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Ein knappes Gut

1945 1960 1980 2000 2020

Die Vernunft und ihr praktischer Abkömmling, der rationale Eigennutz, haben die Kulturtechniken des Trostes erfolgreich verdrängt.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Vernunft und ihr praktischer Abkömmling, der rationale Eigennutz, haben die Kulturtechniken des Trostes erfolgreich verdrängt.

In meiner Jugend begegnete ich immer wieder Älteren und Alten, die mich als trostlos berührten. Während die Männer rüstig taten und geschäftig vor sich hin werkelten, und sei' s ins Leere hinein, lachten - wie mir schien - die Frauen oft lustlos, um ihre Gute-Laune-Haltung zu demonstrieren. Man war auf wachsenden Wohlstand eingestellt, die Vergnügungen, welche man sich endlich leisten konnte, nahmen sprunghaft zu. Man lebte in einem Klima, das zu der vielfach geäußerten Bemerkung Anlass gab: "So gut ging's uns noch nie!" Und dabei, zwischendurch, dieses seltsame Lachen - das Lachen der Trostlosigkeit.

Lachen der Trostlosigkeit

So empfand ich es. Um nichts in der Welt hätten die Angehörigen meiner Eltern-und Großelterngeneration erkennen lassen, wie es "drinnen" wirklich ausschaute, in ihrem Herzen, ihrer Seele. Es war im Grunde zu spät für ein neues Leben. Und das Leben im kleinen und großen Schicksalsrausch des Tausendjährigen Reiches war schon lange vor 1945 zerbrochen. Gerade weil im Untergrund vieles, vielleicht das Meiste und Beste, endgültig verdorben war, musste nun, im Frieden, bei den "kleinen Wehwehchen" des Alltags -und bei den größeren auch, ja da erst recht - gelacht werden. Das war ein Gebot der Selbstachtung.

Ich hasste dieses Lachen. Erwachenden Sinnes für die menschliche Katastrophe, vor der mich die sogenannte Gnade der späten Geburt bewahrt hatte, wollte ich wissen, was dahinter steckte. Ein einziges Wort reichte schließlich: Holocaust; und dazu der kollektive Vergessenswille, der über dem Unaussprechbaren lag. Man musste es weglachen, damit das Hier-und-Heute tragbar wurde als postnazistischer Teil der offiziellen Nachkriegswohllebenslust, die es zu demonstrieren galt.

Damals schien mir das richtige Mittel, um dem Lachen der Trostlosigkeit zu entkommen, in die dunklen Winkel hineinzuleuchten, und zwar so lange, bis alles erleuchtet war. Ohne Mitleid. Aus dem Dunkel traten die Umrisse des Verdrängten grell hervor: The Devil's Party! Ich werde heute noch unwirsch, wenn ich Politiker davon reden höre, dass man sich mit der Vergangenheit aussöhnen müsse. Es gibt Dinge, die keine Aussöhnung dulden.

Gewiss, heute höre ich das Lachen der Trostlosigkeit seltener. Das uneingestandene Nachkriegselend ist obsolet geworden. Dafür nimmt, trotz boomender Ablenkungsund Pflegeindustrie, das Alterselend zu - das Hoffen darauf, "dass es bald vorbei sein möge". Glücklicherweise bin ich schwerhörig geworden. Und nachdem der Zorn meiner jungen Jahre abgeebbt war, begriff ich, dass der aufklärungsbeflissene Drang, alles zu erleuchten, seinerseits oft bösartig grundiert ist. Er lässt dann weder Trost noch Hoffnung zu. Gemäß Nietzsches elitärem Diktum müsste der Durchschnittsmensch dem Wahnsinn verfallen, würde er jemals mit der ganzen Wahrheit konfrontiert.

Trost der Philosophie

Die längste Zeit galt im Kanon der Weisheitsliebe Boethius als unverzichtbar. Sein "Trost der Philosophie" stammt aus der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts. Darin wird Boethius, der als Staatsmann tief gefallen war, von der Philosophie getröstet. Zuerst verscheucht sie die poetischen Musen mit harschen Worten: Ein Übel sei es, dem Dichter beim schönen Klagen zu helfen, statt ihn zu trösten. Und worin gründet der Trost der Philosophie? In der vollen Erkenntnis des höchsten Guts, der Glückseligkeit -"beatitudo" -, welche allen Wechselfällen des Lebens enthoben sei. Ihr göttlicher Glanz strahle unzerstörbar. Wer das Wesen der Glückseligkeit erkenne, werde gleichzeitig dessen gewahr, dass er selbst, allen irdischen Widrigkeiten zum Trotz, glückselig sei.

Mir kommt vor, die Tradition des Boethius ist fehlgeleitet: Reine Erkenntnis tröstet nicht. Im Gegenteil, der Trostlose wird wahrhaft untröstlich erst, indem er einsieht, an der Glückseligkeit, die ihm die Philosophie begrifflich zurechtzimmert, keinen Anteil zu haben. Tatsächlich erschienen die echten Trösterinnen in Gestalt der Dichtermusen, die, so Boethius, "mein Lager umstanden und meiner Tränenflut Worte verliehen". Ihnen indes befahl die Philosophie: "... hinweg ihr Sirenen, die ihr süß seid zum Verderben!"

Ähnlich mögen alle rationalen Gottesbeweise - vom Beweis der Ersten Ursache bis zum Beweis des Vollkommenen, über das hinaus sich nichts Vollkommeneres denken lässt - der Reihe nach stimmen und anerkannt werden: Dennoch bleibt man ungerührt derselbe Ungläubige, der man schon immer war. Glaube ist keine Frage des Beweises, sondern des Gefühls absoluter Geborgenheit. Dieses Gefühl wird einzig durch jene Musen gestärkt und kultiviert, die unser Schicksal lindern, indem sie es in "süße" Worte kleiden. Niemals entsteht Geborgenheit unter der schattenlosen Helligkeit, die bloß einem Seziersaal der Erkenntnis ansteht. Solche Helligkeit erzeugt eine existenzielle Überhelle, unter der aller Trost verkümmert.

Soll das nun ein Plädoyer für Unwahrhaftigkeit, Kitsch, Lüge sein? Oder etwa dafür, dass der beste Umgang mit dem unaussprechlich Bösen darin bestünde, Todesfugen zu dichten? Nein. Und doch gibt es die "Todesfuge" des Paul Celan. Sie tröstet unter Tränen. Denn ihre Wahrheit ist gerade nicht die der fragwürdigen "Liebe zur Weisheit"(philosophia). Es ist vielmehr jene andere Wahrheit -die bergende Wahrheit des Mythos und der Poesie, worin ein Gott, und sei's paradoxerweise der abwesende, eine Art von Trost zu spenden vermag. Es ist der verschattete Gott, JHWH, der sich im Dornbusch verbirgt. Er ist es, der Trost spendet, und nicht der öffentlich traktierte Philosophengott.

Leben, das bei brutal freigestellten Fakten und allerorten einsichtigen Gründen geführt werden muss, gleichsam unterm Suchscheinwerfer der Vernunft, ist trostlos - und die Vernunft reicht heute, trotz religiöser Erhitzung und Esoterikgewimmel, weiter denn je hinein in die intimen und letzten Fragen des Daseins. Ausgerechnet eine Trivialerzählung des James-Bond-Erfinders, Ian Fleming, formuliert ein Gesetz des Trostes, "The Law of the Quantum of Solace". Dementsprechend heißt die Erzählung "Ein Quantum Trost". Darin wird von einem Ehebruch berichtet, bei dem es der untreuen Gattin völlig egal ist, ob die Einzelheiten der Affäre allgemein bekannt werden oder nicht. Dem gehörnten Mann hätte, laut Fleming, ein "Quantum of Solace" gebührt. Der Ehebruch hätte im sozialen Schatten bleiben sollen. Dann wäre immerhin das Quäntchen Trost möglich gewesen, das selbst in einer Welt, die des Teufels Party ist, menschenmöglich scheint.

Verdrängung des Trostes

Bei wem findet sich mehr Weisheit: bei Boethius oder Fleming? Die Frage mag kapriziös wirken. Aber sie deutet an, dass Trost zu den knappen Gütern gehört, seit die Vernunft und ihr praktischer Abkömmling, der rationale Eigennutz, Erfolg dabei hatten, die Kulturtechniken des Trostes als Symptome einer sich selbst illusionierenden Gesellschaft zu verdrängen. Die Verdrängung ist alt, sie beginnt bereits mit Platons Kampf gegen das Lügenregiment der homerischen Kunst. Wenn wir heute das Gefühl haben, wir bedürften eines Trostes, der uns nicht mehr greifbar ist, dann sind wir die Erben einer langen Geschichte.

Es handelt sich um die Geschichte des Abendlandes. Oswald Spengler dachte, das Abendland stirbt, weil es vergreiste. Irrte Spengler? Wenn das Abendland an etwas stirbt, dann daran, dass die Vergnügungsindustrie blüht, während die Quellen des Trostes versiegt sind ... Doch vergessen wir bei allem Kulturpessimismus nicht, dass sich mit jedem neuen Leben die Frage des heilsamen Dunkels -der Tröstung im Unbehausten - neu stellt, um nicht wieder beim Lachen der Trostlosigkeit zu enden.

Der Autor ist Univ. Prof. an der Karl-Franzens-Universität Graz

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