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Feuilleton

"Ein Film mit Identität"

1945 1960 1980 2000 2020

"A Bigger Splash" ist eine Neuverfilmung des Romy-Schneider-Klassikers "Der Swimmingpool". Doch diesmal springt der Funke nicht über. | Das Gespräch führte Matthias Greuling

1945 1960 1980 2000 2020

"A Bigger Splash" ist eine Neuverfilmung des Romy-Schneider-Klassikers "Der Swimmingpool". Doch diesmal springt der Funke nicht über. | Das Gespräch führte Matthias Greuling

Ein heißer Sommer, ein Liebespaar, und dann taucht ihr Ex mitsamt erwachsener Tochter auf. Die Geschichte der Vierecks-Sommerbeziehung, die "Der Swimmingpool" 1969 erzählte, gab den Boulevardmedien Stoff genug: Romy Schneider und Alain Delon würden sich - nach Jahren der Trennung - vor der Kamera heiß lieben. Der Erfolg des Films war also schon vor dem ersten Drehtag garantiert. Anders ist das beim Remake von Luca Guadagnino, das keines sein will. Von Südfrankreich auf die italienische Insel Pantelleria verlegt, die derzeit auch als Auffanglager Tausender Flüchtlinge dient, bekommt der neue Beziehungsreigen einen Konnex zur Migrationsproblematik: Regisseur Luca Guadagnino und sein Darsteller Matthias Schoenaerts, der in der einstigen Rolle Alain Delons zu sehen ist, sprachen mit der FURCHE über den Film.

Die Furche: Herr Guadagnino, inwieweit war der Film "Der Swimmingpool" für Sie als Vorlage relevant?

Luca Guadagnino: Dieser Vergleich ist für mich eine sehr sensible Frage. Natürlich, das ist der Ursprung dieser Geschichte. Ich sah ihn mit 15, danach nie wieder. Es liegt also eine Distanz zwischen mir und diesem Film, zeitlich wie auch inhaltlich. Ich bin ein Cinephiler, habe viele Jahre als Filmkritiker und Autor gearbeitet. Meine Idee vom Kino war gespeist vom Geist der Nouvelle Vague, wo man jede Regel auf den Kopf gestellt hat und sich im Klaren war, dass jedes Bild eine politische Bedeutung hatte. Das Kino war gewichtig geworden. Und dann gab es da diesen Jacques-Deray-Film, der in der Absicht gemacht wurde, das größte Glamour-Paar der damaligen Zeit, das in allen Klatschblättern daheim war, auszuschlachten: Delon/Schneider. Deray war noch dazu ein Regisseur, der immer lieber dem Entertainment zugearbeitet hat. Ich sagte mir also: Wie würde man dieses sehr grundsätzliche Konzept von vier Menschen, die ihre emotionalen Turbulenzen aufeinander schleudern, unter dem Aspekt all dieser künstlerischen Revolutionen der 1960er-Jahre verfilmen? Eine zeitgenössische Umsetzung des Deray-Films, die sich aber von der anderen Seite nähert.

Die Furche: Herr Schoenaerts, Sie spielen die Rolle, die Alain Delon damals gespielt hat. Ein Vorbild? Eine Bürde?

Matthias Schoenaerts: Delon ist natürlich die Ikone einer gewissen Ära, ich würde mir niemals gestatten, mich mit ihm zu vergleichen. Ich glaube auch, dass das Kino heute nicht mehr das ist, was es damals, zu seiner Zeit, war. Ich habe den Film "Der Swimmingpool" auch bewusst nicht angeschaut, weil wir ja kein Remake im klassischen Sinn vorhatten. Ich hätte mir sonst Entscheidungen von Delon abnehmen lassen, wie ich die Figur anlege. Das entscheide ich lieber selbst.

Die Furche: Was meinen Sie damit: Das Kino ist nicht mehr das, was es war?

Schoenaerts: Das Kino der 1960er-Jahre hatte eine höhere Dringlichkeit als zeitgenössische Filme. Es war damals noch nicht diese große Industrie und Gelddruckmaschine. Heute gibt es keine Produzenten mehr, sondern Investoren, die ihr Geld unter der Prämisse hergeben, einen "Return on Investment" einzufahren. So denken diese Leute. Sie wollen Gewinn, der Rest ist ihnen ziemlich egal. Das funktioniert bei Blockbuster- und Spektakelfilmen sehr gut, aber es ist sehr bedauerlich, dass heute eine ganze Kunstform in ihrer Entfaltung unter dieser Herangehensweise zu leiden hat. Positiv daran ist aber, dass man nun sieht, dass die Innovation aus unerwarteten Richtungen kommt: Die interessantesten neuen Filme kommen heute aus Afrika, Asien, von Regisseuren, von denen man noch nie gehört hat, die eben diese Dringlichkeit von früher wieder zu entwickeln scheinen, die sich unbedingt mitteilen müssen und daher ohne ausgelutschte Dramaturgie-Konzepte loslegen. Man kann den emotionalen Antrieb dieser Filmemacher regelrecht spüren.

Die Furche: Grob gesagt könnte man urteilen, der Film drehe sich um vier selbstverliebte Egoisten. Stimmen Sie zu?

Guadagnino: Sie haben nicht unrecht. In dem Film geht es um das Gefühl, etwas erlebt zu haben, von dem man weiß, dass es nie mehr wiederkehren wird. Um eine Selbstversunkenheit der Figuren, die allesamt nur sich selbst sehen. Diese private Verstrickung in Emotionen musste für mich an einem sehr realen Ort zusammenkommen. Deshalb haben wir auch Pantelleria als Drehort gewählt, weil man dort der Flüchtlingskrise einfach nicht entkommt. Sie ist dort an allen Ecken und Enden präsent, das ist richtig brutal. Zudem war mir wichtig, mit dem Klischee des paradiesischen Swimmingpools aufzuräumen, und zwar dahingehend, als dass man dieses Bild im 20. Jahrhundert allzu oft als Verblendung eingesetzt hat. Es geht mir um das Zeigen von Realität, die eine sehr dünne obere Schicht hat, ehe man darunter blickt auf die Wahrheit.

DiE FurChE: Finden Sie es gut, wenn Filme auch politische Standpunkte vertreten?

Schoenaerts: Ich liebe das Kino und Künstler, die einen Standpunkt vertreten. Das hat nichts mit Ego zu tun, sondern mit Identität. "A Bigger Splash" ist so ein Film mit Identität.

KRITIK "A BIGGER SPLASh"

Unstimmiges Eifersuchtsdrama

Ein Remake des Kultfilms "Der Swimmingpool"(1969) mit Romy Schneider und Alain Delon ist "A Bigger Splash" nicht. Dazu fehlt dem Film die charismatisch-leidenschaftliche, stets im Raum schwebende Ex-Liaison der Hauptdarsteller Schneider/Delon, die den Film damals zusätzlich erotisierend auflud. Doch die Geschichte ist grob gesagt die gleiche: Rocksängerin Marianne (Tilda Swinton) und ihr Partner, Filmemacher Paul (Matthias Schoenaerts), wollen einen ruhigen Sommer auf der Insel Pantelleria verbringen. Doch als Mariannes früherer Liebhaber, Plattenmanager Harry (Ralph Fiennes), mit Tochter Penelope (Dakota Johnson) auftaucht, steht Ungemach ins Haus. Als erotischer Thriller funktioniert der Film ebenso wenig wie als Beziehungsdrama: Die Figuren sind überheblich exzentrisch (Marianne/Harry) oder langweilig-blass (Paul/Penelope). Und der Regisseur gebraucht am Ende gar noch Flüchtlinge als Sündenböcke.

A Bigger Splash

F/I 2015. Regie: Luca Guadagnino. Mit Tilda Swinton, Ralph Fiennes, Dakota Johnson. Constantin. 125 Min.

Ein heißer Sommer, ein Liebespaar, und dann taucht ihr Ex mitsamt erwachsener Tochter auf. Die Geschichte der Vierecks-Sommerbeziehung, die "Der Swimmingpool" 1969 erzählte, gab den Boulevardmedien Stoff genug: Romy Schneider und Alain Delon würden sich - nach Jahren der Trennung - vor der Kamera heiß lieben. Der Erfolg des Films war also schon vor dem ersten Drehtag garantiert. Anders ist das beim Remake von Luca Guadagnino, das keines sein will. Von Südfrankreich auf die italienische Insel Pantelleria verlegt, die derzeit auch als Auffanglager Tausender Flüchtlinge dient, bekommt der neue Beziehungsreigen einen Konnex zur Migrationsproblematik: Regisseur Luca Guadagnino und sein Darsteller Matthias Schoenaerts, der in der einstigen Rolle Alain Delons zu sehen ist, sprachen mit der FURCHE über den Film.

Die Furche: Herr Guadagnino, inwieweit war der Film "Der Swimmingpool" für Sie als Vorlage relevant?

Luca Guadagnino: Dieser Vergleich ist für mich eine sehr sensible Frage. Natürlich, das ist der Ursprung dieser Geschichte. Ich sah ihn mit 15, danach nie wieder. Es liegt also eine Distanz zwischen mir und diesem Film, zeitlich wie auch inhaltlich. Ich bin ein Cinephiler, habe viele Jahre als Filmkritiker und Autor gearbeitet. Meine Idee vom Kino war gespeist vom Geist der Nouvelle Vague, wo man jede Regel auf den Kopf gestellt hat und sich im Klaren war, dass jedes Bild eine politische Bedeutung hatte. Das Kino war gewichtig geworden. Und dann gab es da diesen Jacques-Deray-Film, der in der Absicht gemacht wurde, das größte Glamour-Paar der damaligen Zeit, das in allen Klatschblättern daheim war, auszuschlachten: Delon/Schneider. Deray war noch dazu ein Regisseur, der immer lieber dem Entertainment zugearbeitet hat. Ich sagte mir also: Wie würde man dieses sehr grundsätzliche Konzept von vier Menschen, die ihre emotionalen Turbulenzen aufeinander schleudern, unter dem Aspekt all dieser künstlerischen Revolutionen der 1960er-Jahre verfilmen? Eine zeitgenössische Umsetzung des Deray-Films, die sich aber von der anderen Seite nähert.

Die Furche: Herr Schoenaerts, Sie spielen die Rolle, die Alain Delon damals gespielt hat. Ein Vorbild? Eine Bürde?

Matthias Schoenaerts: Delon ist natürlich die Ikone einer gewissen Ära, ich würde mir niemals gestatten, mich mit ihm zu vergleichen. Ich glaube auch, dass das Kino heute nicht mehr das ist, was es damals, zu seiner Zeit, war. Ich habe den Film "Der Swimmingpool" auch bewusst nicht angeschaut, weil wir ja kein Remake im klassischen Sinn vorhatten. Ich hätte mir sonst Entscheidungen von Delon abnehmen lassen, wie ich die Figur anlege. Das entscheide ich lieber selbst.

Die Furche: Was meinen Sie damit: Das Kino ist nicht mehr das, was es war?

Schoenaerts: Das Kino der 1960er-Jahre hatte eine höhere Dringlichkeit als zeitgenössische Filme. Es war damals noch nicht diese große Industrie und Gelddruckmaschine. Heute gibt es keine Produzenten mehr, sondern Investoren, die ihr Geld unter der Prämisse hergeben, einen "Return on Investment" einzufahren. So denken diese Leute. Sie wollen Gewinn, der Rest ist ihnen ziemlich egal. Das funktioniert bei Blockbuster- und Spektakelfilmen sehr gut, aber es ist sehr bedauerlich, dass heute eine ganze Kunstform in ihrer Entfaltung unter dieser Herangehensweise zu leiden hat. Positiv daran ist aber, dass man nun sieht, dass die Innovation aus unerwarteten Richtungen kommt: Die interessantesten neuen Filme kommen heute aus Afrika, Asien, von Regisseuren, von denen man noch nie gehört hat, die eben diese Dringlichkeit von früher wieder zu entwickeln scheinen, die sich unbedingt mitteilen müssen und daher ohne ausgelutschte Dramaturgie-Konzepte loslegen. Man kann den emotionalen Antrieb dieser Filmemacher regelrecht spüren.

Die Furche: Grob gesagt könnte man urteilen, der Film drehe sich um vier selbstverliebte Egoisten. Stimmen Sie zu?

Guadagnino: Sie haben nicht unrecht. In dem Film geht es um das Gefühl, etwas erlebt zu haben, von dem man weiß, dass es nie mehr wiederkehren wird. Um eine Selbstversunkenheit der Figuren, die allesamt nur sich selbst sehen. Diese private Verstrickung in Emotionen musste für mich an einem sehr realen Ort zusammenkommen. Deshalb haben wir auch Pantelleria als Drehort gewählt, weil man dort der Flüchtlingskrise einfach nicht entkommt. Sie ist dort an allen Ecken und Enden präsent, das ist richtig brutal. Zudem war mir wichtig, mit dem Klischee des paradiesischen Swimmingpools aufzuräumen, und zwar dahingehend, als dass man dieses Bild im 20. Jahrhundert allzu oft als Verblendung eingesetzt hat. Es geht mir um das Zeigen von Realität, die eine sehr dünne obere Schicht hat, ehe man darunter blickt auf die Wahrheit.

DiE FurChE: Finden Sie es gut, wenn Filme auch politische Standpunkte vertreten?

Schoenaerts: Ich liebe das Kino und Künstler, die einen Standpunkt vertreten. Das hat nichts mit Ego zu tun, sondern mit Identität. "A Bigger Splash" ist so ein Film mit Identität.

KRITIK "A BIGGER SPLASh"

Unstimmiges Eifersuchtsdrama

Ein Remake des Kultfilms "Der Swimmingpool"(1969) mit Romy Schneider und Alain Delon ist "A Bigger Splash" nicht. Dazu fehlt dem Film die charismatisch-leidenschaftliche, stets im Raum schwebende Ex-Liaison der Hauptdarsteller Schneider/Delon, die den Film damals zusätzlich erotisierend auflud. Doch die Geschichte ist grob gesagt die gleiche: Rocksängerin Marianne (Tilda Swinton) und ihr Partner, Filmemacher Paul (Matthias Schoenaerts), wollen einen ruhigen Sommer auf der Insel Pantelleria verbringen. Doch als Mariannes früherer Liebhaber, Plattenmanager Harry (Ralph Fiennes), mit Tochter Penelope (Dakota Johnson) auftaucht, steht Ungemach ins Haus. Als erotischer Thriller funktioniert der Film ebenso wenig wie als Beziehungsdrama: Die Figuren sind überheblich exzentrisch (Marianne/Harry) oder langweilig-blass (Paul/Penelope). Und der Regisseur gebraucht am Ende gar noch Flüchtlinge als Sündenböcke.

A Bigger Splash

F/I 2015. Regie: Luca Guadagnino. Mit Tilda Swinton, Ralph Fiennes, Dakota Johnson. Constantin. 125 Min.