Ein Markt wie jeder andere

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Ein Hundertwasser, vom Meister selbst für echt erklärt, muß noch lange nicht echt sein. Investitionen in alte Meister sind sicherer als in moderne.

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Ein Hundertwasser, vom Meister selbst für echt erklärt, muß noch lange nicht echt sein. Investitionen in alte Meister sind sicherer als in moderne.

Bis zum Ende des zweiten Weltkrieges gab es nur drei Formen der Wertanlage: Bargeld, Juwelen, Gold oder Immobilien", meint Peter Wolf, Chefexperte des Wiener Dorotheums für alte Meister. Seitdem aber boomt der Markt mit Kunstwerken.

Als er im Jahr 1987 ans traditionsreiche Haus kam, erwirtschafteten die alten Meister neun Millionen Schilling Umsatz, 1990 später waren es 93 Millionen, die Werke von 1200 bis 1800 umsetzten. Im allgemeinen wertbeständig, ändert die Zuschreibung den Preis. Ein guter Experte mit Kennerschaft ist Goldes wert, Peter Wolf ist einer, potentielle Kunden finden ihn rasch. "Ob etwas eigenhändig gemalt ist, oder gut kopiert, macht beim Betrachter keinen Unterschied", glaubt Wolf nicht an die Faszination des Originals.

Der Marktwert steigt aber beim echten Rubens im Gegensatz zur gekonntesten Kopie gleich mehrfach. Irrtümer kommen vor. Während des 2. Weltkriegs tauchten in den Niederlanden plötzlich viele Vermeer-Bilder auf. Tausende Menschen gerieten bei einer Ausstellung der Kunstsensation in Den Haag in Verzückung. Auch Sammler Hermann Göring erfuhr von den Vermeer-Funden und brüstete sich mit dem Kauf eines Werkes. Erst als der Händler, Han van Megeren, wegen Kollaboration mit dem Feind ins Gefängnis mußte, flog der Schwindel auf. Van Megerens Überlebenswillen besiegte seine Geldgier. Er ließ sich Malutensilien bringen und kopierte den alten Meister. Das Rätsel um die Vermeer-Inflation war gelöst. Experte Peter Wolf empfindet heute die Kopien, die damals alle täuschten, als plump und klobig: "Wenn aber der Delacroix den Rubens kopiert, hat man schon Mühe, das festzustellen."

Früher übten sich die alten Meister gerne in der hohen Kunst der Nachahmung ihrer großen Vorbilder. So hat Rubens beispielsweise Tizian kopiert. Im Zweifel zieht man Farb- und Leinwandanalysen zu Rate. Bei Kopien, die zeitgleich entstanden sind, hilft nur noch ein geschultes Auge. Wolfs Expertenblick ist hart erarbeitet: "Ich habe 30-40.000 Stunden in Museen verbracht, echte Kennerschaft bei Bildern erwirbt man sich nur so." 6.000 Bilder betrachtet er pro Jahr, etwa ein Viertel davon gelangt zur Versteigerung. Sucht man Wolfs Rat, sollte man sich nicht als reiner Spekulant outen. "Wer den Stephansdom nicht von einer Garage unterscheiden kann, soll lieber die Hände von der Kunst lassen", sieht Wolf die Liebe zur Kunst als Voraussetzung zum Investment.

"Wenn man in Kunst investiert und auf Sicherheit anlegen will, sollte man sich für die alten Meister entscheiden. Die haben seit Jahrhunderten einen Platz in der Kunstgeschichte, da kann man nicht spekulieren und manipulieren." Ein gewisses Alter garantiert zumindest Beständigkeit, wenn nicht sogar Gewinn. "Ob der Nitsch und der Rainer in zwanzig Jahren am Misthaufen liegen, diese Entwicklung kann niemand voraussagen, der Leopold hatte mit dem Schiele enormes Glück", wagt er bei der modernen Kunst keine Prognosen. Wolf rät dazu, nur zu kaufen, woran man Freude hat: "Entscheidend ist, daß es einem gefällt." Dann trifft ein Wertverfall auch nicht so sehr.

Absichern kann man sich doch: "Nur Kolo Moser zu kaufen, ist riskant. Wenn man aber durch den Gemüsegarten alles durch hat, und einen Moser noch dazu, sind ein paar Bilder immer oben, ein paar sinken, die alten Meister bleiben im wesentlichen beständig, da kann fast nichts passieren", rät Wolf zur ausgewogenen Melange.

Der Wechsel der Kunsteinschätzung ist am Deckengemälde des Kunsthistorischen Museums gut dokumentiert: Es wurde von drei Malern ausgeführt. Die prominent plazierte Kuppel bemalte der damals hochgeschätzte Meister Munkatsch, den heute kaum wer kennt. Lunette und Bogen schmückte Hans Makart, der zur Bauzeit wenig geschätzte Gustav Klimt durfte gerade die Zwickelflächen bemalen. Heute wäre das umgekehrt. "Der Jugendstil hatte vor 50 Jahren überhaupt keinen Stellenwert", bestätigt Museumsdirektor Wilfried Seipel.

"Die Wertschöpfung eines Kunstwerkes hängt von vielen Kriterien ab. Ich bin Gott sei Dank nur bis zum 19. Jahrhundert verantwortlich", kann er sich zeitgeistigen Debatten weitgehend ferhalten. Ferdinand Waldmüller war vor 15, 20 Jahren für Privatsammler erschwinglich, jetzt erreicht er astronomische Höhen", fällt ihm der Biedermeiermeister als Beispiel extremer Wertsteigerung ein. Ein typisches Genrebild kostet heute ein bis zwei Millionen, das Zehnfache des damaligen Wertes. "Der Kunstmarkt reagiert empfindlich auf aktuelle Ereignisse. Franz Hals aus der Sammlung Rothschild erreichte 160 bis 170 Millionen, da spielte zusätzlich sicher der tragische Umstand der symbolischen Wiedergutmachung mit", sieht Seipel viele preisbildende Faktoren.

Wo ein Markt ist, wirken automatisch die Gesetze der Verknappung, des Angebots, der Nachfrage und der Marketingaktionen. Sie gelten ökonomisch für die Kunst genauso wie für alles andere. Das Ausfuhrverbot antiker Funde aus der Türkei, Ägypten oder Griechenland hat den Markt ausgetrocknet und zu einer Steigerung des Werts geführt. Für ein Museum ist das glücklicherweise irrelevant. "Das Dilemma der zeitgenössischen Kunst ist, daß sie aufgrund der Wertschöpfung und nicht wegen der Wertschätzung gekauft wird", bedauert Seipel die Dominanz des Marktes. "Ich kann schon sagen, daß mir der Mikl im Redoutensaal gefällt, aber ob er und der Rainer und der Attersee in 40, 50 Jahren überleben werden, kann man jetzt nicht wissen. Ein Urteil muß reifen", schätzt Seipel die Zeitspanne, die vergehen muß, um Kunst Bestand und Dauer zu verleihen auf etwa ein halbes Jahrhundert ein.

Zeitbedingter Geschmackswandel spiegelt sich auch im Publikumsinteresse: So war früher das Salzfaß des Cellini die Hauptattraktion des Hauses. "Würden wir das jetzt weghängen, gäbe es kaum eine Reaktion. Dafür bräche ein Sturm der Entrüstung aus, wenn Breughel verschwände. Das hätte vor 60, 70 Jahren keiner bemerkt." In diesem spannenden Wandel des Geschmacks schlummert viel Potential. "Ich bin sicher, daß viele Edelsteine im Schlamm der Geschichte untergehen", sucht Seipel immer neue Entdeckungen.

Mit dem Blick auf die Renaissancemalerin Sofonisba Anguissola ist ihm eine verspätete Wiedergutmachung geglückt. Auch Camille Claudel ist noch stark unterschätzt. Wie in der Musik Clara Schumann im Schatten ihres Mannes stand, harren auch in der Malerei noch viele weibliche Protagonistinnen ihrer Entdeckung.

Eine davon hat es zumindest momentan geschafft: Maria Lassnig wurde beim jährlichen "Kunstbarometer" des Magazins "Gewinn" mehrheitlich als die bedeutendste Künstlerin Österreichs gereiht. "Diese Anerkennung durch eine Insidergruppe führt dazu, daß jemand unbewußt mehr bietet", ist Otto Hans Ressler von den Wiener Kunst Auktionen überzeugt. Seit 1993 auf dem Markt, erzielte das junge Auktionshaus schon einen Jahresumsatz von 170 Millionen Schilling.

Das Dorotheum hat zwar die Nase vorne, besonders stolz ist Ressler aber darauf, daß in seinem Haus der bisher höchste Zuschlag in Österreich gegeben wurde. Schieles "Mädchen", von dem sich uneinige Erben trennen mußten, erreichte 50 Millionen Schilling. Immer noch 20 Millionen weniger als der oberste Schätzwert. Der wurde nur verfehlt, weil das Bundesdenkmalamt keine ausländischen Interessenten erlaubt hatte. Marktgesetze wirken auch hier. "Wenn Professor Leopold einen Schiele böte, wäre die Hölle los", bedauert Ressler. "Die Eremiten" könnten geschätzte 500 Millionen erzielen.

Geschäft ist die Vermittlung von Kunst angeblich keines. "Zum Geldverdienen ist das der falsche Ort. Da geht's vor allem um die Schönheit der Kunst, die Begegnung mit Künstlern und Sammlern. Vom Umsatz sind nur zwei Prozent Gewinn", fasziniert Ressler am Führen eines Auktionshauses vor allem die Atmosphäre.

15 Experten schätzen bei den Wiener Kunst Auktionen an die 1.600 Bilder, Antiquitäten und Jugendstilobjekte pro Jahr. Etwa 65 Prozent aller Ankäufe gehen jedes Quartal unter den Hammer. Ressel bietet Modernes bis in die achtziger Jahre. Meist liegen Fachleute richtig, aber auch Fehler und Fälschungen kommen vor. Ressler erinnert sich an ein Aquarell, das von Hundertwasser selbst als Original begutachtet wurde. Der Käufer zog selig ab und freute sich am Bild, bis er es in der Sammlung Essl wiederentdeckte. Als Hundertwasser beide Werke nebeneinander sah, erklärte er das vorher für echt erkannte als falsch.

"Eine absolute Garantie gibt es bei Zeitgenossen nicht", grinst Ressel. Wie soll es sie auch geben, wenn sich sogar der Meister irren kann? Selbst wenn der Bestand echter Rembrandts seit 1901 von 1.000 auf magere 250 geschrumpft ist, würde Ressel nie behaupten, ein Rainer sei leichter zu fälschen als ein alter Meister. "Viel eher kommt es vor, daß auf ein zeitgenössisches Original eine teurere Signatur drauf kommt", erinnert er sich an einen echten Redtenbacher, der zwar echt, allerdings mit der wertvolleren Unterschrift von Liesl Kienzl preisvermehrend verfälscht war. Leider waren die Experten des Dorotheums schlauer, die der Kunst Auktionen schlossen sich an. Prinzipiell sieht Ressler Fehleinschätzungen gelassen: "Ein Expertenirrtum ist nicht das Ende der Welt. Eine Rubensstudie stand einmal als Rubens Nachfolger mit 15.000 öS im Katalog, die erzielte bei der Auktion drei Millionen Das war damals ein toller Preis, heute ist sie vier wert. Krasse Fehleinschätzungen bringen gute Preise."

Eines der renommiertesten Auktionshäuser ist Christie's in London. "Wir sind eine Filiale, wir repräsentieren das große Haus und vermitteln zwischen Käufer und Verkäufer. Es gibt Schätzung und Beratung, interessant bleibt letztlich doch, welche Highlights man auf den Markt bringt", ist Angela Baillou stolz auf die Versteigerung der Sammlung Rothschild, die 43 Millionen Dollar brachte. Franz Marc und Oskar Schlemmer waren Bestseller. "Das war ein Jahreshighlight im traditionellen Kunstmarkt." Einmal im Jahr gehen die Früchte der Vermittlertätigkeit nach London, von 16. bis 18. Oktober sind sie noch in der Wiener Herrengasse 17 zu sehen. Der internationale Jahresumsatz bei Auktionen erreichte 1998 stolze 1.183 Millionen Pfund. 454 davon entfielen auf die moderne Kunst, alte Meister kamen auf 82 Millionen.

"Das Wesentliche ist nicht der Handels- oder Marktwert, den merkt man nicht. Aber eine Zwiesprache mit dem Werk aufnehmen, darauf kommt es an", betont Museumsdirektor Seipel. "Die Faszination der Kunst liegt darin, daß mich die Begegnung beeinflußt, daß sich mein eigenes Selbstverständnis ändert." Dieser Wert eines Werkes läßt sich nicht bezahlen, er läßt sich nur erleben, und beinhaltet doch das Wesen der Kunst. Manche blättern für so ein Erlebnis in den eigenen vier Wänden ein Vermögen hin. Seipel: "Der japanische Versicherungsdirektor, der eine Milliarde Dollar für den Dr. Cachet vom Van Gogh bezahlt hat, hat das als identitätsstiftenden Vorgang gebraucht, das ist rational nicht zu erklären."

Nächste große Auktionen in Wien: Dorotheum (1010, Dorotheergasse 17, Tel. 01/51560-0): Alte Meister, 6. Oktober. Wiener Kunst Auktionen (1010, Freyung 4, Tel. 01/5324200): Gemälde, 12. Oktober; Zeitgenössische Kunst, 13. Oktober.

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