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Ein Ort beklemmender Stille

1945 1960 1980 2000 2020

Der unbekannteste, verlassenste und einsamste Friedhof von Salzburg: der jüdische Friedhof in der Aigner Au wird in keinem Reiseführer erwähnt.

1945 1960 1980 2000 2020

Der unbekannteste, verlassenste und einsamste Friedhof von Salzburg: der jüdische Friedhof in der Aigner Au wird in keinem Reiseführer erwähnt.

Tausende Touristen trippeln täglich durch den berühmten Friedhof von St. Peter, fotografieren barockes und barockisierendes Schmiedeeisen, erschauern vor der Bergeinsamkeit, die hier einmal geherrscht haben muß und die Georg Trakl in einem hier in Marmor gemeißelten Gedicht besingt. Die Attraktionen, denen die staunenden Gruppen zustreben, sind wahrlich sehenswert, aber mit kaum ausrottbaren historischen Irrtümern behaftet. Weder waren die Katakomben in der Mönchsbergwand frühchristliche Zufluchts- und Begräbnisstätten, noch gründete Salzburgs Landespatron Rupertus das alte Stift. Er reorganisierte bloß eine dort ansässige Mönchsgemeinde und wurde deren Abtbischof. Und auch das verehrte Rupertusgrab hat sich längst als leerer römischer Aschenkasten erwiesen. Das alte Problem der Erkenntniskritik bis zur Semiotik: das Bezeichnende steht für das Bezeichnete.

Hinüber die Salzach, die Linzergasse entlang, wieder an einem marmornen Gedicht Georg Trakls vorbei, zum Sebastiansfriedhof, dem Campo santo nördlich der Alpen. Der zölibatsbrüchige Prunk- und Kunst-Erzbischof Wolfdietrich von Raitenau ruht da in seinem gekachelten Mausoleum. "Lieb bringt groß Leid" hatte er an die Kerkerwand gekritzelt, der einst so Mächtige, der seinen Leicnnam geißeln und im Morgengrauen beisetzen ließ. Der Arzt Theophrastus Bombastus Paracelsus, dessen Grabmal da steht, hat sich vermutlich mit Gott und seiner Lehre mehr auseinandergesetzt als der purpurne Kirchenfürst. Ein irgendwie fröhlicher Friedhof übrigens, eine Mozartstätte. Das Nannerl ruht hier - und die Gattin Konstanze. Und der Touristenstrom zieht durch und gedenkt.

Oben am Nonnberg, neben dem ältesten heute noch bestehenden Frauenkloster Europas, der kleine Friedhof. Bemerkenswert, was hier ein einst prominenter Kanzelredner und Benediktinerpater als Grabinschrift wählte : "Non confundar in aeternam...", der Schlußpsalm, der in Bruckners "Te Deum" so gewaltig aufklingt: "Auf Dich, mein Gott, vertraue ich - und werde ewig nicht zuschanden werden."

Nach den Parade-Friedhöfen die Gebrauchsfriedhöfe, der große Kommunalfriedhof, Gruften-Arkaden, viel aristokratischer und bürgerlicher Marmor, manch vergessenes Kreuz. Ein Kriegerdenkmal davor, alljährliches Ärgernis der Demokraten und Antifaschisten, wenn hier die Waffen-SS der ihren gedenkt. In Gnigl und Maxglan noch die alten Kirchenfriedhöfe. Vor dem letzteren wäre der Leichnam des Dichters Johannes Freumbichler fast verfault, weil die Kirche einen angeblich so gottlosen Menschen nicht begraben lassen wollte. Freumbichler war der Großvater Thomas Bernhards, der diese Episode erzählt. Von dem eher neueren Friedhof von Aigen wäre da noch zu berichten, einem blumenübersäten Gottesacker. Überall auf diesen bürgerlichen Friedhöfen Salzburgs sind Menschen zu treffen, Gräber pflegend, Lichter entzündend, denkend, betend, auch einfach wandernd, Kinder hinführend zu den Gedenkkreuzen ihrer Vorfahren, die Trauer im Leben beheimatet.

Und nun will ich nach diesem Rundgang unter bekannten und unbekannten Toten der Stadt die Schritte hinlenken zu dem unbekanntesten, verlassensten und einsamsten Friedhof von Salzburg. Nie habe ich dort je eine Menschenseele angetroffen und selbst die Frage nach dem Weg dahin löst bisweilen nur Kopfschütteln aus. Es ist der jüdische Friedhof in der Aigner Au. Wer ihn sucht : Aigner Straße stadtauswärts, vor der Bahnunterführung rechts in die Valkenauerstraße einbiegen, an der ersten Kreuzung links in die Sackgasse. Der Eingang ist leicht zu übersehen. Graue Mauer, die Hinweistafel fast überwuchert, ein unansehliches Totengräberhaus, daneben ein schlichtes Gittertor. Ein Ort beklemmender Stille, obwohl jenseits der Mauer Siedlungsbauten nahe herangerückt sind, obwohl jenseits der rückwärtigen Mauer die Eisenbahn in Richtung Hallein vorbeiführt.

Ein Friedhof ohne jedes falsche Pathos. Die Inschriften der Grabsteine sind stets nach Osten gerichtet, die Grabstätte liegt nicht vor, sondern hinter dem Stein. Nach jüdischer Sitte keine Blumen. Wer eines Toten gedenken will legt einen kleinen Stein auf sein Grab. Im Jahre 1939 wurde der Friedhof der Israelitischen Kultusgemeinde enteignet und entehrt. Etliche der Grabsteine, deren Daten bis zum ausgehenden l9.Jahrhundert zurückreichen, konnten nach 1945 aufgefunden und wieder aufgerichtet werden. Andere Steine sind nur Gedenksteine, die von Verwandten - etwa aus Amerika - hier zur Erinnerung an ihre verfolgten und umgekommenen Angehörigen errichtet wurden. Die Stadt Salzburg hat auf fünf Bronzetafeln eine lange Liste zu Tode gekommener jüdischer Mitbürger aufgestellt. Vermerkt ist, daß nach dem Zweiten Weltkrieg größere Scharen verfolgter Juden in Salzburg auf der Durchreise waren. Bei den Frauen, so ist da wörtlich zu lesen, ereigneten sich "zahlreiche Fälle nicht lebensfähiger Geburten". Die Diktion ist hintergründig und läßt die Frage offen, woher denn diese Schwangerschaften entkräfteter jüdischer Flüchtlingsfrauen stammten. Nicht lebensfähige Geburten - was heißt das eigentlich und erinnert das nicht an das unselige Menschenmaterial? Waren es nicht Menschen, Kinder, die da zur Welt kamen und sterben mußten? Ein Eiseshauch der Zeitgeschichte geht von diesen Tafeln aus. Ein paar alte Fichten stehen da, Buchsbäume, Wacholder und Tamarisken. In einigen Mauerecken Steingerümpel. Der Rasen ist ungepflegt, aber nicht unordentlich. Ab und zu kommen Salzburger Schulklassen, die sich freiwillig gemeldet haben, und jäten Unkraut und beschneiden den Graswuchs. Was die Kinder wohl denken dabei, was ihnen ihre Lehrer erzählen?

Daß es in Salzburg vor dem Zweiten Weltkrieg und überhaupt in der Geschichte des geistlichen Fürstentums eine jüdische Gemeinde gab, daß auch hier die Juden den Erzbischöfen mit Geld und Kredit behilflich waren, daß sie dafür schon einst in einer Art Ghetto kaserniert waren, mehrmals verfolgt und verbrannt wurden. Die Judengasse in der Altstadt erinnert noch daran.

Die Nationalsozialisten machten auch Salzburg auf ihre grausame Art "judenfrei". Seither sind wenige zurückgekehrt - und in der Synagoge in der Lasserstraße ist es schwierig, die zum gültigen Gebet am Sabbat notwendigen zehn erwachsenen Männer aufzutreiben. Voll wird diese Synagoge, ein schlichter Saalbau, eigentlich nur, wenn die sehr informationsfreudige Kultusgemeinde unter ihrem Präsidenten Marko Feingold die neugierigen Christen einlädt. Da wird dann der "christlich-jüdische Dialog", etwa in Vergleichsvorträgen über Pessach und Ostern, lebendig. Die Theologieprofessoren für das Alte Testament der Alma Mater Paradiana engagieren sich lebhaft für diesen Dialog, dessen sichtbares Ergebnis Merkblätter "Was Christen vom Judentum wissen sollen" sind. Oder es liest Fritz Muliar in der Synagoge aus den Schriften von Theodor Herzl, dem Begründer des Judenstaates Israel, der einst in Salzburg sein Gerichtspraktikantenjahr verbrachte. Ein Schnellzug braust hinter der Mauer vorbei. Dann wieder diese Stille, diese Totenstille. Ein paar Vögel zwitschern. Da ruhen sie nun unter ihrer Mazewa, die Crnstein und Goldstein und Wertheim, meistens mit alttestamentarischen Vornamen, Aron, Moses, Gideon, Rebecca, Mirjam. Kleine Steine da und dort auf den Grabeinfassungen. Es muß doch jemand dagewesen sein, der ihrer armen Seele gedachte.

Es ist ein guter Ort, dieser Friedhof, um nachzudenken, um zurück- und hinüberzudenken, um über Schuld und Sühne zu meditieren. Freilich, das steht auf keinem Besichtigungs- und Besuchsprogramm für Salzburg. Das ist auch gut so. Denn die Vorstellung, daß hier die Touristen wie über den Petersfriedhof ziehen, plaudernd, fotografierend, mit unverschämter Wissensgier die Ruhe störend, diese Vorstellung wäre denn doch eher ein Horror. Daß sie nicht ganz namenlos geblieben sind, wenigstens hier in der Au von Aigen, die Juden von Salzburg, das ist ein kleiner Trost. Einen von ihnen müßten seine Mitbürger noch kennen, der hier ruht, dessen Grabmal neu und prächtig glänzt : Robert Jungk an der Seite seiner Gattin Ruth, grüner Vordenker, vielgelesener und kluger Schriftsteller, vergeblicher Präsidentschaftskandidat.

Der Stein, den ich auf das Grab des Zukunftsforschers,der vergangen ist, lege, gilt ihnen allen, die hier ruhen - und auch all denen, die aus den Verbrennungsöfen der Konzentrationslager ein "Grab in den Lüften" gefunden haben, wie Paul Celan in seiner "Todesfuge" schrieb. Leise über Gras- und Moospolster, über spärlichen Kies, gehe ich hinaus. Draußen parkt ein Geländewagen mit amerikanischem Kennzeichen. Ein Mann mit gelber Golfermütze sagt "Hallo !" zu mir - und ich reiche ihm die Hand. "This is the place of my sister" (Das ist der Platz meiner Schwester) sagt er, eher erleichtert und heiter. Dann schlendert er zum Gittertor. Ich berichtige meine Meinung. Manchmal kommen doch auch Menschen auf diesen Friedhof.

LETZTE UNRUHE Hier ruht...

Nein hier ruht nicht hier bewegt einer seine ewige Unruhe durch endlose Gänge von Saal zu Saal von Pracht zu Pracht von Chor zu Chor geheiligter Freuden und immer am Tor unendlicher Klänge lauschend voll Sehnsucht packt ihn der Wächter der Ausweiskontrollor unsanft am Kragen stößt ihn zurück Unbefugten ist hier der Eintritt strengstens und dauernd verboten Und hallend verfolgt ihn die Aufpasserstimme treppauf und treppab vorüber an tausend Türen in diesem Konzerthaus beseligten Jubels Das ist die Hölle mitten im Himmel Stolpernd im Keller über Kabel und Rohre und abgelegte Requisiten findet der Unruhige endlich einen offenen spärlich beleuchteten Raum voll Spinnweben und vermoderten Flügeln und kein grimmiger Wächter verbietet den Eintritt Müde setzt sich der Unruhige auf den einzigen staubigen wackligen Sessel und erprobt jetzt allein seine keuchende Stimme und spricht und singt den Lobgesang seines verblichenen Lebens Lauter und heller und klarer und klarer steigt da empor der Klang einer nie gestillten einer verwegenen Sehnsucht und es leuchtet das unheimliche fremde Kellergewölbe Der Gesang einer unruhigen und um Gerechtigkeit rufenden einsamen Seele überträgt sich als akustische Schwingung in die tausend Säle des unendlichen Hauses und vereint sich dem Jubel gefiederter Chöre Bedenke dies eiliger Wanderer und du unruhig Denkender wenn du wieder einmal vor einer Türe stehst Eintritt verboten oder den kalten Griff des befugten Wächters des Ausweiskontrollors an deinem Kragen spürst.

Eduard C. Heinisch

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