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Feuilleton

Ein Haus für die Reste des Vertrauens

1945 1960 1980 2000 2020

Ein "Museum des Vertrauens" auf der Mittelmeerinsel Lampedusa soll ein Ort des Gedenkens an jene Bootsflüchtlinge sein, die auf ihrem Weg nach Europa ihr Leben verloren. Ein Lokalaugenschein in dem Haus, das Geschichtsbewusstsein schaffen will.

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Ein "Museum des Vertrauens" auf der Mittelmeerinsel Lampedusa soll ein Ort des Gedenkens an jene Bootsflüchtlinge sein, die auf ihrem Weg nach Europa ihr Leben verloren. Ein Lokalaugenschein in dem Haus, das Geschichtsbewusstsein schaffen will.

Sie tickt immer noch. Die kleine silberne und vom Salzwasser angegriffene Armbanduhr, die in einer der beiden Vitrinen des Museum des Vertrauens und des Dialogs auf Lampedusa liegt. Ihr schützendes Glas ist zerkratzt, doch die Zeiger bewegen sich immer noch weiter. Wem die Uhr gehörte, kann nicht mehr herausgefunden werden, aber ganz sicher einem jener 52 Toten, die bei dem Schiffsunglück im März 2015 vor Lampedusas Küsten im brausenden und schäumenden Meer hilflos ertrunken sind.

Die Mittelmeerinsel Lampedusa, die den südlichsten Punkt Italiens bildet, ist 120 km von der afrikanischen Küste entfernt und 210 vom italienischen Festland. Schon seit 20 Jahren ist sie die Grenze und zugleich der Hafen des Neuanfangs für Bootsflüchtlinge.

Als größte der Pelagischen Inseln ist sie nur elf Kilometer lang, gerade mal drei in der Breite und besticht als Urlaubsziel mit weißen Stränden und glasklarem Wasser. Doch dafür war die Insel in den vergangenen Jahren nicht bekannt. "Ich bin gerade damit beschäftigt, von Lampedusa positive Nachrichten zu senden, dazu gehört auch das Museum des Vertrauens. So kann man die Gefahr der Gewöhnung an die Tragödie bekämpfen. Es ist die Nachricht des Vertrauens, die die Schiffsbrüchigen in uns setzen und in diejenige, die Leben auf dem Meer retten. Wenn sie hier ankommen, dann haben sie Vertrauen in die Lampedusaner", erklärt Giusi Nicolini, die Bürgermeisterin der Inseln Lampedusa und der etwas kleineren und ebenfalls bewohnten Insel Linosa.

Zeugen tragischer Schicksale

In derselben Theke, neben der Armbanduhr, liegt ein grüner Pass mit gewellten Seiten, der einst einem Mann oder einer Frau aus Pakistan gehörte und heute nur mehr ihre Identität bezeugen kann, nicht aber die Hoffnungen, die sie einmal in ihrem spärlichen Gepäck hatten. Weiters lassen sich auf einem in Plastik umhüllten Foto die Gesichter einer Familie erkennen -der Besitzer unbekannt, ebenfalls ertrunken. Ein Koranbüchlein, die Ränder in schwacher grüner Farbe. Genauso schwach ist auch die Hoffnung auf ein Europa, das sie häufig nur als Invasoren und nicht als die Männer und Frauen sieht, als die sie aufgebrochen sind. Listen mit Zahlen, wahrscheinlich Telefonnummern, doch es folgten keine freudigen Anrufe in die Heimat. Welchem Kind das kleine gelbe Matchboxauto wohl gehörte, das in der ersten Vitrine ausgestellt ist? Auch dieses Kind ist ein Opfer des tragischen Schiffsunglücks vom 3. Oktober 2013, als 368 Menschen vor der kleinen Mittelmeerinsel ihren Tod fanden.

Das Meer teilt und verbindet. Im Raum der Verantwortung, einem weiteren der vier Räume des Museums, der, wie die drei anderen, einen Titel trägt, ist Caravaggios Amor ausgestellt. Er soll die emotionale Antwort auf den am Strand Bodrums angeschwemmten kleinen syrischen Jungen, Aylan, sein.

Im vierten Raum, dem der Horizonte, wühlt besonders ein Video auf: Es zeigt Geflüchtete auf einem sinkenden Boot, die sich aus Verzweiflung in die Wellen werfen, um nicht vom Sog des Schiffs mit nach unten gezogen zu werden. Das Orange ihrer Schwimmwesten steht im Kontrast zum Blau des Meeres. Die, die gerettet werden können, müssen gestützt werden, als sie von Mitarbeitern humanitärer Organisationen an Land gebracht werden. Babys werden aus Wäschekörben gehoben, in denen sie transportiert wurden, und endlich in den Arm genommen. Andere küssen die Erde und loben ihren Gott, als sie sicheren Boden unter ihren Füßen haben.

Vertrauen als Initiative

Das von der italienischen Vereinigung First Social Life, dem Komitee 3. Oktober und der Gemeinde Lampedusa gegründete Museum stellt das Vertrauen in die Mitte der Gesellschaft und der Insel. Und wieder kommt Nicolini auf den Titel des Museums zurück: "Das Vertrauen, das wir haben müssen und das wir in sie investieren, verlangt im Grunde weniger Mut, weniger Anstrengung als die Kraft, die es von ihnen abverlangt.

Am Ende sind sie auf einem Schiff, das leck ist und haben trotzdem das Vertrauen, dass sie es schaffen, sonst würden sie nicht ihr Leben aufs Spiel setzen", erklärt die 55-Jährige weiter. Nicolini ist seit 2012 im Amt und wegen ihres außerordentlichen Engagements sowie ihrer klaren Worte für die "profughi", also die ankommenden geflüchteten Männer und Frauen, über die Landesgrenzen hinaus bekannt.

Häufig ist Giusi Nicolini als Sprecherin auf Veranstaltungen eingeladen und hat bereits einige Preise, wie unter anderem 2015 den Stuttgarter Friedenspreis, für ihren vorbildhaften Einsatz verliehen bekommen. Ihren Mut für die Gesellschaft konnte Nicolini schon vor ihrer Karriere als "erste Bürgerin" der Insel als Vorsitzende der italienischen Umweltschutzorganisation Lega Ambiente unter Beweis stellen.

Appell für Zusammenarbeit

Lampedusa empfängt und nimmt auf. Tiefgehend und wohlüberlegt sind Nicolinis Worte, wenn es um das Schicksal von Bootsflüchtlingen geht, die, wie sie sagt, nicht die Opfer des Meeres oder des Menschenhandels sind, sondern vor allem eines: Opfer unserer Gesetze.

"Die Personen, die hier ankommen, sind für uns Schiffbrüchige, bevor sie überhaupt Flüchtlinge, Wirtschaftsflüchtlinge oder Asylbewerber sind", stellt sie klar. "Diejenigen, die sagen: 'Ihr lasst sie herein und dann schickt ihr sie zu uns', vergessen, dass unser Einsatz kontinuierlich ist", verteidigt sie das Engagement von Lampedusa. "Wir müssen an unserem Bewusstsein arbeiten, korrekte Informationen liefern und die politische Propaganda bekämpfen.

Diese drei Dinge müssen heute gemacht werden, um das Thema der Integration mit der Aufmerksamkeit zu verfolgen, die es braucht", appelliert sie an weniger aufnahmefreudigere europäische Länder.

Nein, sie, die Lampedusaner, müssten sich keinen Vorwurf machen, müssten nicht um Verzeihung bitten, weil sie hier sind und das machen, was in ihrer Möglichkeit steht: empfangen, beherbergen und mahnen. Die kleine silberne Uhr in der Vitrine tickt wahrscheinlich nach wie vor. Langsam, unaufhaltsam.