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Ein Jahr nach Revanche

Österreichs Filmschaffende feiern einen Erfolg nach dem anderen, stehen aber aus Geldmangel nicht nur im Krisenjahr 2009 auf recht wackeligen Beinen. Improvisation ist angesagt.

Die Feier war improvisiert. An jenem Jännertag, als die Oscar-Nominierung für "Revanche" in Los Angeles bekannt gegeben wurde, verabredete sich das Team um Regisseur Götz Spielmann zu einem spontanen Treffen im Wiener Café Anzengruber. Zwischen den normalen Gästen reservierte man eilig ein paar Tische und stieß auf den Erfolg an. Zwei TV-Teams blockierten die Bar und Götz Spielmann, stets die Ruhe in Person, ließ sich beklatschen.

Die zweite Oscarnominierung für einen österreichischen Film in Folge, noch dazu für einen, der sich nicht in NS-Vergangenheitsbewältigung versucht, sondern eine Geschichte aus dem Hier und Jetzt erzählt - das war für viele eine Überraschung. Sollte es aber nicht sein: Denn die Nominierung ist Beweis für die seit Jahren wachsende internationale Relevanz des österreichischen Films. Festivalpreise in Cannes, Venedig und Berlin für Haneke, Seidl & Co., Oscarnominierungen für Virgil Widrichs "Copy Shop", Hubert Saupers "Darwin's Nightmare", zuletzt die Hauptpreise beim Nachwuchsfestival "Max-Ophüls-Preis" in Saarbrücken für Thomas Woschitz' "Universalove" und Arash T. Riahis "Ein Augenblick Freiheit". All diese Erfolge kommen nicht von ungefähr. All diese Erfolge sind Zeichen für die überragende Qualität heimischer Filme (und für die Networking-Tätigkeit der Austrian Film Commission, die Österreichs Filme im Ausland bewirbt).

Allein: Es fehlt an Publikumszustrom. "Revanche" wurde nach Bekanntgabe der Nominierung erneut ins Kino gebracht, ebenso eilig und improvisiert. Anders als bei "Die Fälscher" (gesamt: 190.000 Kinobesucher) im Jahr zuvor hatte der Oscar-Effekt allerdings weniger Auswirkungen auf das Publikumsinteresse. 12.000 Besucher sahen "Revanche" seit der Wiederaufnahme im Kino, gesamt hält der Film nunmehr bei rund 30.000 Zusehern. Für einen österreichischen Film gelten diese Zahlen bereits als Erfolg. Die meisten heimischen Filme kommen nicht über 20.000 Zuschauer hinaus.

Österreich hinkt nach

Der Marktanteil europäischer Filme im eigenen Land liegt in Frankreich, der Türkei oder Italien bei über 30 Prozent. Kleine Länder in großen Sprachgebieten (Schweiz, Belgien, Luxemburg) kommen, ebenso wie Österreich, an diese Werte nicht heran. Allerdings erreichen die Schweiz (5,8 Prozent) und Belgien (7,5 Prozent) deutlich bessere Ergebnisse als Österreich. Hierzulande hat sich der Marktanteil, der in den letzten Jahren stets um die zwei Prozent pendelte, im Vorjahr immerhin kräftig erholt. Die Gründe: Erwin Wagenhofers "Let's Make Money" (187.000 Besucher), "Falco" (155.000), "Die Fälscher" sowie der Mundl-Kinofilm "Echte Wiener" (370.000 Besucher).

Der dennoch geringe Marktanteil heimischer Produktionen hat weniger mit einem Desinteresse des Publikums zu tun als vielmehr mit der kaum vorhandenen finanziellen Kraft von Produzenten und Verleihern, entsprechende Summen ins Marketing ihrer Filme zu pumpen. In den USA sind in vielen Filmbudgets gleich 40 Prozent der Gelder für die Werbung reserviert, in Österreich ist das staatlich subventionierte Filmschaffen froh, wenn die Produktionskosten einigermaßen abgedeckt sind. Auch hier gilt: Improvisation ist alles. Social-Networking-Plattformen wie "Facebook" werden mittlerweile dazu verwendet, Filme zu bewerben. An Mitglieder von Filmgruppen und Facebook-Freunde werden Nachrichten über Kinostarts und Filmpartys versendet - alles ohne eine Cent dafür bezahlen zu müssen. Improvisiertes Marketing der Generation 2.0.

Auch beim Drehen ist Improvisation gefragt: Wie im Fall von Tina Leisch, der mit "Gangster Girls" ein beachtlicher Debütfilm gelungen ist, den die diesjährige Diagonale (17. bis 22. März in Graz) zeigen wird. Leisch musste das Geld für ihren Dokumentarfilm über ein Frauengefängnis sprichwörtlich zusammenkratzen; war wieder einmal eine gewisse Summe vorhanden, "konnten wir ein paar Drehtage finanzieren. Dann war wieder Pause".

Dabei kann sich Film, diese teuerste aller Kunstformen, die so viele Kunstsparten in sich vereint, eigentlich keinerlei Improvisation erlauben. Keine Unternehmung ist so hierarchisch organisiert wie ein Filmset, kein Tagesablauf so streng vorausgeplant wie bei Dreharbeiten. Zeit ist Geld, und Geld gibt es viel zu wenig.

Und das, obwohl die Bundesaufwendungen für den Bereich Film deutlich gestiegen sind. 2007 gab der Bund 20,7 Millionen Euro für das heimische Filmschaffen aus - eine Summe, mit der hierzulande 32 Langfilme produziert wurden. Eine beachtliche Zahl, die aber zeigt, wie wenig Budget pro Film zur Verfügung steht. Zum Vergleich: In Frankreich haben Debüt-Regisseure für ihre Erstlingswerke in der Regel zwischen drei und fünf Millionen Euro zur Verfügung.

Besonders groß ist der Unterschied zwischen dem Filmbudget und den 133,6 Millionen Euro, die 2007 für die österreichischen Bundestheater aufgewendet wurden. Mit einer solchen Summe ist es selbstredend leichter, einen professionellen Theaterbetrieb mitsamt gut budgetierter Marketing-Kampagnen zu führen.

Nur wenige Fördertöpfe

Neben den wichtigsten Förderern, dem Österreichischen Filminstitut (ÖFI), dem Wiener Filmfonds und einigen Ländertöpfen, stellt sich die so genannte "kleine Filmförderung" im Kulturministerium als Lebensader des jungen österreichischen Films heraus. Im Vorjahr hat Kulturministerin Claudia Schmied deren Budget von einer auf zwei Millionen Euro verdoppelt, für heuer gibt es noch keines - denn die Budgetrede des Finanzministers für 2009/10 findet erst am 21. April statt. Die Gewichtung dieses Doppelbudgets lässt jedenfalls keine großen Investitionen in den Kulturbereich erwarten. Josef Pröll selbst legte bereits die Marschrichtung fest: "Ganz nach meinem Grundsatz, Die Krise meistern, den Menschen helfen, die Wirtschaft stärken' liegen die Schwerpunkte dieses Budgets bei Wirtschaft und Arbeit, Forschung und Entwicklung, Bildung und Sicherheit." Von Kultur ist keine Rede, und Ministerin Schmied dürfte zur Zeit auch andere Sorgen als das Filmschaffen haben. Mit den vorhandenen Mitteln muss also - voraussichtlich - improvisiert werden.

Dabei wäre der Zeitpunkt, in nachhaltige Strukturmaßnahmen für den Film zu investieren, günstig wie nie: "Wir sollten mit aller Kraft daran arbeiten, dass das kleine österreichische Filmwunder, das nicht wie zufällig einfach vom Himmel gefallen ist, weitergeht", findet ÖFI-Chef Roland Teichmann. "Der Zeitpunkt, die Filmförderung zu erhöhen und Rahmenbedingungen zu schaffen, die Österreich endlich auch als Filmstandort attraktiv machen, war nie besser und sinnvoller. Wann, wenn nicht jetzt, soll in den österreichischen Film weiter investiert werden?" Teichmann fordert eine "strategische Kooperation von Kultur-, Wirtschafts- und Finanzpolitik und vor allem dem ORF als verlässlichen Partner". Es bleibe "zu hoffen, dass nicht nach all den positiven Schlagzeilen nach dem Spiel wieder vor dem Spiel ist".

Dass der ORF als wichtige Säule in der Finanzierung des heimischen Films derzeit schwächelt wie nie zuvor, wird gern auf die Finanzkrise geschoben.

Das ÖFI fordert eine Aufstockung des Film/Fernsehabkommens "von bescheidenen 5,9 Millionen Euro auf 10 Millionen pro Jahr". Teichmann: "Der öffentlich-rechtliche Auftrag besteht aus mehr als nur aus Sport und Information, Dancing- und Talent-Shows. Sparen am österreichischenContent ist Sparen an der eigenen Identität. Das kann nicht die Überlebensstrategie des ORF sein".

Noch ist nicht absehbar, wie sich die Finanzkrise auf die Filmproduktion - gerade was ORF-Produktionen betrifft - auswirken wird. Von den Filmschaffenden ist jetzt jene Eigenschaft gefragt, die man über die Jahre so gut gelernt haben: Man wird wohl improvisieren müssen.

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