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Ein Geschenk für die Kunst

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Kunsthaus nach Maß: Das neue Ausstellungshaus der Sammlung Essl in Klosterneuburg öffnet seine Pforten.

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Kunsthaus nach Maß: Das neue Ausstellungshaus der Sammlung Essl in Klosterneuburg öffnet seine Pforten.

Schmale Fensterbänder, Oberlichte, Einschnitte, Rundungen, Öffnungen, Kanten und Türme: wie eine Skulptur präsentiert sich das neue Museum des Kunstsammlers Karlheinz Essl. Eine edle Hülle, komplex und vielschichtig entworfen von einem Baukünstler alter Schule, Heinz Tesar. Seine Architektur läßt sich nicht in einem Blick erfassen, ihren vollen Reichtum entfaltet sie im Inneren, beim Durchschreiten einer großen Fülle verschiedenster Räume. Mit jedem Schritt eröffnet sich ein neuer Blick. Die wunderbare Aussicht zum Stift findet sich, eingefaßt von den Kanten der Galerieräume und dem sanften Schwung des Daches auf der gegenüberliegenden Seite, reizvoll immer wieder.

Das Kunsthaus in Klosterneuburg ist Maßarbeit: über 4.000 Werke umfaßt die Sammlung Essl, ihr rasches Wachstum ist absehbar. In jahrzehntelanger Tätigkeit hat das Ehepaar Essl die bedeutendste Kollektion moderner österreichischer Malerei ab 1945 zusammengetragen, in den letzten zehn Jahren erweiterte man das Spektrum um internationale Werke, um die heimische Kunstproduktion im Kontext mit weltweiten Strömungen zu präsentieren. Sigmar Polke, Per Kirkeby, Walter Pichler, Maria Lassnig, Markus Lüpertz oder Arnulf Rainer sind nur ganz wenige der klingenden Namen, deren Originale hier in passender Beleuchtung und überlegter Hängung präsentiert sind. Verschiedenformatige Bilder, Skulpturen und Konzeptkunst: jede Gattung braucht ihren Raum - Heinz Tesar hat ihn gefunden.

Ein bescheidenes Vordach markiert den Eingang, vornehmes Understatement begrüßt den Besucher dieser Privatsammlung, um ihn im Inneren im ersten Geschoß mit einem lichtdurchfluteten Blick in den Innenhof zu belohnen. Der ist sogar zu betreten. Eine Rampe, zu ebener Erde begleitet von einem 60 Meter langen Wasserbecken in Manier eines japanischen Gartens, führt hinauf auf die Skulpturenterrasse. Der sanfte Schwung des Daches ergibt optisch einen wunderbaren Gegenpol. Räumlich gekonnt komponiert nähern sich die drei Ausstellungsblöcke der Gegenseite an. Drei Oberlichte tauchen darin die Bilder in gleichmäßiges Licht, die Decken sind gerade, die Ausstrahlung der Räume ruhig.

Grenzen sprengen Das gebogene Dach hält auch im Inneren, was es verspricht: von 3,5 bis 13 Meter variiert die Raumhöhe, dadurch können auch wirklich hohe Skulpturen gezeigt werden. Besonders reizvoll ist der Schwung, der elegant den Klangraum umfaßt. Die Sammlung Essl will moderne Kunstformen in ihrer Vielfalt vermitteln, und die Grenzen der Malerei sprengen. Toninstallationen und Videoaufführungen sind hier genauso vorgesehen wie klassische Ausstellertätigkeit. Immerhin 3.200 Quadratmeter Ausstellungsfläche lassen sich insgesamt zwischen Kunstwerken flanierend durchmessen. Präsentation und Betrachtung sind aber nicht alles, was im neuen Museum passieren soll.

Außerdem soll ein Schwerpunkt in Kunstvermittlung und Forschung gesetzt werden. Damit die künstlerischen Aktivitäten in Sachen Neuerwerbungen, Förderung und Vermittlung auch weiterhin blühen und gedeihen, hat die "Sammlung Essl Privatstiftung" ihren Sitz ins neue Haus verlegt. Seit 1998 wird das Ehepaar Essl von einem künstlerischen Beirat unterstützt. Ein Konferenzraum im Obergeschoß, gleich neben Karlheinz Essls Büro gelegen, sowie diverse Räumlichkeiten zur Tätigkeit der Stiftung sind außerdem im Haus untergebracht. Gleich am Puls der Kunstwerke, sozusagen.

Agnes Essl kümmert sich in einem Eckturm um die Kontakte zu jungen Talenten, Komponist und Sohn Karlheinz ist zuständig für musikalische Belange. Klanginstallationen, Multimedia-Environments, grenzüberschreitende und experimentelle Musik kann hier im Dialog mit dem Ort entwickelt werden, um die Schwingungen, Rundungen und räumlichen Gegebenheiten auch akustisch künstlerisch optimal auszureizen werden. Die Büros der drei "Hausherren" fassen das Gebäude gleichsam an seinen drei Ecken ein.

Für das leibliche Wohl des Besuchers wird ein Cafe sorgen, das geistige kann im Bookshop befriedigt werden.

Im Erdgeschoß sind fern der Aufmerksamkeit des Gastes, der um den begrünten Hof genußvoll durch die Kunstwerke emporschwebt, Depots für all die Schätze, die man nicht zeigen kann, untergebracht. Sie müssen großzügig dimensioniert sein, um auch Neuzugängen Raum zu schaffen. Ein eigens entwickeltes Schiebewandsystem von sechs mal sechs Quadratmeter Fläche wird ständig werkschonend von Luft durchströmt, auch Großformate dürften sich hier unterbringen lassen. Für einfache Zufahrt ist gesorgt, ein eigenes Depot dient Skulpturen, außerdem gibt es Rahmen und Restaurationswerkstätten. Insgesamt 2.500 Quadratmeter Depotfläche sind hier vorgesehen, das entspricht einer Hängefläche von 11.000 Quadratmeter.

Wieviel das liebevoll maßgeschneiderte Haus gekostet hat, darüber schweigt man vornehm. In jedem Fall ist es ein großzügiges Geschenk an alle Freunde moderner Kunst. Man kann ihm nur wünschen, daß viele den Weg ins gar nicht so ferne Klosterneuburg finden, und begeistert immer wieder kommen, um sich daran zu freuen.

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