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Feuilleton

Ein kritischer Geist

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Ein Sammelband vermittelt einen Überblick über die Bandbreite von Joe Bergers Arbeiten.

„Original aus Kaltenleutgeben“, Lebenskünstler, Kampftrinker und „Großzelebrator des Spontanen“ – so lauten die Schlagworte, mit denen Joe Berger als Wiener Szenefigur versehen wurde. Damit kann man sich einen kritischen Geist auch gut vom Leibe halten und sein anarchisches Potenzial verharmlosen. Der Blick bleibt dabei starr auf die Person gerichtet, all das, wogegen „Originale“ wie er protestierten und anlebten, genauso wie all das, was sie davon in ihrem Werk verarbeiteten, bleibt ausgespart. Und so war der Autor Joe Berger denn auch seit Langem vom Buchmarkt verschwunden.

Fast genau zwei Jahrzehnte nach Erscheinen seines letzten Buches „Märchen für die Satten und Irren“ (1990) bietet nun der Sammelband „Hirnhäusl“ erstmals wieder die Möglichkeit, dem Schriftsteller, Satiriker und kritischen Journalisten zu begegnen. Denn Joe Berger ist eine Figur aus einer Zeit, als Künstler mehr wollten als auf irgendeine Shortlist, einer Zeit, in der Erfolg nicht darin bestand, als Begleitprogramm unter dem Titel „Köstliche Lesung, Köstliche Küche“ das Image eines Haubenlokals zu schmücken.

Unvorstellbar ist auch, dass Joe Berger die penible Eigendokumentation „Leben, Werk und Wirkung“ betreiben würde, was heute auf den Hunderten von selbst gestalteten Homepages, ihre eigenen Nekrologe vorbereitend, die Autorinnen und Autoren selbst übernehmen. Joe Berger versprühte sich in spontanen Aktionen und skurrilen Performances, doch das Bild, der „bedeutendste nicht schreibende Literat“ (Wolfgang Bauer) zu sein, ist so doch nicht aufrechtzuerhalten. Das zeigt der vorliegende Band, der „Prosatexte aus dem Nachlass & verstreut Publiziertes“ versammelt, und in diese zweite Kategorie fallen erstaunlich viele Texte. Nicht nur die Auswahl von journalistischen Arbeiten für Harald Irnbergers M – Das Magazin und das Profil –Berger schrieb auch für Basta oder das Extrablatt –, viele seiner Prosaarbeiten sind auch in Anthologien und Literaturzeitschriften wie Freibord oder Protokolle erschienen.

Spontansatiren und Parodien

Die Herausgeberin und der Herausgeber richteten Joe Bergers „Hirnhäusl“ nach textsortenorientierten „Wohnbereichen“ ein und vermitteln damit einen Überblick über die Bandbreite von Joe Bergers Arbeiten. Es beginnt mit erzählenden Texten, darunter ein bislang ungedruckter fiktiver Brief an Brechts „BAAL“. Mitunter ahnt man die Widerhaken, die Bergers Spontansatire der Verschriftlichung entgegensetzte, doch in den besten Texten kann man die Gedanken tatsächlich wie „Bürohengste über Tischplatten galoppieren“ sehen. Einiges kontextuiert sich im historischen Abstand völlig neu: Die „Notizen im Kalender eines Unbescholtenen“ aus den 1960er-Jahren mit chronologisch aufgelisteten Belanglosigkeiten aus dem Alltagsleben lesen sich heute wie eine in die Zukunft entworfene Parodie manches Online-Tagebuch-Projekts.

Die Abschnitte zwei und drei versammeln spielerische Adaptionen des Genres Kriminalliteratur und Arbeiten aus dem Umfeld von Bergers bekanntester Textsorte, der „Märchen“-Paraphrase. Hier und auch im Abschnitt mit fantastischen Geschichten geben sich einige der Erstdrucke als Vorstufen andernorts publizierter Erzählungen zu erkennen und ermöglichen damit, dem Autor bei der Arbeit über die Schulter zu schielen.

Ein großer zweiter Themenblock zeigt Joe Berger als satirischen Kommentator, der sich immer wieder mit dem Klischee des Wienerischen und anderen Typika der „Austromysten“ beschäftigt. Auch in seinen journalistischen Beiträgen bezog Joe Berger sehr direkt politisch Stellung, etwa in einer Interview-Serie für M – Das Magazin, drei dieser Gespräche mit Fred Sinowatz, Heinz Fischer und Josef Cap sind im Band nachzulesen. Viele seiner Essays wie der „Leitfaden zur Vervollkommnung slowenenfeindlicher Haltung“ oder auch die unpublizierte Satire „Haupttugenden des österreichischen Provinzialismus“ haben nichts an Angriffigkeit eingebüßt. Etwas irritierend ist allenfalls, dass ein bislang unpublizierter Text über Israel, eine schroffe, vielleicht nicht ganz zu Ende gedachte, jedenfalls nicht freigegebene Stellungnahme, hier unkommentiert zu lesen ist.

Über das künstlerische Selbstverständnis Bergers geben abschließend vier Texte über Künstlerkollegen – Hermann Schürrer, Franz Ringel, Robert Klammer und Wolfgang Bauer – Auskunft. Eingerahmt ist die Textauswahl von einem Vorwort und einem Nachwort der beiden Herausgeber und Textnachweisen inklusive Kommentaren, die – auch ohne Bibliografie – ein Bild von Leben und Werk Joe Bergers ergeben.

Hirnhäusl

Von Joe Berger Prosatexte aus dem Nachlass & verstreut Publiziertes. Hg. von Thomas Antonic und Julia Danielczyk. Ritter 2009 303 S., kart., e 18,90

Ein Sammelband vermittelt einen Überblick über die Bandbreite von Joe Bergers Arbeiten.

„Original aus Kaltenleutgeben“, Lebenskünstler, Kampftrinker und „Großzelebrator des Spontanen“ – so lauten die Schlagworte, mit denen Joe Berger als Wiener Szenefigur versehen wurde. Damit kann man sich einen kritischen Geist auch gut vom Leibe halten und sein anarchisches Potenzial verharmlosen. Der Blick bleibt dabei starr auf die Person gerichtet, all das, wogegen „Originale“ wie er protestierten und anlebten, genauso wie all das, was sie davon in ihrem Werk verarbeiteten, bleibt ausgespart. Und so war der Autor Joe Berger denn auch seit Langem vom Buchmarkt verschwunden.

Fast genau zwei Jahrzehnte nach Erscheinen seines letzten Buches „Märchen für die Satten und Irren“ (1990) bietet nun der Sammelband „Hirnhäusl“ erstmals wieder die Möglichkeit, dem Schriftsteller, Satiriker und kritischen Journalisten zu begegnen. Denn Joe Berger ist eine Figur aus einer Zeit, als Künstler mehr wollten als auf irgendeine Shortlist, einer Zeit, in der Erfolg nicht darin bestand, als Begleitprogramm unter dem Titel „Köstliche Lesung, Köstliche Küche“ das Image eines Haubenlokals zu schmücken.

Unvorstellbar ist auch, dass Joe Berger die penible Eigendokumentation „Leben, Werk und Wirkung“ betreiben würde, was heute auf den Hunderten von selbst gestalteten Homepages, ihre eigenen Nekrologe vorbereitend, die Autorinnen und Autoren selbst übernehmen. Joe Berger versprühte sich in spontanen Aktionen und skurrilen Performances, doch das Bild, der „bedeutendste nicht schreibende Literat“ (Wolfgang Bauer) zu sein, ist so doch nicht aufrechtzuerhalten. Das zeigt der vorliegende Band, der „Prosatexte aus dem Nachlass & verstreut Publiziertes“ versammelt, und in diese zweite Kategorie fallen erstaunlich viele Texte. Nicht nur die Auswahl von journalistischen Arbeiten für Harald Irnbergers M – Das Magazin und das Profil –Berger schrieb auch für Basta oder das Extrablatt –, viele seiner Prosaarbeiten sind auch in Anthologien und Literaturzeitschriften wie Freibord oder Protokolle erschienen.

Spontansatiren und Parodien

Die Herausgeberin und der Herausgeber richteten Joe Bergers „Hirnhäusl“ nach textsortenorientierten „Wohnbereichen“ ein und vermitteln damit einen Überblick über die Bandbreite von Joe Bergers Arbeiten. Es beginnt mit erzählenden Texten, darunter ein bislang ungedruckter fiktiver Brief an Brechts „BAAL“. Mitunter ahnt man die Widerhaken, die Bergers Spontansatire der Verschriftlichung entgegensetzte, doch in den besten Texten kann man die Gedanken tatsächlich wie „Bürohengste über Tischplatten galoppieren“ sehen. Einiges kontextuiert sich im historischen Abstand völlig neu: Die „Notizen im Kalender eines Unbescholtenen“ aus den 1960er-Jahren mit chronologisch aufgelisteten Belanglosigkeiten aus dem Alltagsleben lesen sich heute wie eine in die Zukunft entworfene Parodie manches Online-Tagebuch-Projekts.

Die Abschnitte zwei und drei versammeln spielerische Adaptionen des Genres Kriminalliteratur und Arbeiten aus dem Umfeld von Bergers bekanntester Textsorte, der „Märchen“-Paraphrase. Hier und auch im Abschnitt mit fantastischen Geschichten geben sich einige der Erstdrucke als Vorstufen andernorts publizierter Erzählungen zu erkennen und ermöglichen damit, dem Autor bei der Arbeit über die Schulter zu schielen.

Ein großer zweiter Themenblock zeigt Joe Berger als satirischen Kommentator, der sich immer wieder mit dem Klischee des Wienerischen und anderen Typika der „Austromysten“ beschäftigt. Auch in seinen journalistischen Beiträgen bezog Joe Berger sehr direkt politisch Stellung, etwa in einer Interview-Serie für M – Das Magazin, drei dieser Gespräche mit Fred Sinowatz, Heinz Fischer und Josef Cap sind im Band nachzulesen. Viele seiner Essays wie der „Leitfaden zur Vervollkommnung slowenenfeindlicher Haltung“ oder auch die unpublizierte Satire „Haupttugenden des österreichischen Provinzialismus“ haben nichts an Angriffigkeit eingebüßt. Etwas irritierend ist allenfalls, dass ein bislang unpublizierter Text über Israel, eine schroffe, vielleicht nicht ganz zu Ende gedachte, jedenfalls nicht freigegebene Stellungnahme, hier unkommentiert zu lesen ist.

Über das künstlerische Selbstverständnis Bergers geben abschließend vier Texte über Künstlerkollegen – Hermann Schürrer, Franz Ringel, Robert Klammer und Wolfgang Bauer – Auskunft. Eingerahmt ist die Textauswahl von einem Vorwort und einem Nachwort der beiden Herausgeber und Textnachweisen inklusive Kommentaren, die – auch ohne Bibliografie – ein Bild von Leben und Werk Joe Bergers ergeben.

Hirnhäusl

Von Joe Berger Prosatexte aus dem Nachlass & verstreut Publiziertes. Hg. von Thomas Antonic und Julia Danielczyk. Ritter 2009 303 S., kart., e 18,90