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Feuilleton

Ein Mann MIT ZWEI GESICHTERN

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Viele historische Gestalten haben ihren fixen Platz in der Geschichte. Es gibt jedoch nur wenige, mit denen sich die Nachwelt noch nach Jahrhunderten immer wieder auseinandersetzt und in deren Beurteilung sie sich noch nach Jahrhunderten uneins ist. Im Falle des römischen Kaisers Augustus dauert die Auseinandersetzung sogar zwanzig Jahrhunderte -und zwar genau, denn der Potentat starb exakt vor 2000 Jahren am 19. August im Jahr 14 n. Chr.

Augustus ist ein Mann mit zwei Gesichtern: Er setzte seinen Fuß in die Weltgeschichte als Gesetzloser, der als Warlord in einem grausamen, 15 Jahre dauernden Bürgerkrieg nicht vor Mord und Totschlag zurückschreckte, der blühende Landstriche verwüstete und Hunderttausende aus ihrer angestammten Heimat vertrieb. Werner Dahlheim, dessen Augustus-Biographie als Jubiläumsausgabe neu aufgelegt wurde (Verlag C. H. Beck), verwendet sogar mehrmals die Bezeichnung "Terrorist". Kaum aber hatte Augustus seinen letzten Gegner militärisch besiegt, wandelte er sich in einen klugen, umsichtigen Staatsmann, der in seiner 44 Jahre dauernden Herrschaft eine mehr als 200 Jahre lang währende Periode von innerem Frieden, Stabilität, Sicherheit, Wohlstand und kultureller Blüte einleitete - das augusteische Zeitalter. Und obwohl er sich selbst als Gott verehren ließ, erfreute er sich dennoch später bei den Christen größter Wertschätzung. "Ich weiß nicht, ob die Geschichte in ihrem ganzen Umfang einen Sterblichen aufzuweisen hat, dessen Charakter zweideutiger, rätselhafter und schwerer unter einen Hauptbegriff zu fassen wäre", seufzte im 18. Jahrhundert der Dichter Christoph Martin Wieland.

Kampf um die Herrschaft

Der spätere Kaiser wurde als Gaius Octavius im Jahr 63 v. Chr. geboren und war der Großneffe von niemandem Geringeren als Gaius Julius Caesar. Indem ihn sein Großonkel durch Testamentsverfügung adoptierte und zum Haupterben dessen Privatvermögens einsetzte, wurde er nolens volens Partei im Kampf um die Nachfolge des großen Feldherren und Politikers, der der Römischen Republik ein Ende gesetzt hatte und das Land diktatorisch regierte. Octavian, wie ihn die Geschichtsschreibung von nun an bezeichnet, übernahm den Beraterstab Caesars und sammelte ein Heer aus Veteranen, die seinem Großonkel treu ergeben waren. Er verbündete sich mit Caesars Vertrautem Marcus Antonius und dem Feldherren Marcus Aemilius Lepidus (das "Zweite Triumvirat") gegen die republikanisch gesinnten Caesar-Mörder Brutus und Cassius, die schließlich in der Schlacht bei Philippi geschlagen wurden und ihr Leben ließen. Als nächstes wurde der mächtige Admiral Sextus Pompeius, der mit seiner Flotte eine große Gefahr für Rom darstellte, beseitigt. Dann wurde Lepidus kaltgestellt. Nun stand Octavian im Kampf um die Herrschaft über das Römische Reich nur noch Antonius im Wege. Der einstige Weggefährte Caesars war drauf und dran, sich zum Herrscher über den gesamten Osten des Mittelmeeres aufzuschwingen. Er hatte sich mit der ägyptischen Königin Kleopatra zusammengetan und begonnen, eine eigene Dynastie zu errichten. Dies erlaubte es Octavian, seinen Kampf gegen einen innenpolitischen Gegner in einen Krieg Roms gegen einen äußeren Feind umzuinterpretieren. In der alles entscheidenden Seeschlacht von Aktium im Jahr 31 v. Chr. besiegte Octavian die Streitkräfte Antonius' und Kleopatras, im Jahr darauf eroberte er die ägyptische Hauptstadt Alexandria, sein Widersacher und dessen Geliebte nahmen sich das Leben.

Der alleinige Gewinner jahrzehntelanger Bürgerkriege schuf nun eine neue monarchische Ordnung, die sich formal auf die Institutionen der untergegangenen Republik stützte, und begründete damit das römische Kaisertum. Von da an trug er den Ehrennamen Augustus.

Höhepunkt der römischen Kunst und Kultur

Der neue Herrscher sorgte für Recht und Ordnung in seinem Reich. Anders als in der Zeit der Bürgerkriege wurden für die Abfindung ausgemusterter Soldaten mit Ackerland keine rechtmäßigen Besitzer enteignet und vertrieben. Auch der bis dahin üblichen Ausplünderung von Provinzen durch römische Statthalter setzte er ein Ende. Unter Augustus kam es in der Hauptstadt zu einem umfangreichen Bauprogramm, von den errichteten Gebäuden haben unter anderem das Augustusforum und das noch heute bewohnte Marcellus-Theater die Zeiten überdauert. Das augusteische Zeitalter gilt als Höhepunkt der römischen Kunst und Kultur: Zu Zeiten Augustus' schmiedeten die Dichter Vergil und Ovid ihre Verse, der Architekt Vitruv entdeckte das Prinzip der Perspektive. Der Bevölkerung, die mit Festen und Spielen bei Laune gehalten wurde, mangelte es an nichts. "Brot und Spiele" - auf diese berühmte Formel brachte der Satiriker Juvenal die Sozialpolitik des Kaisers. "Die Äcker fanden wieder Pflege, die Heiligtümer wurden geehrt, die Menschen genossen Ruhe und Frieden und waren sicher im Besitz ihres Eigentums", resümierte der Geschichtsschreiber Velleius Paterculus.

Ruhe und Frieden galten allerdings nur für die Bewohner des Imperiums. Nach außen war Rom ein Aggressor, der Landstriche außerhalb der Reichsgrenzen gnadenlos mit Krieg überzog. Kein Feldherr der Republik und kein anderer Kaiser hat dem Römischen Reich so umfangreiche Gebiete einverleibt wie Augustus. Die Reichsgrenze wurde bis zu den Flüssen Rhein und Donau vorgeschoben. Dabei entstanden unter anderem die Provinzen Raetia, Noricum und Pannonia, auf die sich der Großteil des heutigen Österreich aufteilte. Wien ("Vindobona") wurde von den Römern gegründet, ebenso Linz ("Lentia") und St. Pölten ("Cetium"). Waren die neuen Territorien freilich einmal erobert, dann kamen auch die Bewohner der neuen Provinzen in den Genuss von Frieden, Wohlstand, Sicherheit und der alltäglichen Annehmlichkeiten der römischen Zivilisation: Straßen, Aquädukte, Städte mit Wasserversorgung und Kanalisation, Schulen, Theater. Die Besiegten übernahmen bereitwillig Kultur und Sprache der Römer, wovon noch heute die weite Verbreitung der vom Latein abstammenden romanischen Sprachen in Europa zeugt.

Toleranz gegenüber fremden Religionen

Augustus starb friedlich am 19. August vor genau 2000 Jahren -zufällig in jenem Monat, der sechs Jahre zuvor nach ihm benannt worden war. Das war noch ein geringerer Ausdruck der maßlosen Verehrung, die dem Herrscher zuteil wurde: Bereits zu Lebzeiten war Augustus zum Gott erklärt worden und die Teilnahme an den damit verbundenen Kulten zur Pflicht. Trotzdem erfreute sich Augustus auch höchster Wertschätzung seitens der Anhänger einer Religion, deren Gott eigentlich keinen anderen neben sich duldet und deren Begründer während des Kaisers Amtszeit geboren wurde: Die Christen der Spätantike und des Mittelalters waren davon überzeugt, dass Augustus Teil des göttlichen Heilsplans sei, weil die von ihm geschaffene Ära des Friedens erst die Voraussetzung für die Ankunft Christi geschaffen habe. In der Tat boten die Grenzenlosigkeit und auch die Toleranz des römischen Reiches gegenüber fremden Religionen ideale Voraussetzungen zur schnellen Ausbreitung religiöser Ideen.

Wie soll man einen Mann beurteilen, der in einer ersten Lebensphase als skrupelloser Kriegsherr Leid über zahllose Menschen brachte, der aber danach so Großes vollbrachte, dass er zu Recht als eine Art Heiland verehrt wurde? Das Leben von Augustus/Octavian lehrt exemplarisch, dass der Mensch und sein Handeln einer differenzierteren Beurteilung unterzogen werden müssen als einer einfachen Einteilung in gut und böse. Historische Größe entzieht sich simplen moralischen Kategorien. Für Augustus-Biograf Dahlheim, der keine der Octavian'schen Verfehlungen verschweigt, gibt den Ausschlag das Bleibende in dessen Wirken: "Wenn die Dauer einer Leistung der Maßstab für Größe ist, dann war dieser Römer ein großer Mann."

Viele historische Gestalten haben ihren fixen Platz in der Geschichte. Es gibt jedoch nur wenige, mit denen sich die Nachwelt noch nach Jahrhunderten immer wieder auseinandersetzt und in deren Beurteilung sie sich noch nach Jahrhunderten uneins ist. Im Falle des römischen Kaisers Augustus dauert die Auseinandersetzung sogar zwanzig Jahrhunderte -und zwar genau, denn der Potentat starb exakt vor 2000 Jahren am 19. August im Jahr 14 n. Chr.

Augustus ist ein Mann mit zwei Gesichtern: Er setzte seinen Fuß in die Weltgeschichte als Gesetzloser, der als Warlord in einem grausamen, 15 Jahre dauernden Bürgerkrieg nicht vor Mord und Totschlag zurückschreckte, der blühende Landstriche verwüstete und Hunderttausende aus ihrer angestammten Heimat vertrieb. Werner Dahlheim, dessen Augustus-Biographie als Jubiläumsausgabe neu aufgelegt wurde (Verlag C. H. Beck), verwendet sogar mehrmals die Bezeichnung "Terrorist". Kaum aber hatte Augustus seinen letzten Gegner militärisch besiegt, wandelte er sich in einen klugen, umsichtigen Staatsmann, der in seiner 44 Jahre dauernden Herrschaft eine mehr als 200 Jahre lang währende Periode von innerem Frieden, Stabilität, Sicherheit, Wohlstand und kultureller Blüte einleitete - das augusteische Zeitalter. Und obwohl er sich selbst als Gott verehren ließ, erfreute er sich dennoch später bei den Christen größter Wertschätzung. "Ich weiß nicht, ob die Geschichte in ihrem ganzen Umfang einen Sterblichen aufzuweisen hat, dessen Charakter zweideutiger, rätselhafter und schwerer unter einen Hauptbegriff zu fassen wäre", seufzte im 18. Jahrhundert der Dichter Christoph Martin Wieland.

Kampf um die Herrschaft

Der spätere Kaiser wurde als Gaius Octavius im Jahr 63 v. Chr. geboren und war der Großneffe von niemandem Geringeren als Gaius Julius Caesar. Indem ihn sein Großonkel durch Testamentsverfügung adoptierte und zum Haupterben dessen Privatvermögens einsetzte, wurde er nolens volens Partei im Kampf um die Nachfolge des großen Feldherren und Politikers, der der Römischen Republik ein Ende gesetzt hatte und das Land diktatorisch regierte. Octavian, wie ihn die Geschichtsschreibung von nun an bezeichnet, übernahm den Beraterstab Caesars und sammelte ein Heer aus Veteranen, die seinem Großonkel treu ergeben waren. Er verbündete sich mit Caesars Vertrautem Marcus Antonius und dem Feldherren Marcus Aemilius Lepidus (das "Zweite Triumvirat") gegen die republikanisch gesinnten Caesar-Mörder Brutus und Cassius, die schließlich in der Schlacht bei Philippi geschlagen wurden und ihr Leben ließen. Als nächstes wurde der mächtige Admiral Sextus Pompeius, der mit seiner Flotte eine große Gefahr für Rom darstellte, beseitigt. Dann wurde Lepidus kaltgestellt. Nun stand Octavian im Kampf um die Herrschaft über das Römische Reich nur noch Antonius im Wege. Der einstige Weggefährte Caesars war drauf und dran, sich zum Herrscher über den gesamten Osten des Mittelmeeres aufzuschwingen. Er hatte sich mit der ägyptischen Königin Kleopatra zusammengetan und begonnen, eine eigene Dynastie zu errichten. Dies erlaubte es Octavian, seinen Kampf gegen einen innenpolitischen Gegner in einen Krieg Roms gegen einen äußeren Feind umzuinterpretieren. In der alles entscheidenden Seeschlacht von Aktium im Jahr 31 v. Chr. besiegte Octavian die Streitkräfte Antonius' und Kleopatras, im Jahr darauf eroberte er die ägyptische Hauptstadt Alexandria, sein Widersacher und dessen Geliebte nahmen sich das Leben.

Der alleinige Gewinner jahrzehntelanger Bürgerkriege schuf nun eine neue monarchische Ordnung, die sich formal auf die Institutionen der untergegangenen Republik stützte, und begründete damit das römische Kaisertum. Von da an trug er den Ehrennamen Augustus.

Höhepunkt der römischen Kunst und Kultur

Der neue Herrscher sorgte für Recht und Ordnung in seinem Reich. Anders als in der Zeit der Bürgerkriege wurden für die Abfindung ausgemusterter Soldaten mit Ackerland keine rechtmäßigen Besitzer enteignet und vertrieben. Auch der bis dahin üblichen Ausplünderung von Provinzen durch römische Statthalter setzte er ein Ende. Unter Augustus kam es in der Hauptstadt zu einem umfangreichen Bauprogramm, von den errichteten Gebäuden haben unter anderem das Augustusforum und das noch heute bewohnte Marcellus-Theater die Zeiten überdauert. Das augusteische Zeitalter gilt als Höhepunkt der römischen Kunst und Kultur: Zu Zeiten Augustus' schmiedeten die Dichter Vergil und Ovid ihre Verse, der Architekt Vitruv entdeckte das Prinzip der Perspektive. Der Bevölkerung, die mit Festen und Spielen bei Laune gehalten wurde, mangelte es an nichts. "Brot und Spiele" - auf diese berühmte Formel brachte der Satiriker Juvenal die Sozialpolitik des Kaisers. "Die Äcker fanden wieder Pflege, die Heiligtümer wurden geehrt, die Menschen genossen Ruhe und Frieden und waren sicher im Besitz ihres Eigentums", resümierte der Geschichtsschreiber Velleius Paterculus.

Ruhe und Frieden galten allerdings nur für die Bewohner des Imperiums. Nach außen war Rom ein Aggressor, der Landstriche außerhalb der Reichsgrenzen gnadenlos mit Krieg überzog. Kein Feldherr der Republik und kein anderer Kaiser hat dem Römischen Reich so umfangreiche Gebiete einverleibt wie Augustus. Die Reichsgrenze wurde bis zu den Flüssen Rhein und Donau vorgeschoben. Dabei entstanden unter anderem die Provinzen Raetia, Noricum und Pannonia, auf die sich der Großteil des heutigen Österreich aufteilte. Wien ("Vindobona") wurde von den Römern gegründet, ebenso Linz ("Lentia") und St. Pölten ("Cetium"). Waren die neuen Territorien freilich einmal erobert, dann kamen auch die Bewohner der neuen Provinzen in den Genuss von Frieden, Wohlstand, Sicherheit und der alltäglichen Annehmlichkeiten der römischen Zivilisation: Straßen, Aquädukte, Städte mit Wasserversorgung und Kanalisation, Schulen, Theater. Die Besiegten übernahmen bereitwillig Kultur und Sprache der Römer, wovon noch heute die weite Verbreitung der vom Latein abstammenden romanischen Sprachen in Europa zeugt.

Toleranz gegenüber fremden Religionen

Augustus starb friedlich am 19. August vor genau 2000 Jahren -zufällig in jenem Monat, der sechs Jahre zuvor nach ihm benannt worden war. Das war noch ein geringerer Ausdruck der maßlosen Verehrung, die dem Herrscher zuteil wurde: Bereits zu Lebzeiten war Augustus zum Gott erklärt worden und die Teilnahme an den damit verbundenen Kulten zur Pflicht. Trotzdem erfreute sich Augustus auch höchster Wertschätzung seitens der Anhänger einer Religion, deren Gott eigentlich keinen anderen neben sich duldet und deren Begründer während des Kaisers Amtszeit geboren wurde: Die Christen der Spätantike und des Mittelalters waren davon überzeugt, dass Augustus Teil des göttlichen Heilsplans sei, weil die von ihm geschaffene Ära des Friedens erst die Voraussetzung für die Ankunft Christi geschaffen habe. In der Tat boten die Grenzenlosigkeit und auch die Toleranz des römischen Reiches gegenüber fremden Religionen ideale Voraussetzungen zur schnellen Ausbreitung religiöser Ideen.

Wie soll man einen Mann beurteilen, der in einer ersten Lebensphase als skrupelloser Kriegsherr Leid über zahllose Menschen brachte, der aber danach so Großes vollbrachte, dass er zu Recht als eine Art Heiland verehrt wurde? Das Leben von Augustus/Octavian lehrt exemplarisch, dass der Mensch und sein Handeln einer differenzierteren Beurteilung unterzogen werden müssen als einer einfachen Einteilung in gut und böse. Historische Größe entzieht sich simplen moralischen Kategorien. Für Augustus-Biograf Dahlheim, der keine der Octavian'schen Verfehlungen verschweigt, gibt den Ausschlag das Bleibende in dessen Wirken: "Wenn die Dauer einer Leistung der Maßstab für Größe ist, dann war dieser Römer ein großer Mann."