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Feuilleton

Ein Aussteiger, der sich engagiert

1945 1960 1980 2000 2020

Idyllenpotentiale halten selten, was sie versprechen: Das erzählt auch Brita Steinwendtner in ihrem jüngsten Roman "An diesem einen Punkt der Welt".

1945 1960 1980 2000 2020

Idyllenpotentiale halten selten, was sie versprechen: Das erzählt auch Brita Steinwendtner in ihrem jüngsten Roman "An diesem einen Punkt der Welt".

An diesem einen Punkt der Welt", an dem Brita Steinwendtner ihren Romanhelden mit tausend feinen Fäden vertäut, scheint vieles idyllenverdächtig. Die Landschaft des Alpenvorlandes mit mächtigen Bergen am Horizont und sanften Hügeln vor Ort, mit Mostbirnbäumen und mäandernden Bächen, die Wiesen und Weiden saftig grün machen, einem barocken Schloss, das über allem thront, und ein altes Gehöft, erbaut 1799, in dem der Aussteiger Tom seine "Freiraumidee" verwirklichen oder zumindest erproben will. Doch beide Idyllenpotentiale halten selten, was sie versprechen, und so ist es auch hier. Wer will, kann dieses Hier auch direkt im oberösterreichischen Schlierbach und Umgebung verorten, wo sich die aus Wels gebürtige Autorin wohl gut auskennt.

Landschaften dienen heute primär dem raumgreifenden Durchzugsverkehr und dank bedenkenlosen Flächenumwidmungen der Landung immer neuer Eigenheimsiedlungen, schließlich wollen viele zumindest ein Zweithaus in der Idylle, die dann freilich bald keine mehr ist. Und Aussteiger wie Tom leben immer in der schwierigen Balance zwischen problematischen Herkunftskontexten und finalem Versagerimage, das früher oder später die Oberhand gewinnt.

Ein Leben ohne Netz, mit vielen Ideen

Tom hat gegen die Erwartungen seines erfolgreichen Vaters, Zivilgeometer für Straßenbau, rebelliert, sein Studium - Germanistik, Geschichte und Philosophie natürlich - abgebrochen und sich für einige Zeit in einer christlichen Sekte engagiert. Bis er auch dort ausgestiegen ist und sich in das Haus am Lamanderbach zurückgezogen hat, das seiner Mutter gehört.

Untätig oder gar ein Taugenichts ist er freilich keineswegs, ganz im Gegenteil entwickelt er ein enormes Energiepotential im Kampf gegen Umweltsünden und politische Missstände aller Art, für kulturelle und politische Teilhabe der Bevölkerung vor Ort, deren Bedürfnisse und Befindlichkeiten in unserer metropolenfixierten Welt so leicht übersehen werden, sogar von ihnen selbst. Er ist ein talentierter Organisator, seine Begeisterungsfähigkeit ist ansteckend, seine Offenheit anregend und so bewegt er eigentlich im Lauf der Jahre bei allen Rückschlägen gar nicht wenig. Die Treffen in seinem stets für alle offenen Haus sind legendär und beeinflussen eine ganze heranwachsende Generation. Er gewinnt einen kleinen Kreis von engeren Freunden, und allmählich beginnt die allgemeine Gerüchteküche rund um diesen verspäteten 68er an Bösartigkeit zu verlieren. Irgendwann hat fast jede und jeder mit ihm positive Erfahrungen gemacht und sein Engagement schätzen gelernt. Dass er seine Initiativen zwar stets mit ungebrochenem Elan aber meist ehrenamtlich betreut, sorgt für fortwährende Geldsorgen und lässt die Waagschale trotzdem mit zunehmendem Alter erbarmungslos in Richtung Versager kippen.

Durch Elisa scheint sein Leben dann in geregeltere Bahnen zu kommen, sogar das Studium beginnt er wieder aufzunehmen, scheitert aber zuverlässig an den Blockaden im Kopf, die vor allem finale Abschlüsse und klare Entscheidungen betreffen, soweit es um sein eigenes Leben geht. Das trübt auch die Beziehung zu Elisa, die Risse bekommt wie das verfallende Haus, in dem die vielen Bücher langsam verschimmeln. Die Relativität des Charakterbilds ,Aussteiger' zeigt sich, als Elisa ihn betrügt. Tom reagiert so kleinherzig und konventionell wie Innstetten in Fontanes "Effi Briest", jagt sie davon und verweigert jedes Gespräch. Damit fällt freilich auch Tom selbst ins Bodenlose.

Eine Art Befreiungsschlag gelingt ihm mit einer Reise nach Toronto und einem dortigen Liebesabenteuer, aber ein Happy End wird nicht daraus. Ein Leben ohne Netz und mit vielen Ideen, aber auch mit viel Alkohol und Nikotin ist energieintensiv und kräfteraubend. Es sind Freunde und Bekannte, die sich nach seinem frühen Tod an ihn erinnern und die widersprüchlichen Seiten seiner Persönlichkeit ausleuchten. So kommen wir Tom nie ganz nahe, und mit dieser Darstellungsform, die Einwände und Gegendarstellungen zulässt, gelingt es Steinwendtner auch auf Erzählebene, jeden Idyllenverdacht zu vermeiden.

An diesem einem Punkt der Welt

Von Brita Steinwendtner, Haymon 2014.320 Seiten, gebunden, € 22,90

An diesem einen Punkt der Welt", an dem Brita Steinwendtner ihren Romanhelden mit tausend feinen Fäden vertäut, scheint vieles idyllenverdächtig. Die Landschaft des Alpenvorlandes mit mächtigen Bergen am Horizont und sanften Hügeln vor Ort, mit Mostbirnbäumen und mäandernden Bächen, die Wiesen und Weiden saftig grün machen, einem barocken Schloss, das über allem thront, und ein altes Gehöft, erbaut 1799, in dem der Aussteiger Tom seine "Freiraumidee" verwirklichen oder zumindest erproben will. Doch beide Idyllenpotentiale halten selten, was sie versprechen, und so ist es auch hier. Wer will, kann dieses Hier auch direkt im oberösterreichischen Schlierbach und Umgebung verorten, wo sich die aus Wels gebürtige Autorin wohl gut auskennt.

Landschaften dienen heute primär dem raumgreifenden Durchzugsverkehr und dank bedenkenlosen Flächenumwidmungen der Landung immer neuer Eigenheimsiedlungen, schließlich wollen viele zumindest ein Zweithaus in der Idylle, die dann freilich bald keine mehr ist. Und Aussteiger wie Tom leben immer in der schwierigen Balance zwischen problematischen Herkunftskontexten und finalem Versagerimage, das früher oder später die Oberhand gewinnt.

Ein Leben ohne Netz, mit vielen Ideen

Tom hat gegen die Erwartungen seines erfolgreichen Vaters, Zivilgeometer für Straßenbau, rebelliert, sein Studium - Germanistik, Geschichte und Philosophie natürlich - abgebrochen und sich für einige Zeit in einer christlichen Sekte engagiert. Bis er auch dort ausgestiegen ist und sich in das Haus am Lamanderbach zurückgezogen hat, das seiner Mutter gehört.

Untätig oder gar ein Taugenichts ist er freilich keineswegs, ganz im Gegenteil entwickelt er ein enormes Energiepotential im Kampf gegen Umweltsünden und politische Missstände aller Art, für kulturelle und politische Teilhabe der Bevölkerung vor Ort, deren Bedürfnisse und Befindlichkeiten in unserer metropolenfixierten Welt so leicht übersehen werden, sogar von ihnen selbst. Er ist ein talentierter Organisator, seine Begeisterungsfähigkeit ist ansteckend, seine Offenheit anregend und so bewegt er eigentlich im Lauf der Jahre bei allen Rückschlägen gar nicht wenig. Die Treffen in seinem stets für alle offenen Haus sind legendär und beeinflussen eine ganze heranwachsende Generation. Er gewinnt einen kleinen Kreis von engeren Freunden, und allmählich beginnt die allgemeine Gerüchteküche rund um diesen verspäteten 68er an Bösartigkeit zu verlieren. Irgendwann hat fast jede und jeder mit ihm positive Erfahrungen gemacht und sein Engagement schätzen gelernt. Dass er seine Initiativen zwar stets mit ungebrochenem Elan aber meist ehrenamtlich betreut, sorgt für fortwährende Geldsorgen und lässt die Waagschale trotzdem mit zunehmendem Alter erbarmungslos in Richtung Versager kippen.

Durch Elisa scheint sein Leben dann in geregeltere Bahnen zu kommen, sogar das Studium beginnt er wieder aufzunehmen, scheitert aber zuverlässig an den Blockaden im Kopf, die vor allem finale Abschlüsse und klare Entscheidungen betreffen, soweit es um sein eigenes Leben geht. Das trübt auch die Beziehung zu Elisa, die Risse bekommt wie das verfallende Haus, in dem die vielen Bücher langsam verschimmeln. Die Relativität des Charakterbilds ,Aussteiger' zeigt sich, als Elisa ihn betrügt. Tom reagiert so kleinherzig und konventionell wie Innstetten in Fontanes "Effi Briest", jagt sie davon und verweigert jedes Gespräch. Damit fällt freilich auch Tom selbst ins Bodenlose.

Eine Art Befreiungsschlag gelingt ihm mit einer Reise nach Toronto und einem dortigen Liebesabenteuer, aber ein Happy End wird nicht daraus. Ein Leben ohne Netz und mit vielen Ideen, aber auch mit viel Alkohol und Nikotin ist energieintensiv und kräfteraubend. Es sind Freunde und Bekannte, die sich nach seinem frühen Tod an ihn erinnern und die widersprüchlichen Seiten seiner Persönlichkeit ausleuchten. So kommen wir Tom nie ganz nahe, und mit dieser Darstellungsform, die Einwände und Gegendarstellungen zulässt, gelingt es Steinwendtner auch auf Erzählebene, jeden Idyllenverdacht zu vermeiden.

An diesem einem Punkt der Welt

Von Brita Steinwendtner, Haymon 2014.320 Seiten, gebunden, € 22,90