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Ein buntes Land von Individualisten

Wir sind Österreich! Dieser Titel dokumentiert einen hohen Anspruch. Das Land ist so bunt wie die Menschen, die hier leben. Wir sind vielfältige Talente und Erfolge, wir sind Stadt und Land, wir sind unterschiedlichste Lebensentwürfe.

Servus TV zeigt in "Wir sind Österreich“ zweimal wöchentlich behutsam gestaltete Porträts von Menschen, die eines verbindet: Leidenschaft für ihre Berufung. Dafür werden keine in die Kamera grinsenden B-Promis ausgewählt, sondern Handwerker, Wissenschaftler, Kulturschaffende und Sportler, die durch ihr Tun zu einem Bestandteil der Marke Österreich geworden sind. Veronika Hofer und Gerhard Pirner haben aus 27 TV-Porträts ein hochwertiges Buch gestaltet, das inspiriert und auf hohem Niveau unterhält.

Zu den Einzelnen. Der Musiker Wolfgang Muthspiel, der Schafwollexperte Josef Schett, die Puppenspielerin Gretl Aicher oder der Behindertensportler Thomas Geierspichler sind Österreicher wie sie verschiedener nicht sein könnten. Sie haben eine gemeinsame Basis ihres Erfolges: die Konzentration auf ihre Stärken, Unbeirrbarkeit, Neugier und Fleiß. Nicht beirren ließ sich auch Gregor Sieböck, als er sich von Bad Ischl auf den Weg nach Tokyo machte. In drei Jahren legte er fünfzehntausend Kilometer zu Fuß zurück. Dieses bis an die Grenzen Gehen war eine gelungene Strategie, um auf seine Botschaft aufmerksam zu machen, ein einfaches und bewusstes Leben im Einklang mit der Natur zu führen. Erst mit der Entscheidung, etwas Außergewöhnliches zu tun, brachte der "Weltenwanderer“ die Medien dazu, dass sie von ihm etwas wollten und nicht umgekehrt.

Die Luft als tragendes Element

Außergewöhnliches leistet auch Julia Schafranek. Seit dem überraschenden Tod ihres Vaters vor 20 Jahren leitet die dreifache Mutter und Ehefrau das Vienna English Theatre. Das bedeutet die Zusammenarbeit mit internationalen Stars und einen täglichen Balanceakt zwischen Familie, betriebswirtschaftlichen Rahmenbedingungen und künstlerischem Anspruch. Sie selbst ist dreisprachig aufgewachsen und diese Weltoffenheit ist es auch, die sie an die Jugend weitergeben will. Vom barocken Ambiente eines Wiener Innenstadttheaters bis zum Arbeitsplatz von Joseph Salvenmoser ist es ein weiter Weg.

Wenn er mit Sonnenbrille und weißem Hut im rot-weiß-roten Sofa auf einem Hügel in den Tiroler Bergen sitzt, dann ist er umgeben von jenem Element, das er wie kaum ein anderer beherrscht: Luft. Als Drachenflieger ist er vierfacher Europameister, zweifacher Weltmeister und Vizeweltmeister und hat unzählige Tiroler- und Staatsmeistertitel errungen. Seine zweite Leidenschaft gilt dem Glasblasen. In seinem Atelier formt er Gläser, Schalen und Kunstwerke, die von den teuersten Hotels gekauft werden.

Josef Starkbaum wird ebenfalls von der Luft getragen, aber viel langsamer. Der pensionierte Linienpilot ist dreifacher Heißluftballon-Höhenrekord-Halter und zweifacher Welt- und Europameister. Nach dem Krieg wanderte er nach Kanada aus um den Privatpilotenschein zu machen, kehrte aber wieder nach Österreich zurück und wurde AUA-Kapitän. Beim Ballonfahren kam ihm die langjährige Berufserfahrung zugute. Das legendäre Gordon-Bennett-Rennen beendete er nach einer Strecke von 1832 Kilometern. 60 Stunden hatte er dafür im Korb verbracht. Joschi Starkbaums nächste Ziele liegen aber in der Höhe. 15.000 Meter möchte er mit seinem Ballon schaffen. "Österreich ist ein kleines Land, da bleibt nur die Möglichkeit der Höhenrekorde“, resümiert er.

Persönliche Leidenschaften sind immer mit einem individuellen Wertesystem verbunden. Was für Joseph Salvenmoser und Joschi Starkbaum die Freiheit in der Luft bedeutet, ist für den Geigenbauer Marcel Richter die Arbeit an einer Stradivari oder einer Guarneri del Gesu. Der gebürtige Deutsche repariert Geigen, von denen eine so viel wert sein kann wie mehrere Einfamilienhäuser zusammen. Wien bildet für ihn den idealen Boden für seine Leidenschaft. "Wien ist eine Stadt, die Musik atmet. Für einen Geigenbauer ist das der Himmel auf Erden.“

Wohltuend an diesem Buch ist die Unaufgeregtheit, mit der die Menschen dargestellt werden. Kein falsches Pathos, keine Beweihräucherung, keine Selbstdarstellung.

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