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Ein Oscar macht noch keinen Sommer

Die Goldstatuette für "Die Fälscher" beflügelt zwar die Filmwirtschaft. An den grundsätzlichen Problemen für den österreichischen Film ändert sie aber nichts. Die Zeitrechnung (im Jahr 1 nach dem ersten Oscar "für Österreich") ist neu. Die Probleme und Perspektiven des heimischen Films haben sich hingegen wenig verändert. Und die Diagonale, die heuer vom 1. bis 6. April in Graz stattfindet, zeigt einmal mehr, wie vital die Branche trotz kleinem Produktionsvolumen und vergleichsweise geringem Standing im Gesamtfeld des Kulturbetriebs ist. Eröffnet wird das Filmfest diesmal mit dem Dokumentarfilm "Back to Africa", bei dem Regisseur Othmar Schmiderer fünf in Europa erfolgreiche Künstler/innen zurück in ihre jeweiligen afrikanischen Heimatländer begleitet. Redaktion: Otto Friedrich

Es war das erste Mal seit vielen Jahren, dass sich sogar der Boulevard mit dem österreichischen Film befasst hat. Neben der vereinnahmenden Schlagzeile "Wir sind Oscar" waren es die zahllosen Insider-Reportagen in den buntesten Blättern des Landes, die den Erfolg des österreichischen Films "Die Fälscher" in Hollywood illustrierten und ganz nebenbei einige heimische Schauspieler und Filmemacher in den "Star"-Status erhoben. "So verbrachte Karl Markovics die Stunden vor dem Oscar" lautete eine der Geschichten, wo selbiger verriet: "Vor dem Oscar musste ich aufs Klo!" Wenn das nicht der Beginn eines echten Star-Systems ist, innerhalb dessen man sich künftig keine Sorgen mehr um marode Einspielergebnisse für den österreichischen Film machen muss! Ein bisschen Gossip - und schon preisen die Leute heimische Filmkunst und stürmen ins Kino.

Oscar-Hype

Bei "Die Fälscher" hat das funktioniert: Seit dem gewonnenen Oscar wurde rund um den Film ein regelrechter Hype entfacht: Der Verleih Filmladen brachte "Die Fälscher" erneut mit 47 Kopien in die Kinos und erreichte seither knapp 120.000 Zuschauer. Und das, obwohl "Die Fälscher" längst auf DVD erschienen ist. Aber auch da brachte der Oscar einen Boom: 20.000 DVDs wurden bereits abgesetzt (vgl. dazu Seite II/III).

So einen medialen Hype hätte der Film schon vor einem Jahr gebraucht, als er mit 15 Kopien in die Kinos kam, beflügelt von der Teilnahme im Berlinale-Wettbewerb. Damals aber wollten nur knapp 35.000 Zuschauer den Film sehen, erst der Oscar ließ die Zahl der Interessenten explodieren. Der Sturm auf die zugänglich inszenierte KZ-Geschichte ist das Ergebnis einer Marketing-Strategie, die nichts kostete (den Oscar gab's umsonst), aber wirksam jenes Problem aufzeigte, unter dem die gesamte heimische Filmbranche leidet: Es fehlt an Aufmerksamkeit.

Qualität ohne Öffentlichkeit

Denn der österreichische Film braucht keinen Oscar, um als qualitativ hochwertig zu gelten. Das zeigen die zahlreichen Festival-Teilnahmen und -Auszeichnungen der letzten Jahre - von Michael Haneke über Barbara Albert bis zu Ulrich Seidl. Jedoch wurden all diese Erfolge in den Medien und in der Öffentlichkeit weit unter Wert wahrgenommen. Die Medien brauchten also den Oscar, um über den österreichischen Film zu berichten. Optimisten sehen nun den Bann gebrochen: Endlich würde der österreichische Film die Aufmerksamkeit bekommen, die er verdiene. Fehlt die Publicity und der Medien-Hype, dann bleiben anspruchsvolle Filmproduktionen zumeist auf der Strecke. Vor allem an der Kinokasse.

Selbstredend rief der Oscar auch die Politik auf den Plan: Regisseur Stefan Ruzowitzky wurde nach seiner Rückkehr aus Los Angeles von Politikern jeglicher Couleur hofiert: In seiner Heimatstadt Klosterneuburg verlieh man ihm den Ehrenring der Stadt. In Wien folgte tags darauf der Goldene Rathausmann, der zwar viel kleiner ist als der Oscar, aber Wien ist eben nicht Hollywood. Dazu gab es schöne Fotos mit den Polit-Granden, und fertig ist das neue Engagement der Politik für den österreichischen Film. Sogar der Kanzler und die Kulturministerin meldeten sich zu Wort: Ja, es werde nun endlich mehr Geld für den österreichischen Film geben, versprochen!

Noch blieben diese Versprechen folgenlos, wenngleich es bereits Termine für Gespräche zwischen Politik und Filmbranche geben soll. Ob diese Termine ein Ergebnis bringen, bleibt angesichts der seit Wochen schwelenden Neuwahl-Spekulation aber fraglich.

Knopf aufgegangen

Aber vielleicht ist den Medienleuten wirklich ein Knopf aufgegangen: Als Michael Haneke 2001 mit dem Großen Preis der Jury aus Cannes für "Die Klavierspielerin" in Schwechat landete, waren kaum Fotografen und Gratulanten anwesend. Bei Ruzowitzky warteten schon zwei Dutzend.

Bei der diesjährigen Diagonale (1. bis 6. April) steht wie jedes Jahr der österreichische Film im Mittelpunkt. Diskussionen, Lippenbekenntnisse für mehr Fördergelder und reger Austausch der Filmszene sind dort an der Tagesordnung. Jetzt wäre die Chance da, den Oscar-Triumph für Ruzowitzky zu einem Triumph für die ganze Branche zu machen. Schließlich sind einige hochkarätige Produktionen aus Österreich im Programm zu sehen (etwa Götz Spielmanns hervorragender Thriller "Revanche", der bei der Berlinale Premiere hatte; vgl. Seite II/III).

Anspruch vs. Breite

Aber es gibt grundsätzliche Schwierigkeiten: Viele Kinogänger nehmen die Diagonale noch immer als Randveranstaltung aus der Kunstecke wahr, weil dort auch der Kurz- und Avantgardefilm sowie künstlerisch anspruchsvolle Dokumentarfilme zu sehen sind. Die kurze Ära von Diagonale-Intendantin Birgit Flos läuft in diesem Jahr aus - Flos hatte sich in der Filmauswahl vehement der künstlerischen Qualität verschrieben. Ab kommendem Jahr könnte das anders werden, denn dann übernimmt Barbara Pichler das Ruder bei der Diagonale. Bei ihrer Ernennung Ende 2007 hat die als Kuratorin und Publizistin tätige Pichler bereits angekündigt, die Diagonale für breitenwirksames Kino zu öffnen. "Ich will kein völlig anderes Festival machen, sondern meine Intendanz in der Akzentsetzung definieren", so Pichler, die die Diagonale als Ort beschreibt, an dem Film- und Kulturpolitik gemacht werden soll. "Die Mainstream-versus-Experiment-Diskussion interessiert mich nicht, ich bin für ein breites Programm", kündigt sie an.

Mit solchem Programm hätte Pichler die Chance, dem österreichischen Film innerhalb des Landes einen anderen Status zu verleihen. Heimische Filme sind nämlich nicht per se "Nischenkunst". Dass der Film mehr Geld vom Staat braucht, ist auch ein altes Thema. Mit mehr Geld könnte man mehr Projekte realisieren. Und richtig investiert, bringt eine Budgetaufstockung auch eine vielfältigere Genre-Palette, die längst notwendige Zwischentöne zwischen Sozialdrama und Kabarettfilm zulassen würde.

Film hat keine Priorität

Das Grundproblem bleibt aber die größte Hürde: Der Film hat im österreichischen Kulturbetrieb keinerlei Priorität. Die Oper, das Konzert, das Theater - sie alle genießen in Österreich sowohl bei der Bevölkerung als auch bei der Politik einen viel höheren Stellenwert als der Film. Wenn die Oper für das Publikum das Wiener Schnitzel ist, so ist der Film vielleicht der Zander vom Grill. Schnitzel gibt es jeden Sonntag, aber wann haben Sie zuletzt einen Zander gegessen? Das sollte sich ändern. Fisch ist schließlich gesund.

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