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Feuilleton

Ein komplett anderes Wesen

1945 1960 1980 2000 2020
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Mit 35 Jahren hat die österreichische Schauspielerin Susanne Wuest bereits gezeigt, dass sie in ihren Rollen Abgründigkeit mit Fragilität verbinden kann. Fein nuanciert spielt sie auch in "Ich seh Ich seh" von Severin Fiala und Veronika Franz: eine Mutter, die nach einem traumatischen Ereignis für ihre Söhne nicht mehr wiederzuerkennen ist.

Die FuRche: Warum schienen Sie den Regisseuren geeignet für die Rolle? Susanne Wuest: Es gibt Menschen, mit denen verbindet man eine ähnliche Weise, die Dinge zu betrachten, und Veronika und Severin zähle ich dazu. Da gibt es ein verbindendes Interesse, genauer hinzuschauen und eine Faszination für Dinge, die anderen von außen betrachtet vielleicht eigenartig oder gar uninteressant erscheinen. Ich habe wenige Berührungsängste und ich schrecke vielleicht vor manchen Situationen länger nicht zurück als andere. Die FuRche: Der Titel des Films legt den Vergleich mit dem Kinderspiel "Ich seh, ich seh, was du nicht siehst" nahe Wuest: Der Titel des Films ist tatsächlich doppelt und dreifach clever. Zum einen spielt er natürlich auf das Kinderspiel an, das ein sehr weises Spiel ist, weil es darin um unterschiedliche Sichtweisen geht und darum, dass man meint, man sähe dasselbe wie der andere. Dabei ist das meistens gar nicht der Fall. Auf den Film bezogen bedeutet es, jemanden nicht mehr wiederzuerkennen, weil sich jemand anders benimmt oder aufgrund eines bestimmten Settings wegzusehen. Die FuRche: Woran erkennt man jemanden denn? Wuest: Ich glaube, es ist das Verhalten eines Menschen, woran man ihn wiedererkennt. Das Aussehen alleine macht einen Menschen nicht aus. Die FuRche: Zur Vorbereitung auf den Film haben die Regisseure eine Woche lang mit den Zwillingen im Haus in Haugschlag gewohnt, um sich in die Umgebung, das Haus einzufühlen -Sie auch? Wuest: Ich habe sehr viel Zeit mit Veronika und Severin verbracht, viel mit ihnen gesprochen und über das Leben dieser Frau nachgedacht, ohne das groß zu intellektualisieren. Sie geht durch eine Scheidung, hat Liebeskummer, ihr geht es offenbar richtig schlecht. Sie hat das Gefühl, dass sie versagt hat, dass die letzten zehn Jahre für nichts waren, und sie kann mit dem, was davor in der Familie passiert ist, nicht umgehen. Sie verdrängt alles, möchte die letzten Jahre ausradieren, vielleicht auch daher die Operation. Es ist ihr alles zuviel, und nun sagt sie: Jetzt bin ich einmal dran. Jetzt geht es einmal um mich. Jetzt gibt es neue Regeln. Die FuRche: Ihr Verhalten ändert sich also. Wuest: Das Interessante daran ist, dass, sobald sich diese Frau nicht mehr entsprechend ihrer Mutterrolle verhält, sondern wie eine Frau, ist sie für die Kinder plötzlich ein komplett anderes Wesen.

(Das Gespräch führte Alexandra Zawia)