 1960 1980 2000 2020

Houchang Allahyari hat mit "Der letzte Tanz" einen Film über Altenpflege und das Tabuthema Sex im Alter gedreht. Kein Lehrstück. Keine berauschende, sondern eine zarte Liebesgeschichte.

Als zu Hause bei Karl (Daniel Sträßer) die Polizei klingelt, da kann seine Mutter (Marion Mitterhammer) gar nicht glauben, dass ihr Sohn nun in Handschellen abgeführt werden soll. Doch Karl leistet keinen Widerstand; Leute wie er gehörten weggesperrt, zeigt sich der Polizist wütend. Leute wie er, das weiß Karl, haben ein Tabu gebrochen.

"Der letzte Tanz" brachte Regisseur Houchang Allahyari im März einen lang verdienten Preis. Die Diagonale kürte das Drama zum besten Spielfilm des Jahres, und Allahyari, der seit Jahrzehnten zumeist kleine, sehr intime Filme dreht, war die Rührung anzusehen. Gerade bei diesem Film -nicht seinem besten, aber vielleicht seinem wichtigsten -ist die Auszeichnung ein Stück weit auch für die mutige Themenwahl erfolgt.

"Der letzte Tanz" erzählt nämlich von dem Zivildiener Karl, der zwar mit seiner einstigen Schulliebe liiert ist, zugleich aber auf der Pflegestation, der er zugeteilt wurde, eine intensive Beziehung zu einer Alzheimerpatientin beginnt. Frau Eckert (Erni Mangold) ist eine störrische alte Frau, der Schrecken der Stationsschwestern und meist gar nicht kooperativ. Erst Karl findet einen Weg zu ihr, weil er der einzige ist, der sich für sie interessiert.

Das ist ein griffig zugespitzter Kritikpunkt am Pflegebetrieb im Allgemeinen: Allahyari illustriert damit, wie wenig Zeit im Alltag für die Patienten bleibt, und welche menschliche Vereinsamung damit einhergeht.

Diese sture Bettlägerige

Viele dieser alten Menschen haben kaum Angehörige, die sich um sie kümmern wollen, und ihre Hilfeschreie um mehr Aufmerksamkeit werden oft als Alterssturheit missdeutet. Dabei würde ein nettes Wort oft heilsamer wirken als die vielen bunten Pillen, die man ihnen tagtäglich verabreicht.

So wie Frau Eckert im Film, die sich partout als sture, bettlägerige Inkontinente gibt. Eine Protestaktion, ein Hilfeschrei, den der junge Karl erkennt. Er umgibt sich immer häufiger mit Frau Eckert, liest ihr Geschichten vor, lädt ihr Opern auf seinen MP3-Player, nimmt sie ernst. Den anderen Pflegern fällt das unangenehm auf, doch Frau Eckert blüht plötzlich auf wie ein frisch verliebtes junges Mädchen (kaum eine Frau strahlt mit 87 so eine Jugendlichkeit aus wie Erni Mangold). Aber Karl wird vor Gericht gestellt, weil er Sex mit einer entmündigten Alzheimer-Patientin hatte. Hiermit bricht er hartnäckig verwurzelte Tabus: Er soll ein Abhängigkeitsverhältnis zu einer Unmündigen ausgenutzt haben, und außerdem ist für viele sexuelle Aktivität jenseits der 80 schwer vorstellbar.

Houchang Allahyari gelingt es, all diese Tabus in seinen Film zu packen, ohne daraus ein Lehrstück zu formen: Vielmehr zweiteilt er seinen dramaturgischen Raum, indem er in der ersten Hälfte des Films ein in schwarzweiß gehaltenes Kriminalstück vorträgt, in dem Karls U-Haft und der Weg zum Prozess gezeigt wird. Allahyari selbst tritt als Gefängnis-Arzt und Psychiater auf, weil er diesen Beruf tatsächlich lange Zeit ausgeübt hat.

Erst in der zweiten Hälfte wird das Bild farbig; der Film wird zur zarten Liebesgeschichte, aber es ist keine berauschende, glückstrunkene Leidenschaft, die die Geschichte antreibt, sondern ein ehrliches Interesse am Mitmenschen, in der die Idee von unbedingter Solidarität steckt. Von dieser Seite gesehen, ist "Der letzte Tanz" - auch dank der wunderbaren Mangold -als Film wie als Erzählung ein wahrer Akt der Nächstenliebe.

Der letzte Tanz A 2014. Regie: Houchang Allahyari. Mit Erni Mangold, Daniel Sträßer, Viktor Gernot, Marion Mitterhammer. Filmladen. 90 Min.

Als zu Hause bei Karl (Daniel Sträßer) die Polizei klingelt, da kann seine Mutter (Marion Mitterhammer) gar nicht glauben, dass ihr Sohn nun in Handschellen abgeführt werden soll. Doch Karl leistet keinen Widerstand; Leute wie er gehörten weggesperrt, zeigt sich der Polizist wütend. Leute wie er, das weiß Karl, haben ein Tabu gebrochen.

"Der letzte Tanz" brachte Regisseur Houchang Allahyari im März einen lang verdienten Preis. Die Diagonale kürte das Drama zum besten Spielfilm des Jahres, und Allahyari, der seit Jahrzehnten zumeist kleine, sehr intime Filme dreht, war die Rührung anzusehen. Gerade bei diesem Film -nicht seinem besten, aber vielleicht seinem wichtigsten -ist die Auszeichnung ein Stück weit auch für die mutige Themenwahl erfolgt.

"Der letzte Tanz" erzählt nämlich von dem Zivildiener Karl, der zwar mit seiner einstigen Schulliebe liiert ist, zugleich aber auf der Pflegestation, der er zugeteilt wurde, eine intensive Beziehung zu einer Alzheimerpatientin beginnt. Frau Eckert (Erni Mangold) ist eine störrische alte Frau, der Schrecken der Stationsschwestern und meist gar nicht kooperativ. Erst Karl findet einen Weg zu ihr, weil er der einzige ist, der sich für sie interessiert.

Das ist ein griffig zugespitzter Kritikpunkt am Pflegebetrieb im Allgemeinen: Allahyari illustriert damit, wie wenig Zeit im Alltag für die Patienten bleibt, und welche menschliche Vereinsamung damit einhergeht.

Diese sture Bettlägerige

Viele dieser alten Menschen haben kaum Angehörige, die sich um sie kümmern wollen, und ihre Hilfeschreie um mehr Aufmerksamkeit werden oft als Alterssturheit missdeutet. Dabei würde ein nettes Wort oft heilsamer wirken als die vielen bunten Pillen, die man ihnen tagtäglich verabreicht.

So wie Frau Eckert im Film, die sich partout als sture, bettlägerige Inkontinente gibt. Eine Protestaktion, ein Hilfeschrei, den der junge Karl erkennt. Er umgibt sich immer häufiger mit Frau Eckert, liest ihr Geschichten vor, lädt ihr Opern auf seinen MP3-Player, nimmt sie ernst. Den anderen Pflegern fällt das unangenehm auf, doch Frau Eckert blüht plötzlich auf wie ein frisch verliebtes junges Mädchen (kaum eine Frau strahlt mit 87 so eine Jugendlichkeit aus wie Erni Mangold). Aber Karl wird vor Gericht gestellt, weil er Sex mit einer entmündigten Alzheimer-Patientin hatte. Hiermit bricht er hartnäckig verwurzelte Tabus: Er soll ein Abhängigkeitsverhältnis zu einer Unmündigen ausgenutzt haben, und außerdem ist für viele sexuelle Aktivität jenseits der 80 schwer vorstellbar.

Houchang Allahyari gelingt es, all diese Tabus in seinen Film zu packen, ohne daraus ein Lehrstück zu formen: Vielmehr zweiteilt er seinen dramaturgischen Raum, indem er in der ersten Hälfte des Films ein in schwarzweiß gehaltenes Kriminalstück vorträgt, in dem Karls U-Haft und der Weg zum Prozess gezeigt wird. Allahyari selbst tritt als Gefängnis-Arzt und Psychiater auf, weil er diesen Beruf tatsächlich lange Zeit ausgeübt hat.

Erst in der zweiten Hälfte wird das Bild farbig; der Film wird zur zarten Liebesgeschichte, aber es ist keine berauschende, glückstrunkene Leidenschaft, die die Geschichte antreibt, sondern ein ehrliches Interesse am Mitmenschen, in der die Idee von unbedingter Solidarität steckt. Von dieser Seite gesehen, ist "Der letzte Tanz" - auch dank der wunderbaren Mangold -als Film wie als Erzählung ein wahrer Akt der Nächstenliebe.

Der letzte Tanz A 2014. Regie: Houchang Allahyari. Mit Erni Mangold, Daniel Sträßer, Viktor Gernot, Marion Mitterhammer. Filmladen. 90 Min.