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Ein Königshaus für alle Fälle

Sie trinken, toben, betrügen einander und haben stets einen Verwandten parat, der mit seinem Fehlverhalten die Dynastie ins Schleudern bringt. Der britische Boulevard ist ein verlässlicher Lieferant königlicher Niedrigkeiten. Wer Blätter wie die Sun oder den Daily Mail konsumiert, wird unaufhörlich mit unschönen Anekdoten der Windsors konfrontiert - und wenn ein Großereignis wie eine Hochzeit bevorsteht, bekommt er davon umso mehr.

Die Respektlosigkeit dieser Berichte, die mit Tatsachen nur am Rande zu tun hat, produziert Skandale, die den gesetzteren, konservativen Medien reichlich Gelegenheit bieten, die Monarchie aus dem Boulevardsumpf zu ziehen und die üblen Sitten auf den niederen Rängen der Medienlandschaft zu beklagen.

Es ist ein buntes Nachrichtenkarussell, das Englands Königshaus so seit jeher zuverlässig in Schwung hält, und es dreht sich in diesen Tagen natürlich so schnell wie schon lange nicht. In gleichmäßigem Takt werden Belanglosigkeiten von der Farbe der Torte bis zu jener des Brautkleides in Umlauf gesetzt, immer im Wechselspiel mit aufsehenerregenden Einblicken in die Vergangenheit des Brautpaars: Mobbing in der Schule, Alkohol auf dem College oder auch umgekehrt.

Doch längst hätten erst- und zweitklassige Prominente dem Königshaus den Rang abgelaufen, würde es nicht eine ganz andere Position im Seelenleben der Briten besetzen. Großbritannien ist eine Nation, der ihre reale Größe als europäisches Land und bockiges, eher durchschnittliches EU-Mitglied noch nicht so recht passen will. Hartnäckig ignoriert man den Kontinent, als gäbe es da draußen noch immer ein Empire, das die ganze Aufmerksamkeit beanspruchen würde, beruft sich auf eine transatlantische Partnerschaft mit den USA, die in Washington nur wahrgenommen wird, wenn kein anderes Bündnis zur Hand ist.

In dieser chronischen Identitätskrise der Briten kommen die Windsors gerade recht.

Die Briten sind zwar eine fortschrittsgläubige und fast zwanghaft zukunftsorientierte Nation, doch dem gegenüber steht die ebenso große Liebe zur Flucht in Nostalgie. Kein Land konserviert seine Vergangenheit mit so viel Leidenschaft wie Großbritannien. Kein Pub lässt sich sein Gründungsjahr -vorausgesetzt es liegt zumindest 200 Jahre zurück - entgehen, kein Verein, kein Zuckerlfabrikant, der nicht stolz darauf verweist, einmal der Königin gedient zu haben. Die Monarchie ist der Angelpunkt dieser Vergangenheitsseligkeit, daher darf an ihr kein Beistrich verrückt werden.

Jede kleine Verrücktheit dieser Monarchie scheint in Stein gemeißelt. Der Geburtstag der Königin wird nicht an ihrem Geburtstag im April, sondern im Juni gefeiert, weil das Wetter für eine Parade da günstiger ist. Der Kanzler im House of Lords muss bis heute auf einem Wollsack, einst Symbol seines Reichtums, sitzen. Vor der Thronrede der Königin sucht die Parlamentswache bis heute in einem penibel zelebrierten Akt den Keller des Gebäudes ab: Katholiken haben dort 1605, also vor nur 400 Jahren, Bomben platziert.

Der Hang zur Schrulligkeit, Grundbaustein des britischen Wesens, findet in der Monarchie seinen Niederschlag. In einem Land, in dem Seltsamkeiten traditionell respektiert und gepflegt werden, scheint es fast selbstverständlich, dass auch das Königshaus nicht so recht in die Gegenwart passen will.

Das Bild der Königin, das Stephen Frears in seinem Film The Queen zeichnet, jene menschenscheue, zurückgezogene und zutiefst einsame Person, steht für einen neuen Respekt vor der Monarchie. Wo man sich von der Politik im Stich gelassen fühlt, bleibt man umso mehr dem Königshaus treu.

England freut sich über eine königliche Hochzeit, lacht über Charles’ Vorlieben für Homöopathie und Bio-Landwirtschaft - und spekuliert munter darüber, ob Königin Elisabeth den von Königin Viktoria gehaltenen Rekord von 64 Regierungsjahren einstellt.

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