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Ein klarer Sieg des Unbeirrbaren

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Der Faktor Zeit spielte beim diesjährigen Filmfestival von Venedig eine zentrale Rolle. Das gilt auch für den Siegerfilm "The Woman Who Left" des philippinischen Regisseurs Lav Diaz.

Gutes Kino braucht Zeit, denn wer Kino als Kunstform begreift, der muss ihm auch die nötige Zeit angedeihen lassen, ganz genau wie einem Gemälde in einer Galerie. Auch da lohnt es sich oft, die Striche der Meister eingehend zu studieren.

Das 73. Filmfestival von Venedig war eines, dem die Zeit in all ihrer Gestalt wichtig schien. Der Siegerfilm etwa, "The Woman Who Left" des philippinischen Regisseurs Lav Diaz, erzählt vier Stunden lang von Horacia (Charo Santos-Concio), die jahrzehntelang zu Unrecht im Gefängnis saß und nach ihrer Freilassung die Umstände ihrer Haft und die wahren Täter recherchiert. Diaz' Film ist dabei sogar einer seiner kürzesten, denn "Mula sa kung ano ang noon", der 2014 den Goldenen Leoparden in Locarno gewann, dauert noch mal zwei Stunden länger. Sein letzter Film "Hele Sa Hiwagang Hapis", den er heuer im Wettbewerb der Berlinale vorstellte, lief gleich ganze acht Stunden. Diaz' "Kurzfilm" hat nun also die Jury in Venedig überzeugt und den Goldenen Löwen gewonnen.

Chronist philippinischer Befindlichkeit

Lav Diaz ist der Chronist der Befindlichkeit seiner Heimat; historisch verankerte Wendepunkte und ihre oftmals schwerwiegenden Auswirkungen auf die Gesellschaft interessieren ihn am meisten, und dafür wendet er eine Langsamkeit auf, die ihresgleichen sucht im internationalen Filmbetrieb. Diaz, der Unbeirrbare, dem man beim Kunstfilmfest von Locarno den Preis gegönnt hatte, ist nun im Weltkino angekommen, zumindest, was die Preisträgerehre in Venedig angeht: Immerhin hat Festivalchef Alberto Barbera gut ein Drittel seines Wettbewerbsprogramms mit Filmen aus den USA gefüllt, die weitaus leichter zu konsumieren waren als "The Woman Who Left". Aber Diaz ist eben ein gebranntes Kind seiner Heimat, aufgewachsen in der Diktatur von Ferdinand Marcos, unermüdlich auf der Suche nach Wahrheit. Und die liegt für ihn vor allem im Vergehen von Zeit. Denn manche Zusammenhänge brauchen genau diese Zeit, um überhaupt erkannt zu werden.

Die Jury um Bond-Regisseur Sam Mendes hat aber auch mehrheitsfreundliches Kino prämiert: In Francois Ozons "Frantz" (beste Nachwuchsdarstellerin Paula Beer) geht es um den deutsch-französischen Konflikt nach dem Ersten Weltkrieg und um die Zeit, die alte Wunden heilt. Bei Designer Tom Ford in "Nocturnal Animals"(Großer Preis der Jury) ist es eine Zeitreise, die die Protagonistin beim Lesen eines Buches erlebt. Ford erweist sich als schlauer Regie-Autodidakt, der ein wenig bei den Meistern dieses Fachs -von Lynch bis Hitchcock -klaut.

Polit-Parabel "Jackie" ging fast leer aus

Der Mexikaner Amat Escalante wiederum, der hier ex aequo mit dem Russen Andrei Konchalovsky (für "Paradise") den Regiepreis erhielt, setzt in "La región salvaje" auf ein krakenähnliches Monster, um über sexuelle Fantasien und Homophobie in der mexikanischen Gesellschaft nachzudenken. Es mag ein merkwürdiger Film sein, aber einer, der in all seiner Skurrilität vielleicht auch etwas mit Zeit zu tun hat: Escalante ist seiner Zeit vielleicht ein wenig voraus.

Für die Polit-Studie "Jackie" von Pablo Larrain, die die vier Tage im Leben von Jacky Kennedy erforscht, nachdem ihr Mann ermordet wurde, gab es immerhin den Drehbuchpreis -wenngleich Larrain als Regisseur hier Großartiges geleistet hat und auch das Spiel von Natalie Portman als Titelheldin mehr als überzeugte. Doch als beste Darstellerin ehrte man am Lido Emma Stone, die sich mit Inbrunst durch den Eröffnungsfilm, das Musical "La La Land", singt und spielt. Es geht um Emporkömmlinge in Hollywood und um ihren mühevollen Weg nach oben. Ein Weg, der vor allem eines braucht: viel Zeit.