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Ein "Eiserner Vorhang" für das Heilige Land

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Ein neuer israelischer Checkpoint droht in Zukunft Jerusalem von Bethlehem, und damit von der gesamten südlichen West Bank abzutrennen.

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Ein neuer israelischer Checkpoint droht in Zukunft Jerusalem von Bethlehem, und damit von der gesamten südlichen West Bank abzutrennen.

Jerusalem ist das religiöse Zentrum der drei monotheistischenWeltreligionen und wird daher eine der großen Pilgerstätten des Jahres 2000 sein. Aber auch in politischer Hinsicht wird das kommende Jahr für die Stadt, sowie für den gesamten Nahen Osten, von großer Bedeutung sein, soll doch den Äußerungen des israelischen Premiers Barak zufolge bis zum Ende des nächsten Jahres eine endgültige Einigung mit den Palästinensern im Friedensprozeß erzielt werden.

Bethlehem, mit seiner Geburtskirche ein weiterer Anziehungspunkt für das Jahr 2000, liegt nur etwa elf Kilometer südlich von Jerusalem. Die Stadt ist, ebenso wie Ostjerusalem, Teil der 1967 von Israel besetzten West Bank. Heute wird Bethlehem von der Palästinensischen Autonomiebehörde PA verwaltet.

Die Fahrt von Bethlehem nach Jerusalem in den palästinensischen Bussen dauert zirka eine halbe Stunde. Abgefahren wird, sobald die Busse voll sind. Bei den Fahrgästen handelt es sich um Palästinenser aus Ostjerusalem und der West Bank, manchmal gesellen sich ein paar Individualtouristen dazu. An der Trennlinie zwischen der West Bank und Jerusalem zwingt der israelische Checkpoint zum Halt.

Die Checkpoints wurden 1993 rund um die West Bank errichtet, um die physische Trennung von Israelis und Palästinensern einzuleiten. Zwei Soldaten betreten hier den Bus und kontrollieren die Ausweise der Fahrgäste. Palästinenser mit Jerusalemer Papieren können sich frei bewegen, Bewohner der West Bank hingegen brauchen eine spezielle Genehmigung, um nach Israel oder Ostjerusalem zu gelangen. Wer bis zum Checkpoint im Bus sitzen bleibt, kann meist die entsprechenden Papiere vorweisen. Wer keine Genehmigung besitzt, ist in der Regel bereits vor dem Kontrollpunkt ausgestiegen, um diesen auf der rechten Seite durch ein Loch im - mehr symbolischen - Zaun beziehungsweise auf der linken Seite über die Mauer eines Privatgrundstücks hinweg zu überwinden.

Minuten später wartet der Bus auf der anderen Seite des Checkpoints, die Querfeldeinwanderer steigen flink wieder zu, und die Fahrt wird fortgesetzt. Aufgrund der Durchlässigkeit dieses Übergangs konnten über die letzten sechs Jahre hinweg die engen Bindungen zwischen Ostjerusalem und der südlichen West Bank bis zu einem gewissen Grad aufrechterhalten werden. Dies soll sich jedoch bald radikal ändern. Wie ein palästinensischer Mitarbeiter des israelisch-palästinensischen Verbindungsbüros in Bethlehem kürzlich enthüllte, soll dieser Checkpoint in den nächsten zwei Monaten umgebaut werden.

Bethlehem abtrennen Seit einigen Wochen sind die, bis vor kurzem wenig beachteten Bauarbeiten bereits im Gange. Das Ziel dabei ist die Abtrennung Bethlehems, und damit der gesamten südlichen West Bank, von Jerusalem. Der Eiserne Vorhang läßt grüßen. Den vorgelegten Plänen zufolge soll bei den Umbaumaßnahmen am Checkpoint der völlig undurchlässige Eretz Übergang als Vorbild dienen, dieser trennt seit Jahren Israel vom Gaza Streifen ab. Mit den Umbauarbeiten soll auch die Schließung der bisherigen Straßenverbindung zwischen Jerusalem und Bethlehem für den palästinensischen Verkehr einhergehen. Lediglich ein etwa 600 Meter langer, vergitterter Gang soll künftig jene Palästinenser mit entsprechenden Genehmigungen wie Schlachtvieh durch die Absperrungen schleusen. Der zirka 360 km2 große Gaza Streifen wird bereits heute von einem elektrischen Zaun und Wachtürmen umgeben, ähnliches soll in einem etwas späteren Ausbaustadium im Raum Bethlehem folgen. Die Pläne sehen hier eine gut befestigte Ummauerung, bzw. Umzäunung gegenüber Jerusalem vor.

Die Busfahrt von Bethlehem nach Jerusalem ist nach Fertigstellung der Arbeiten am Checkpoint für Palästinenser nicht mehr möglich. Nur noch diejenigen Palästinenser, die im Besitz der raren Genehmigungen sind - meist tageszeitlich befristete Arbeitsgenehmigungen für Israel - könnten fortan nach einer langwierigen Prozedur Jerusalem erreichen. Das Gebet in der für Moslems heiligen Al-Aqsa Moschee, Besuche bei nächsten Verwandten und Einkaufsbummel in Ostjerusalem werden dann vollends der Vergangenheit angehören.

Abschied von Jerusalem? Wie der Mitarbeiter des Verbindungsbüros ebenfalls angab, sei die Entscheidung zum Umbau des Checkpoints mit Wissen und Zustimmung der Palästinensischen Autonomiebehörde PA getroffen worden.

Hauptstadt gesucht Der entscheidende Punkt dabei ist, daß Arafat und seine PA durch die Zustimmung zu diesen israelischen Maßnahmen entgegen aller Rhetorik den Anspruch auf Jerusalem de facto bereits vor Beginn der Verhandlungen über den endgültigen Status aufgeben. Gibt es schon seit längerem ernst zunehmende Anzeichen dafür, daß sich Arafat mit einem östlichen Vorort von Jerusalem als Hauptstadt zufriedengeben würde, so erreicht dieser Schritt eine völlig neue Qualität. Die PA stimmt damit erstmals der Abtrennung des palästinensischen Ostjerusalems von der West Bank zu. Proteste werden laut. Von israelischer Seite wird die Umbaumaßnahme zwar bestätigt, jedoch als bloße Entlastungsmaßnahme für die Straße zwischen Jerusalem und Bethlehem dargestellt, um dem für das Jahr 2000 erwartetenTourismusansturm gerecht zu werden.

Woher die plötzliche Sorge der israelischen Verantwortlichen um Bethlehems Tourismus rührt, ist dabei allerdings nur schwer nachvollziehbar, wird doch von israelischen Stellen Touristen in der Regel von Reisen in die palästinensischen Selbstverwaltungsgebiete abgeraten. Lokale palästinensische Gruppen haben bereits ihren Widerstand gegen die Pläne Israels und die Zustimmung durch die PA angekündigt. "Die Errichtung der neuen Anlagen hat politische Bedeutung und dafür bin ichbereit auf alle Annehmlichkeiten und Vorteile zu verzichten, die sie unsbringen würden," lautet die Reaktion von Hanna Nasser, dem Bürgermeister von Bethlehem, auf die israelischen Beteuerungen.

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