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Ein Job für Bakterien

Biogasanlagen verwandeln Mist und Gülle in Gas, das zur Erzeugung elektrischer Energie verwendet wird. Für Landwirte eröffnet sich ein neues Gebiet wirtschaftlicher Aktivität.

An Ideen hat es dem südsteirischen Landwirt Franz Kohlroser noch nie gefehlt. Darum hat er auf seinem Hof in Oberrakitsch (Bezirk Radkersburg) auch immer wieder Neues versucht. Zuerst war es der Traum von einem Teich für Sportfischer. Jetzt zieht sich bogenförmig um Kohlrosers Anwesen ein idyllisches Fischgewässer. Es folgte das Buschenschank-Projekt. Und seit einem dreiviertel Jahr ist der agile Landwirt auch unter die Energieerzeuger gegangen. Seine moderne Biogasanlage hat er vor zehn Monaten in Betrieb genommen.

Das Kraftwerk auf dem Bauernhof hat eine elektrische Leistung von 330 Kilowatt (kW) und liefert rund 2,5 Millionen Kilowattstunden (kWh) Strom im Jahr. Das entspricht dem Verbrauch von 700 Durchschnittshaushalten.

Das wirklich Neue ist aber, dass die Energie zu einem Großteil aus einem Abfallprodukt, nämlich der Gülle aus Kohlrosers Schweinemaststall stammt. Zusätzlich werden gehäckselter Mais, Sonnenblumensilage und Roggengrünschnitt verarbeitet. Diese "Rohprodukte" sind in der Südsteiermark in ausreichendem Maß vorhanden.

40 Tage bei 38 Grad

Die Biogaserzeugung erfolgt in einem großen, luftdicht abgeschlossenen Betonzylinder. In diesem "Fermenter" werden die beiden Komponenten Silage und Gülle auf etwa 38 Grad erwärmt. Das Gemisch wird kontinuierlich umgerührt, um den natürlichen Zersetzungsprozess zu beschleunigen. Den vollbringen Mikroorganismen. Nach etwa 40 Tagen haben die Bakterien das Gemisch in Biogas umgewandelt.

Das Gas besteht zu zwei Drittel aus Methan und zu einem Drittel aus Kohlendioxid. Es wird in einem Gasspeicher zwischengelagert und im Gasmotor eines Blockheizkraftwerkes verbrannt. Dabei fällt zusätzlich zur elektrischen Energie auch eine beträchtliche Menge Wärme an. Die elektrische Energie kann problemlos in das Stromnetz eingespeist werden. Für die anfallende Wärme wurde aber noch kein Abnehmer gefunden. Zwar wird ein Teil davon für die Anlage selbst verbraucht, und mit einem anderen Teil kann der Landwirt Wohngebäude und Buschenschanklokal beheizen. "Einen Teil muss ich aber nutzlos in die Luft blasen", ärgert sich Kohlroser.

Als Dünger geeignet

Beim Umwandlungsprozess im Fermenter bleibt auch ein flüssiger Rest zurück, Substrat genannt. Diese nährstoffhaltige Flüssigkeit - sie enthält Stickstoff, Phosphor und Kalium - eignet sich sehr gut als Dünger. Um sicherzugehen, dass über das Substrat keine zusätzlichen Schadstoffe in den Boden gelangen, wurde der Reststoff von Biogasanlagen in mehreren Studien untersucht.

Das Ergebnis lautet zusammengefasst: "Entwarnung im Bereich der Schadstoffe", so Michael Mayer vom Arbeitskreis Biogas der Niederösterreichischen Landesakademie. Zwar sei das Substrat aus Biogasanlagen nicht komplett schadstofffrei, aber es würden keine Grenzwerte überschritten.

Um eine Geruchsbelästigung der Anrainer zu vermeiden, müsste bei Substratausbringung aber die richtige Technologie verwendet werden. "Entscheidend ist, dass das Substrat direkt in die Erde gelangt, das erreicht man mit so genannten Schleppschläuchen", erklärt Biogasexperte Mayer.

Stromerzeugung aus Biogas ist keineswegs neu, sondern existiert schon seit Jahrzehnten. Einen wirklichen Aufschwung erlebte diese Art der Energiegewinnung aber erst durch das Ökostromgesetz in Deutschland. Vor einem ähnlichen Boom steht die Biogastechnik nun auch in Österreich.

Denn auch bei uns wird Strom aus Biogasanlagen mit attraktiven Einspeisetarifen abgegolten. Für die Kilowattstunde Strom aus bäuerlichen Anlagen mit einer Maximalgröße von 500 kW werden 14,5 Cent bezahlt. Das ist nicht wenig. Kleinanlagen unter 100 kW erhalten noch mehr, nämlich 16,5 Cent pro Kilowattstunde. Diese Einspeisetarife sind für die nächsten 13 Jahre garantiert.

Für die Förderung von Strom- und Wärmeerzeugung aus Biogasanlagen spricht mehr als nur die Aufbesserung der Klimabilanz. Biogasanlagen werden mit nachwachsenden Rohstoffen aus der heimischen Landwirtschaft betrieben. Das schafft Jobs in einem Bereich, der seit langem mit Abwanderung zu kämpfen hat. "Bis zu 6.000 zusätzliche Arbeitsplätze im ländlichen Raum", erwartet sich der Chef der Landwirtschaftskammern Österreichs, Rudolf Schwarzböck, von den nachwachsenden Energieträgern.

Biogasanlagen tragen außerdem dazu bei, die Güllemengen zu reduzieren. Das ist in den Regionen mit intensiv betriebener Viehzucht ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Es ist auch möglich, in Biogasanlagen statt Gülle Biomüll zu verarbeiten. Das reduziert wiederum Deponiekosten.

Auch gegenüber Windrädern haben Biogasanlagen einen entscheidenden Vorteil. Sie arbeiten unabhängig von Wind und Wetter und kommen dadurch auf weitaus mehr Betriebsstunden. So läuft ein Windrad in Österreich etwa 2.000 Stunden im Jahr unter Volllast. Bei Biogasanlagen geht man aber von 8.000 Betriebsstunden aus.

Die Biogasanlagen sind mittlerweile technisch ausgereift und funktionieren problemlos. Sie stellen auch keine Geruchsbelästigung dar. Davon überzeugen sich auch Woche für Woche die Gäste von Franz Kohlrosers Buschenschank. "Die sind oft sehr überrascht, wenn ich ihnen erzähle, was in dem großen Tank gelagert wird."

Ein Boom zeichnet sich ab

Hinter der funktionierenden Anlage steckt eine Menge Arbeit. "Seit zehn Jahren habe ich mich mit Biogasprojekten beschäftigt", erzählt Kohlroser. Viele Besichtigungsfahrten in Deutschland hat er unternommen und dabei tausende Kilometer zurückgelegt. Der Aufwand für die Sache habe sich aber gelohnt, denn mittlerweile seien Biogasanlagen auch für andere Bauern der Region attraktiv geworden: "Die erkennen jetzt auch, wie sinnvoll die Sache eigentlich ist."

Interessant sind Biogasanlagen aber nicht nur für die Bauern, sondern auch für die Wirtschaft. Schließlich beträgt die Investition für eine Anlage mit einer Kapazität von 300 kW rund 1,5 Millionen Euro. Davon profitieren fast ausschließlich heimische Unternehmen, beispielsweise der Gasmotorenerzeuger "Jenbacher". Das Unternehmen hat sich schon seit langem auf Gasmotoren spezialisiert und kann heute eine bewährte Technologie bereitstellen. Durch den Biomasseboom erwartet man neue Aufträge.

Aufträge für das Waldviertel

Profitieren können von den Biogasanlagen auch traditionell in der Landwirtschaftstechnik beheimatete Unternehmen, wie die Firma "Führer" in Ottenschlag im Waldviertel. Das Unternehmen konzentriert sich auf die Installation von Rührwerken und gasdichten Rohrleitungen für Biogasanlagen. Der Familienbetrieb erhofft sich durch einen Aufschwung der Biogastechnik neue Aufträge. Gesamtinvestitionen zwischen 150 und 250 Millionen Euro erhofft sich Bauernbundobmann Fritz Grillitsch durch den Bau von Biogasanlagen. Das ist keine unrealistische Annahme.

Das österreichische Ökostromgesetz legt fest, dass im Jahr 2010 78 Prozent des heimischen Stroms aus erneuerbaren Energieträgern stammen müssen. Derzeit sind es aber nur 70 Prozent. Vier Prozent der Strombedarfs sollen durch Kleinwasserkraftwerke und weitere vier Prozent durch "neue erneuerbare Energieträger" (Wind, Biomasse, Biogas, Photovoltaik) abgedeckt werden.

Die Aufteilung innerhalb der "neuen erneuerbaren" erfolgt nicht in allen Bundesländern nach dem gleichen Schlüssel. Bundesländer mit sehr geringem Windpotenzial, beispielsweise Kärnten, wollen sich auf feste Biomasse (Holz) und Biogas konzentrieren. Österreichweit wird aber angestrebt, ein Prozent der elektrischen Energie mit Biogasanlagen zu erzeugen. Das macht 250 Millionen kWh im Jahr aus.

Dazu muss es aber in den nächsten Jahren zu einem Boom beim Bau von Biogasanlagen kommen. Derzeit gibt es laut einer Erhebung des Biomasse-Verbandes in Österreich 110 Biogasanlagen mit einer geschätzten Jahresstromleistung von 45 Millionen kWh. "Will man einen Anteil von einem Prozent erreichen", so Josef Plank, Biomasseexperte der steirischen Landwirtschaftskammer, "dann müssen in den nächsten eineinhalb Jahren 120 neue Anlagen mit einer elektrischen Leistung von jeweils 250 kW in Betrieb projektiert und genehmigt werden." Ein Ziel, das Plank für realistisch hält.

"Es gibt in der Steiermark bei den Landwirten mittlerweile enormes Interesse. Zahlreiche Projekte befinden sich im Genehmigungsstadium." Dort liege momentan auch das größte Problem, meint Plank. "Die Genehmigungen könnten möglicherweise zu lange dauern." Schnellere Abwicklung der Genehmigung verlangt auch die Wirtschaft.

Lange Genehmigungsfristen

Trotz dieser Hürden glaubt auch Michael Mayer von der Niederösterreichischen Landesakademie an ein Erreichen des gesteckten Ziels: "Mehrere Dutzend Anlagen befinden sich im Planungsstadium." In Kärnten baut ein Tochterunternehmen der "Kelag" eine große Biogasanlage in St. Veit an der Glan. Und auch Gemeinden beginnen mit dem Bau von Biogasanlagen. So entsteht beispielsweise im niederösterreichischen Amstetten eine Biogasanlage, die Biomüll zu Strom und Wärme verarbeitet.

Biogas-Pionier Franz Kohlroser sieht sich durch diese Entwicklung bestätigt. Schließlich hat er mittlerweile im Biogasbereich ein weiteres Aufgabenfeld gefunden. Er ist an einer Arbeitsgemeinschaft für die Planung von Biogasanlagen beteiligt. "Wir übernehmen die kompletten Planungsarbeiten von der Projekteinreichung bis zur Inbetriebnahme", umreißt er seine neue Tätigkeit.

Der Autor ist freier Journalist.

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