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Ein Dichter in dürftiger Zeit

1945 1960 1980 2000 2020

Claus Peymann bringt bei seiner Rückkehr ans Wiener Burgtheater Peter Handkes neues Stück "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße" zur Uraufführung.

1945 1960 1980 2000 2020

Claus Peymann bringt bei seiner Rückkehr ans Wiener Burgtheater Peter Handkes neues Stück "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße" zur Uraufführung.

Die Erwartungen waren groß letzten Samstagabend, die Spannung unter den Premierenbesuchern (unter denen, mehr als sonst, als Theatergänger eher unbeleckte Prominente auszumachen waren) förmlich mit Händen greifbar, angesichts des schon fast historischen Zusammentreffens alter Recken. Schließlich sorgten sowohl Burgtheater-Alt-Intendant Claus Peymann wie auch Österreichs wohl berühmtester lebender Dichter Peter Handke hierzulande schon für so manche Erregung, seit sie vor über einem halben Jahrhundert mit der legendären "Publikumsbeschimpfung" ihre Zusammenarbeit begonnen hatten.

Um es gleich vorwegzunehmen, ein Skandal, den ernstlich niemand erwartet hatte, das große Interesse war wahrscheinlich eher einer Art Nostalgie geschuldet, blieb aus. Stattdessen wähnte man sich angesichts der elften Uraufführung eines Handke-Stückes durch Peymann zurück in den 1990er-Jahren, was so manch einen auch glücklich gemacht hat, will man den jubelnden Schlussapplaus als Gradmesser dafür nehmen.

Denn das "Schauspiel aus vier Jahreszeiten", wie "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße" im Untertitel heißt, hält einerseits, was man sich vom späten Handke erwarten darf, eine poetisch verdunkelte Gegenwarts- und Gesellschaftskritik. Andererseits übersetzt es Peymann effektvoll und schön anzuschauen auf die Bühne. Was nun freilich nicht heißt, dass er dem Stück gerecht werden würde. Aber was heißt das schon! Denn über die Theatertauglichkeit von Handkes Vorlage, die zu einem geschätzten Fünftel aus kursiv gesetzten Beschreibungen besteht, kann gestritten werden. Dem Schauspiel mangelt es nämlich an Handlung, es benennt keinen eigentlich dramatischen Konflikt. Auch worum es geht, ist so leicht nicht zu bestimmen.

Das Traum-Land der Poesie

Am Anfang steht in seinen viel zu weiten Hosen, fern an Chaplins Tramp erinnernd, der wunderbare Christopher Nell (Gast des koproduzierenden Berliner Ensembles) auf der Bühne vor einem grau-bläulichen Vorhang, auf dem ein Schattenwurf in Form eines aufgeschlagenen Buches zu erkennen ist und sinniert über das Träumen nach: "Träumen lassen. Hellträumen. Umfassend träumen. Verbindlich! Freiträumen. Wen? Mich? Uns?" Dann schiebt er den Vorhang zur Seite und lässt, begleitet von einem schönen Beleuchtungseffekt, auf der leicht nach hinten ansteigenden Bühne von Karl-Ernst Herrmann die geschwungene Straße erscheinen, an deren Rand wenig später mit einem lauten Krachen die Oberfläche des Bodens durchbrechend ein verwitterter Unterstand einer aufgelassenen Busstation aufsteigt. Hier an diesem Un-Ort, es ist das Traum-Land der Poesie, haust dieses Ich - man muss vermuten, der Dichter selbst -, das, wenn es nicht gerade mit seiner Gespaltenheit in "Ich-Erzähler" und "Ich, der Dramatische" hadert, sich in melancholischer Weltvergessenheit übt. Wenn er nicht gerade seine Einsamkeit und Ortlosigkeit als Dichter beklagt, ja von Unwertgefühlen geplagt, die Daseinsberechtigung durch die moderne Gesellschaft anzweifelt oder die Nichtidentität mit der Natur und dem Göttlichen entfremdeten Welt betrauert, gibt er sich dem Sehnen nach der Unbekannten hin, jener Traumfrau, die seine Gefühle, jene Muse die seine versponnenen Gedanken verstehen möge. Unterbrochen wird der an die Romantik erinnernde Furor vom überwiegend stummen Chor der so gar nicht harmlosen "Unschuldigen". Denn diese "Arschlöcher", die "ahnungslose Armee des Systems", die "reden und reden, ohne je zu sehen, wovon sie reden" bedrohen dieses Dichterreich, das Handke allein noch als Reich (s)einer Freiheit versteht.

Der Widerstand bleibt ein Traum-Spiel

So gerne man Handkes poetischer Opposition gegen das Bestehende folgen wollte, dieser Widerstand bleibt ein weltfernes Traum-Spiel. Peymann macht das vielleicht dort am deutlichsten, wo er Christopher Nell in der Rolle des gespaltenen Dichters den notwendigen Ernst, die gebotene Tiefe jeweils versagt. So kommt die eigentlich existentielle Dimension des Textes kaum in den Blick, bleibt dieser Theaterabend Kunstgewerbe auf allerhöchstem Niveau, bleibt mit aller Sympathie für Handkes utopischem Grundzug als Fazit eine bittere Melancholie. Mit Schillers Zeilen, wo es heißt "Was unsterblich im Gesang soll leben, / Muss im Leben untergehn."

Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße

Burgtheater, 6., 19., 20. März

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